Selber konsumieren macht feiss
Worte Matthias Niklowitz Illustration Boris Gassmann
Bisher war China vor allem ein Fälscherparadies. Die stark steigenden Löhne jedoch verteuern die Produktion stetig. Profiteure sind lokal orientierte Markenhersteller sowie westliche Luxusgüterhersteller, die schon immer nur in Europa produzieren liessen.
Als sie zum ersten Mal in Shanghai den Textilshopping-Komplex an der North Henan Road sah, resümierte eine junge Studentin, es sei westliche Qualität – zu östlichen Preisen. Unter einem Dach bieten hier sechshundert Händler T-Shirts, Jeans und Turnschuhe an. «Die Sachen riechen alle nach Plastik», meint sie weiter, «und es gibt nur auffällige Kleidung, die teuer aussehen muss. Doch wenn man sie anfasst, merkt man, dass alles aus Kunstfasern besteht.» Westliche Besucher verirren sich kaum hierher, und wenn doch, werden sie entweder ignoriert oder besonders hartnäckig umworben.
Einige Händler haben sich spezialisiert und verkaufen beispielsweise Produkte der Marke Shanghai Polo Club. Das Design und die Stoffe gleichen denen der bekannten grossen westlichen Marken wie Polo Ralph Lauren oder Tommy Hilfiger. Plumpe Fälschungen sieht man kaum noch in der chinesischen Handelsmetropole. «Hier kam vor zwei Jahren eine Delegation der Welthandelsorganisation durch und liess viele Sachen konfiszieren», sagt Li Yeung, Besitzer des Shanghai-Polo-Club-Geschäfts. Einige Händler würden unter dem Ladentisch aber noch immer verbotene Waren – meist Fälschungen von Louis-Vuitton-, Gucci- oder Prada-Artikeln – bereithalten. Auch die grossen Märkte an der Hongmei Road sind inzwischen geschlossen. Wer jetzt noch eine fast echte Rolex oder Textilien kaufen möchte, muss dies im Fake Market an der West Nanjing Road versuchen.
Beinharter Wettbewerb
Allerdings haben sich die Verhältnisse für Konsumenten und Hersteller in den letzten fünf Jahren, auch an der berühmten Einkaufsstrasse Nanjing Road, geändert. Neben bekannten westlichen Herstellern buhlen nun auch chinesische Anbieter um Kunden. Der Wettbewerb ist beinhart. Laut einer Übersicht des chinesischen Handelsministeriums gibt es 1269 Hersteller von Wollbekleidung, 1623 Hersteller von Seidenhemden und -Blusen sowie 3477 Fabriken, die Baumwollhemden produzieren. Wer sich hier durchsetzen möchte, muss etwas Spezielles bieten, niedrige Preise alleine reichen nicht mehr.
Die Wirtschaftskrise ist auch in China nicht spurlos vorbeigegangen. 2009 verloren zwischen 10 und 20 Millionen chinesische Wanderarbeiter im Perlflussdelta, dem wichtigsten Produktionsgebiet, ihre Jobs. Dabei ist die Arbeitskraft bei weitem nicht der wichtigste Kostenfaktor der Kleiderproduzenten. Die Lohnkosten von Herstellern wie Texhong, Victory City, Pacific Tex und Texwinca liegen gemäss Analysten der Credit Suisse lediglich zwischen drei und sieben Prozent. Die Reingewinnmargen zwischen 7 und 15 Prozent. Das ist zwar mehr als bei etlichen westlichen Anbietern, aber deutlich unter dem Niveau der französischen oder italienischen Luxusgüterhersteller.
Luxuriöses Stelldichein
Zurück zur berühmten Nanjing Road. Einige Schritte westlich des Fake Markets liegen drei kleine, exklusive und mit viel Marmor ausgekleidete Einkaufszentren. Hier geben sich westliche Marken wie Hermes, Cartier, Gucci und Mont Blanc ein Stelldichein. Direkt vor dem Hermes-Geschäft spielt ein Kammerorchester klassische Stücke – die wohl denkbar gehobenste Form der Musik-berieselung in Shopping-Centern. Louis Vuitton liess hier gleich die ganze Fassade als Koffer mit dem bekannten Logo verzieren.
Allerdings ist es hier viel leerer als in den Geschäften der North Henan Road. Die Preise einer Speedy-Handtasche von Louis Vuitton entsprechen dem Doppelten des Jahreslohnes eines chinesischen Textilarbeiters. Auch wenn China die Wachstumsregion par excellence ist, LVMH, der Mutterkonzern von Louis Vuitton, setzt in China laut Analysten von CA Chevreux erst sechs Prozent der Produktion ab, gleich viel wie Puma und teilweise deutlich weniger als Swatch (15 Prozent), Richemont oder Bulgari (beide neun Prozent). Man sieht hier kaum Besucher mit Einkaufstaschen, es wird vor allem geschaut.
Mehr gekauft wird in der New World City Mall direkt am Volkspark. Hier bieten westliche und chinesische Anbieter ihre Waren gleichermassen an. Im Textil-Stockwerk verkaufen die Hersteller ihre Kleidung in kleinen Kojen, die dem westlichen Shop-in-Shop-Konzept ähneln. Hier bahnt sich etwas an, was auch die Konsumenten in Europa in den kommenden Jahren zu spüren bekommen könnten: Wenn die Produktionskosten in China weiterhin steigen und die Landeswährung aufgewertet wird, dürfte sich die Produktionsauslagerung für die westlichen Marken H&M und Inditex (Zara, Massimo Dutti) nicht mehr lohnen. Sie lassen heute 32 beziehungsweise 17 Prozent ihres Angebotes in China produzieren. Auch für Adidas und Puma dürfte es, so die Analysten, zu einem beträchtlichen Druck auf die Margen kommen, wird doch jeder zweite Schuh und jedes zweite Sporttrikot in China hergestellt.
30-Prozent-Wachstum
Umso mehr profitieren chinesische Konsumenten von den jüngsten makroökonomischen Verschiebungen. Laut einer Übersicht von CLSA, einem Broker aus Taiwan, sind die Löhne in Städten wie Guangzhou, Shenzen und Wuhan seit Mai 2010 zwischen 20 und 29 Prozent gestiegen. Das National Bureau of Statistics of China verkündete, dass die Textil-Einzelhandelsumsätze im ersten Halbjahr 2010 um 23,8 Prozent gewachsen sind, fast doppelt so stark wie die Produktion. Dies führte zu einem Kaufkraftanstieg, paradoxerweise profitieren jetzt wiederum die westlichen Luxusgüterhersteller, die vor allem in Europa produzieren lassen und gleich drei Entwicklungen spüren: Stärkere Nachfrage aus China, höhere Preise auf Euro-Basis und relativ fallende Produktionskosten.
Genau diese Faktoren hatten vor zehn Jahren den Textilboom in China ausgelöst. Die eingangs erwähnte Studentin fand an der Henan North Road übrigens doch noch ein schönes Polo-Shirt für ihren Freund. Der Preis betrug umgerechnet 15 Franken, soviel, wie sie auch in einem US-Outlet bezahlt hätte. Östliche Preise sind nicht mehr, was sie einmal waren.

















