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Worte Bojan Peric
Vinyl-Liebhaber drehen sich vor Freude mit 45 Umdrehungen pro Minute im Kreis. Trotz immer mehr Download- und Streamingangeboten, ist die Schallplatte ist wieder auf dem Vormarsch.
Die Zahlen sind verheissungsvoll wie schon lange nicht mehr. Zwischen 2007 und 2010 wuchs die Anzahl verkaufter Platten um sagenhafte 360 Prozent – Tendenz weiterhin steigend. Das totgeglaubte Medium hat sich, wie der sprichwörtliche Phönix, aus der Asche erhoben und wechselte letztes Jahr erstaunliche 3,6 Millionen Mal den Besitzer. Darüber hinaus ist die Dunkelziffer vermutlich höher, als man annehmen würde. Vinyl wird nämlich häufig von wenig bekannten Künstlern bevorzugt, die nicht über einen Barcode verfügen und darum in den Statistiken nicht erfasst werden. Entsprechend wird gemunkelt, dass die tatsächlichen Verkaufszahlen bis zu sieben Mal höher sein könnten.
Die Euphorie verebbt jedoch schlagartig, wenn die Zahlen in einem historischen Kontext betrachtet werden. Im Vergleich zu den 70-er Jahren, in denen das kleine Schwarze Jahresabsätze von nicht weniger als 340 Millionen Stück erreichte, erscheint der gegenwärtige Boom in etwa so spannend wie ein Joghurt-Ausverkauf im Tante-Emma-Laden. Dennoch ist die Entwicklung interessant, denn zeitgleich verabschiedet sich die CD, der langjährige Marktführer, mehr oder minder definitiv in die ewigen musikalischen Jagdgründe. Symptomatisch dafür ist das gegenwärtig kursierende Gerücht, Major Labels wie Sony, Universal, Warner und EMI wollten spätestens ab Ende 2012 die CD gänzlich begraben beziehungsweise auf Sammlereditionen in geringen Stückzahlen beschränken. In der Folge würde noch mehr über digitale Formate abgesetzt. Eine solche Entwicklung scheint bei der LP undenkbar. Disc Jockeys und Audiophile rund um den Globus schwören seit Jahrzehnten ungebrochen auf sie.
Um sich wortwörtlich im Grab drehen zu können, bietet die englische Firma «And Vinyly» seit kurzem gar die Möglichkeit, die eigenen sterblichen Überreste in Vinyl zu pressen – «Live on Beyond the Groove». Doch wie überlebt der analoge Dinosaurier in einer Welt, in der die CD viel praktischer ist und Downloads qualitativ immer besser werden? Wieso hält man am Rauschpegel, an der Staub- und Kratz-empfindlichkeit fest? Es scheint, als wäre der vermeintliche Nachteil der Platte, nämlich ihre Physis, zugleich ihr grösster Vorteil. Und dies nicht nur deshalb, weil die grössere Hülle den Cover-Künstlern freies Austoben ermöglicht. Rein die Tatsache, dass eine Platte- greifbar ist, sprich neben der Musik auch ein sinnliches Erlebnis bietet, ist relevant. Die Platte ist ein Produkt im eigentlichen Sinn, das sich anhören, anfassen und ansehen lässt. Stöbern, das den Namen auch wirklich verdient, ist nur mit Vinyl möglich. Und während Social Networking heute im Grunde darin besteht, alleine vor dem Computer zu sitzen, ist es beruhigend zu wissen, dass man sich immer noch mit Freunden zu einer echten Tour durch die Platten-läden treffen kann. Um dort, je nach Begleitung, auch etwas Anderes anfassen zu können als nur Vinyl.