Stranguliertes Ozeanien
Worte Cyril Schicker
Obwohl die Unterwasserwelt etwas vom Wundervollsten überhaupt ist, zerstören wir sie immer weiter. Das Maritime ist aber nicht nur wundervoll, sondern auch äusserst wichtig für unser (Fort-)Leben.
Es dürfte hinlänglich bekannt sein, dass über 70 Prozent unseres Planeten mit Wasser bedeckt sind. Es dürfte hinlänglich bekannt sein, dass unsere Weltmeere rigoros überfischt sind (für Ewiggestrige: Der Bestand grosser Speise- und Raubfische ist um 90 Prozent zurückgegangen). Es dürfte hinlänglich bekannt sein, dass Aquakultur, also die Zucht verschiedener Meereslebewesen, das ozean’sche Aussterben bei weitem nicht kompensieren kann. Es dürfte hinlänglich bekannt sein, dass sowohl Mensch als auch Klimawandel immer mehr Riffs und ähnliche «Meeresbestandteile» zerstören. Bei soviel Wissen mutet es arg komisch an, dass wir, die gescheiten, zuvorkommenden und sozial sowie nachhaltig geprägten Geschöpfe, das Maritime noch immer mit (gullivergrossen) Füssen treten. Denn wir wissen auch, dass etliche Fortschritte, ob einschneidend oder nicht, das Resultat von Adaptionen aus der Unterwassertierwelt sind. Tiefseebohrungen, nur als ein leidiges Beispiel von unzähligen, blenden das sträflich aus und tragen einzig die Wichtigkeit der Erschliessung neuer Erdölquellen auf Händen.
Die Erdölkatastrophe im Golf von Mexiko hat uns zwar die Gefahren dieser Bohrungen aufgezeigt, doch diese Art von Erdölexploration wird – unter Experten herrscht diesbezüglich Einigkeit – in Zukunft weiter an Gewicht gewinnen. BG Group, Galp Energia, Anadarko Petroleum, Tullow Oil und Konsorten sei Dank. Doch es ist und bleibt leidige Tatsache: Wird der Zerstörungswut weiterhin gefrönt, erhöht sich die Gefahr, dass künftige Progressionen verkümmern. Denn von all dem abgesehen offeriert uns Ozeanien eine wundersame Fülle an Bizarrerien, die einerseits Extravaganz verspricht, anderseits einfach nur herzallerliebst ist. So zum Beispiel der, Obacht Umgangssprache, Pistolenkrebs. Dieser ist in der Lage, einen 150 Dezibel lauten Knall zu erzeugen. Damit kann er nicht nur seine Beute lähmen und schnappen, sondern auch Sonargeräte von Schiffen in die Irre leiten. Biologen und Physiker haben herausgefunden, dass der Krebs darüber hinaus eine sogenannte Kavitationsblase bilden kann, die während dem Scherenzuschnappen einen Wasserstrahl mit 25 Metern pro Sekunde hervorbringt. Weil dadurch der Wasserdruck in der Blase sinkt, kommt es zur Implosion.
Der Alpheus heterochaelis ist natürlich nur eine unter Millionen von weiteren Aussergewöhnlichkeiten. Viele von ihnen, etwa das Leuchtwunder Galatheathauma axeli, wurden nur zufällig und mit viel Glück entdeckt, befinden sie sich doch meistens im Bathypelagial. Bathypelagial ist der Abyssus, also der Abgrund des Meeres, und der befindet sich in 2000 bis 6000 Metern Tiefe.


















