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Worte Claudia Thoeny
Zai bedeutet auf Rätoromanisch zäh. Zäh sind auch die Skier der gleichnamigen Manufaktur aus dem Bündner Bergdorf Disentis. Die von Hand gefertigten Hightech-Bretter vereinen traditionsreiche und hochmoderne Herstellkunst zugleich. Der Anspruch dabei ist die Erschaffung des perfekten Skis.
Disentis im Bündner Oberland. Mit mir verlassen lediglich ein Mann und eine Frau den Waggon der Rhätischen Bahn. Der Mann trägt einen Skisack, auf dem das Logo von Zai erkennbar ist. Ich hänge mich an seine Fersen und treffe kurz nach ihm in der Manufaktur ein, zusammen mit der jungen Frau aus dem Zug, die sich als Medienchefin Rachel Huber vorstellt. Es scheint, als pilgere man nicht nur des Klosters wegen nach Disentis.
Die Räumlichkeiten von Zai sind bescheiden und unspektakulär. Spektakulär ist, was sich in ihnen befindet: Andeerer Granit, Eichenfurniere, Carbon, Naturkautschuk, Zedernholz, Nano-Highspeed-Renn-beläge und vieles mehr, was dem Ski beste Eigenschaften verleihen soll. In der überschaubaren Werkstatt, die zugleich Hightechcenter ist, herrscht geschäftiges Treiben. Spektakulär sind aber nicht nur die Materialien, sondern vor allem die Art und Weise, wie dieses kleine Team passionierter, einheimischer Skikonstrukteure die Skier zusammenbaut.
Ich schaue den Männern über die Schultern. Beinahe andächtig sprechen sie über ihre Arbeit mit den «laisas», «feffas», «spadas» und anderen Modellen, die unter ihren Händen Gestalt annehmen. Man spürt, dass hier nicht einfach irgendein beliebiges Alltagsgut entsteht, sondern ein hochfunktionales Meisterstück. Möglich macht dies das Zusammenspiel von skitechnischen Virtuosen, besten Rohstoffen und berglerischem Herzblut.
In einem Metallgestell liegen die 74 zugeschnittenen Teile für das Modell «testa» zum Schichten bereit. «Ein Ski setzt sich aus 70 bis 120 Einzelteilen zusammen», erklärt Produktionsleiter Marc Demont. Bei einem Massenski sind es lediglich rund 30 Teile. Während Demont mit dem Belag beginnt, arbeitet sich sein Kollege Dominik Lechmann Lage für Lage von der Oberfläche hinunter zum Kern des Skis. Jeder Handgriff sitzt. Nach rund 20 Minuten ist die erste Latte in Sandwichmanier geklebt und bereit für die Presse.
Insgesamt arbeitet ein Skibauer sieben bis zehn Stunden an einem einzigen Paar. Ein Fabrikski beansprucht durchschnittlich nur etwa 45 Minuten vollmaschineller Produktionszeit. Die Ausschussquote liegt bei Zai unter einem Prozent. Bei einem jährlichen Absatz von rund 1000 Skipaaren – damit liegt man knapp über der Break-Even-Schwelle – darf die Toleranzgrenze kaum höher sein.
Mit dem Ziel, den perfekten Ski herzustellen, gründete der Disentiser Skifanatiker Simon Jacomet vor acht Jahren die Zai-Manufaktur und holte erste Investoren an Bord. Heute hebt sich der Skihersteller nicht nur seiner Geschichte und der ungewohnten Materialien wegen von der Konkurrenz ab. «Um in unserer Marktnische erfolgreich zu sein, müssen wir uns differenzieren. Die Differenzierung macht allerdings immer nur dann Sinn, wenn der Käufer auch von einem wirklichen Mehrwert profitiert», betont Jacomet, der früher technischer Berater des Schweizer Abfahrts-Nationalteams und Skientwickler bei Salomon war.
Dieser Mehrwert hat seinen Preis. Allein die Skioberfläche aus Naturkautschuk, welche beispielsweise die Modelle «laisa» und «spada» ziert, kostet so viel wie das gesamte Material eines herkömmlichen Skis. Ist dieser Mehrwert tatsächlich spürbar? Sind Skier von Zai wirklich das Mehrfache eines guten Massenskis wert? Bei Preisen von 3800 bis hin zu 10 000 Franken für die limitierten Bentley- oder Hublot-Editionen, ist die Frage durchaus berechtigt. «Wir produzieren Skier für leidenschaftliche Skifahrer, die eine besonders ausgereifte Technik wünschen», erklärt Jacomet den Zusatznutzen.
Es sei eine Frage der Prioritäten. «Unser- Anspruch ist es, kompromisslos das Beste- aus einem Ski herauszuholen. Der Anspruch unserer Kunden ist es, einen solchen Ski zu fahren», so Jacomet weiter. «Mit unseren- Produkten wollen wir aber nicht den Millionär ansprechen, der des Prestiges wegen einen teuren Ski im Keller haben möchte.» Ihre Kunden entstammten den verschiedensten Gesellschaftsschichten. Sei es der einheimische Malermeister, der als Skifreak gleich vier Paar Zai-Skier besitze, der erfolgreiche Marketingchef oder die Lehrerin, die ihre Freizeit am liebsten auf der Piste verbringe – ihnen allen gemein sei die Liebe zum Berg und zum Skisport. Und zu den Skiern von Zai.
Die Langlebigkeit der Skier sei eines der kräftigsten Argumente, die für die Marke Zai sprechen. Doch stellt die Robustheit eines Erzeugnisses nicht zugleich ein Absatz-Dilemma dar? «Nein», widerspricht Jacomet entschieden, «unsere Produkte werden ja genau deswegen geschätzt. Ausserdem entspricht eine verminderte Qualität nicht unserer Philosophie.» Mit einem Weltmarktanteil von 0,3 Promille bewege man sich in einer kleinen Nische, die eine höhere Kompromisslosigkeit zulasse.
Kompromisse geht man bei Zai dafür ein, wenn es darum geht, dem zyklischen Wintergeschäft mit zusätzlichen Erwerbszweigen finanziellen Aufwind zu verschaffen. Zum einen mit Bekleidung, zum anderen mit Events, die Zai organisiert. Und bald werden das «zähe» Material und die Technologien auch für die Produktion von Golfschlägern verwendet. «Deren gute Eigenschaften bewähren sich auch im Golfsport. Der Ski ist und bleibt aber unser Herzprodukt», stellt Jacomet klar.
Am Herzen liegt ihm auch die kleine Auflagenzahl. Die müsse der Rentabilität wegen zwar noch etwas gesteigert werden. Im Ideal-fall auf 1500 bis maximal 2000 Paare pro Jahr, aber keinesfalls mehr. Der Firmengründer dazu: «Wir bleiben in unserer Nische. In dem Moment, wo wir expandieren und unsere Produktion nach China verlagern, suche ich augenblicklich das Weite.» Und mit ihm wohl auch seine Mitarbeiter und Kunden.