Sind sie reif für Marcel Reif?
Worte Cyril Schicker Bild Elias Ulli
Sportkommentatoren gibt es zuhauf. Nur wenige schaffen es aber, Emotionen in die gute Stube zu bringen. Wenn der hier wohnhafte und aus Deutschland stammende Marcel Reif das Mikrofon «liebkost», sieht das gänzlich anders aus.
Sie heissen Martin Masafret, Matthias Hüppi, Hans Jucker, Rainer-Maria Salzgeber, Walter Scheibli, Sascha Ruefer, Jann Billeter oder Bernard Thurnheer – und haben uns, tun es teilweise noch immer, über Jahrzehnte hinweg eher vom Fernseher weggetrieben denn angezogen. Selbstverständlich kann dieser Aussage die Objektivität abgesprochen werden. Doch wer schon ausländische Sportveranstaltungen am Fernseher mitverfolgt hat, merkt schnell, dass hiesige «Sportstimmen» eher an Radiokommentatoren gemahnen und sich oft bar jeglichen Naturells eines Fernsehkommentators verhalten.
Gerade in der Welt des Sports, die fest auf dem Fundament der Emotionen steht, kommt die Gefühlswelt einem Jojo-Spiel gleich. Auf ein Hoch folgt rasant ein Tief, auf das Tief folgt wiederum rasant das Hoch. Grauzonen gibt es nicht, Schwarz oder Weiss dominieren. Das Gute gibt dem Bösen (je nach Parteilichkeit) die Klinke in die Hand, et vice versa. Der Zuschauer ist mit Haut und Haar dabei, schwitzt Blut oder lacht Tränen und fühlt sich am Ende eines Spiels oftmals so, als hätte er im Alleingang das Pensum aller Spieler zusammen abspulen müssen. Diese Art von Hingabe verdient nun einmal gelungene Kommentare.
Die Vierteljahrhundertstimme
Einer, der Sportbegeisterte kommentatorisch auf Wolke sieben hievt, ist Marcel Reif. Seit bald einem Vierteljahrhundert ist seine Stimme am Fernsehen zu hören. Als derzeitiger Fussball-Chefkommentator bei Sky (ehemals Premiere) ist dies aber nicht mehr so oft der Fall wie auch schon. Doch der 60-Jährige lagert nicht die Füsse hoch und sonnt sich im Erfolg, der wunderbar zum Fenster herein scheint. Im Gegenteil. Reif ist dauernd auf Achse, nicht nur des Berufes wegen, sondern auch wegen seiner in München lebenden Partnerin. Sie ist (seine) Herzdame und Herzspezialistin zugleich.
Apropos Herz, das meiste, was Reif angeht, macht er mit Leidenschaft. Sei dies als Dozent, Buchautor oder Gast bei diversen Anlässen wie etwa Galas oder TV-Shows. Die unzähligen Auftritte in der Öffentlichkeit gefallen ihm denn auch nach wie vor – und immerhin sei man als Sportkommentator eitel, narzisstisch, von sich überzeugt und lasse sich vom Blitzlichtgewitter daher kaum in die Flucht schlagen. Angebote, auch als Werbeträger, schlägt er aus, wenn es sich um Sportartikelhersteller oder Firmen aus der Alkohol- und Tabakindustrie handelt. Aus Vatersicht vorbildlich. Und sportlich dazu.
Wie bringt der studierte Politikwissenschafter und einstige Auslandkorrespondent alles unter einen Hut? «Äs mues», sagt er in einwandfreiem Schweizerdeutsch, und fügt – Sprachwechsel – an: «Ich habe keine anderen Optionen, eine gute Planung macht es aber nicht nur möglich, sondern ganz angenehm.» Bleibt da überhaupt Zeit für Steckenpferde, die von ihm geritten werden? «Pünktlich abfliegen und nicht im Stau stehen hätte ich gerne als Hobby». Reif rundet seine Antwort weniger humoristisch ab: «Nebst aktivem Sport lebe ich ganz gerne. Ich bin ein Genussmensch.» Letzteres beginnt beim getränke- und speisetechnischen Frönen, führt über das Sammeln von Uhren und geht hin zum Fahren verschiedener Autos.
Uhren-Investments
Per demokratischem Entscheid seiner zwei Jüngsten habe er den Porsche in die Ecke gestellt und sich einen geräumigen Audi angeschafft. Das gehe durchaus ins Geld, teuer sei aber vor allem seine Uhrenleidenschaft. Erst kürzlich vergrösserte er seine Sammlung um eine Kostbarkeit aus dem Hause Patek Philippe. Spätestens jetzt drängt sich die Frage auf, wie viel ein Marcel Reif denn verdient. «Genug, um zweimal am Tag warm essen und seine Kinder ernähren zu können», so sein verbaler Hakenschlag. Wenn ein Engagement, das ausserhalb seines Kerngeschäftes liegt, sexy genug ist, dass er es honorarfrei mache, sei das wunderbar. Weniger sexy, aber durchaus sozial lobenswert sind Charity-Angelegenheiten.
