Tierische Architektur
Worte Cyril Schicker
Je grösser, teurer und aussergewöhnlicher das Architektonische ist, desto eher erregt das jeweilige Werk Aufmerksamkeit.
Überall auf der Welt entzücken sie, die eindrücklichen Bauwerke: In London steht die milliardenschwere Glasgurke (Wald-Aficionados reden von einem Tannzapfen), in St. Moritz das Chesa Futura, in Bilbao – unter anderem – das Guggenheim-Museum, in Sidney das Opernhaus, in Los Angeles das Getty Center, in Dubai der Burj Dubai, der Burj al Arab sowie die «künstliche Palme», in China das Vogelnest und und und. So gewaltig und in vielerlei Hinsicht traumhaft die meisten von ihnen auch sind, vergessen geht dabei, einmal mehr, die Tierwelt. Der Tiere architektonische Leistung ist bezüglich Ökologie, Nutzbarkeit und Optik meist über alle Zweifel erhaben und gar der menschlichen gewissermassen voraus, weshalb die tierische Architektur immer wieder als Inspiration herangezogen wird. Termiten – sie sind übrigens essbar, schmecken sogar ganz gut respektive nach Minze und sind proteinreich – können bis zu sieben Meter hohe Wohntürme bauen. Proportional gesehen käme das für uns Menschen einem vier Mal so hohen Empire State Building in New York gleich. Das Hochhaus aus Erde, Sand oder Lehm beherbergt ausserdem ein grosses Kellergewölbe und ein raffiniertes Belüftungssystem. Nicht untergehen darf hierbei die integrierte Pilzzucht. Die vitaminreiche und eiweisshaltige Nahrung ist für den Nachwuchs bestimmt. Das bauliche Können der Vögel ist ebenfalls imposant. Afrikanische Webervögel zum Beispiel beheimaten zwar nicht gerade einen ganzen Staat wie Termiten oder Bienen an einem einzigen Ort, dafür knüpfen sie nicht minder fachmännisch eine Art frei schwingender Hängematte aus langen Pflanzenfasern. Erwähnenswert sind an dieser Stelle auch Bienenstöcke, Biberdämme, Köcherfliegenlarvenröhren, Höhlenbauten von Präriehunden und Spinnennetze. Webspinnen wie auch gewisse Gliederspinnen bezirzen dabei mit extravagantesten Werken. Es gibt Raumnetze, Trichternetze, Radnetze, Leiternetze, Dreiecksnetze und Wurfnetze. Gerade das Lasso dient viel mehr dem Beutefang (Gladiatorenspinnen handhaben die Technik anders als Lassospinnen), nichtsdestotrotz ist das Werk schlicht und einfach grandios. Spinnen verbreiten zu Unrecht extremen Schrecken. Seien wir uns bewusst, dass die Achtbeiner nebst Angst einflössen nicht nur fabelhafte Netze machen, sondern auch in der Pharmaindustrie gebraucht werden – und selbst die NASA oder Hersteller von kugelsicheren Westen tüfteln mit Hilfe von Spinnen «um die Wette».