Er dazu: «Das mache ich für mich, ist meine persönliche Angelegenheit, und kann zumindest sagen, dass ich diesbezüglich recht aktiv bin.» Auf die Frage, in welche Anlagetüre er seinen Fuss gestellt habe, kommt er wieder auf die Uhren zu sprechen. Sie seien seine grösste – und wohl auch liebste – Investmentform. Als weniger lieb respektive eher traurig erachtet er die geldgetriebene Entwicklung des Sportes: «Hat früher eine Mannschaft verloren, haben die Beteiligten bitter geweint. Verliert heute ein Team, kommt der Finanzvorstand und sagt, man habe versagt.» Der Verbalkünstler geht noch weiter: «Die Einkommensschere geht immer weiter auf, in den obersten Ligen Europas dominieren die reicheren Clubs. Ich kann Ihnen jetzt schon sagen, dass der FC Red Bull Salzburg österreichischer Meister wird.»
Selbstmord oder Meister
Mit Fokus auf Deutschland sagt Reif: «Dass der FC Bayern München Meister wird, das ist fast schon ein Gesetz. Sie müssten Selbstmord machen, wollten sie das nicht werden.» Überspitzt gesagt ist es auch (sozialer) Selbstmord, sich nicht für das Spiel auf dem Rasen zu interessieren. Der ehemalige Zweitligaspieler bringt es auf den Punkt: «Die Soziologie der Zuschauer hat sich grundlegend verändert. Fussball hat jede soziale Schicht durchdrungen, ist kein reiner Arbeitersport mehr.» Sowohl die Bratwurst essenden als auch die Champagnergläser nippenden Zuschauer geben sich dem Spiel hin.
Das Universelle im Fussball ist zwar schön und gut, das Aufeinanderprallen der Schichten hingegen nicht immer. Reifs Erklärung: «Die eingefleischten und langjährigen Fans halten den Sitzplatz-Zuschauern gerne vor Augen, dass es noch nicht lange her sei, seit sie bemerkt hätten, der Fussball sei rund und hüpfe auch ohne Frosch drin. Kommt hinzu, dass die VIP-Bereiche immer grösser werden, Hospitality sei dank, was mitunter zu mehr Spannung führt.» Dass in der Moderne deutlich mehr Geld im Spiel ist, verdeutlichen die bezahlten Summen für die TV-Rechte. Die Deutsche Bundesliga etwa kassiert in den kommenden vier Jahren für die Übertragungsrechte der ersten und zweiten Liga weit über zwei Milliarden Franken. Wie war es, als Marcel Reif kommentatorisch in den Kinderschuhen steckte? «Wenn ich mich richtig erinnere, ging es, als ich anfing, um 70 Millionen Franken.» Wahnsinnsbeträge fliessen auch in den Neu- und Umbau der Stadien, deren Transformation zu wahren Prestigeobjekten augenscheinlich ist.
Negativbeispiel Japan
Dem ist aber nicht genug, auch die giftigen Tentakel ökologischer Grausamkeiten greifen rücksichtslos um sich. Wie steht es diesbezüglich um Südafrika? Sind alle Bemühungen rund um die Weltmeisterschaft als Strohfeuer zu sehen? «Die Idee, Afrika als Austragungsort zu wählen, ist grundsätzlich gut. Es kann nicht immer Deutschland, England, Italien oder Spanien sein. Fussball ist global.» Reif, in gewohnter Redseligkeit, geht verbal weiter: «Ich war in Japan und Südkorea, das sind zwei durchaus fussballinteressierte, aber nicht fussballverrückte Länder. Speziell in Japan verbauten sie Naturschutzzonen für Stadien mit einem Fassungsvermögen von rund 50 000 Zuschauern. Die besten Architekten wurden jeweils herangezogen, die konnten sich dann wunderbar austoben. Das ist kompletter Unfug.»
Gewissermassen Unfug ist es übrigens auch, Schweizer (Sport-)Kommentatoren mit ausländischen zu vergleichen. Denn jede Nation habe ihre eigene Fernsehkultur, jegliche Nuancen fielen ins Gewicht. Marcel Reif würde denn auch nie hierzulande kommentieren. Glück für die helvetischen Fernsehstimmen, Pech für helvetische Zuschauerohren.

















