- video
Schulden machen wird «en vogue»
Nachgefragt Rino Borini
Weltweit werden Schulden gemacht, die sich zu kaum erklimmenden Schuldenbergen mausern. Stefan Angele, Mitglied der Geschäftsleitung Swiss & Global Asset Management erläutert im Gespräch mit PUNKTmagazin die Folgen der hohen Staatsverschuldungen.
PUNKTmagazin Ich behaupte, die Wirtschaftskrise ist vorüber und wir sind nun in einer Schuldenkrise.
Stefan Angele Ich bin der Meinung, dass vielleicht die Finanzkrise ihren Tiefpunkt durchschritten haben mag, die Wirtschaftskrise in den westlichen Ländern ist jedoch noch nicht vorüber. Zwar sehen wir wieder positive Wachstumsraten, diese sind jedoch, und bleiben wohl auch, trotz massiver staatlicher Stimulationsprogramme und niedriger Zinsen sehr bescheiden und die Arbeitslosigkeit ist immer noch viel zu hoch.
Länder wie die USA, Griechenland oder Spanien stehen am Pranger. Droht uns in den westlichen Nationen ein Schulden-Tsunami?
Die konjunkturell bedingten Stimulationsprogramme haben gemeinsam mit den Rettungsaktionen für gebeutelte Finanzinstitute in vielen westlichen Ländern tatsächlich die Verschuldung der öffentlichen Hand regelrecht explodieren lassen, doch ist dies nur die halbe Wahrheit. Denn die aus dem Ruder laufende Staatsverschuldung vieler sogenannter «entwickelter» Länder hat oft viel weiter zurückreichende strukturelle Ursachen, die sich in der Zukunft wahrscheinlich sogar noch beschleunigen werden. In Europa zählen dazu üppig ausgestattete und nicht vorfinanzierte Sozial- und Rentensysteme sowie ein aufgeblähter Staatsapparat, in den USA sind die hohen Schulden eher ein Resultat einer Jahrzehnte dauernden Subventionierung einer zu extensiven, auf Konsum ausgerichteten Lebensstils.
Japan sollte man aber auch nicht vergessen, oder?
Das stimmt. Das Land hat bereits viele Jahre ohne Wirtschaftswachstum hinter sich, eine gemessen am Bruttoinlandprodukt rekordverdächtige öffentliche Schuldenquote und eine äusserst ungünstige demografische Entwicklung. Bisher hat die hohe Sparquote der Unternehmungen und Privatpersonen dazu geführt, dass die hohe Verschuldung Japans in erster Linie ein inländisches Ereignis blieb. Wenn aber immer mehr Rentner ihre Ersparnisse zur Sicherung ihres Lebensabends brauchen, dürfte sich dies negativ auf die Sparquote auswirken, was wiederum auf eine signifikante Verschärfung der Verschuldungsproblematik auch in Japan hindeutet.
Der Schuldengigant ist die USA. Tickt in den USA eine Zeitbombe?
Die USA ist tatsächlich mit einer vielschichtigen Schuldenproblematik konfrontiert, die als tickende Zeitbombe betrachtet werden kann. Die Rettung des kollabierenden Bankensektors sowie die Verstaatlichung weiter Teile des Immobilienmarktes (Fannie Mae und Freddie Mac) haben den zentralstaatlichen Verschuldungsgrad auf nahezu 100 Prozent des BIP ansteigen lassen. Dazu kommt aber noch die desolate Haushaltssituation in vielen Bundesstaaten sowie die extrem hohe Verschuldung der Privathaushalte, der sich mit dem Platzen der Immobilienblase dramatisch verschärft hat. In dieser Kombination nimmt die USA weltweit tatsächlich eine beängstigende führende Stellung ein. Wenn demnächst auch noch die geburtenstarke Babyboomer-Generation ohne ausreichende Vorsorge in Rente gehen will, verschärft das die Situation weiter. Die gegenwärtige Situation der USA ist eigentlich nur noch haltbar, weil die Zinsen auf US-Staatsanleihen (Treasuries) historisch tief sind und der Dollar noch immer den Status der globalen Leitwährung behalten kann. Wenn sich an diesen Faktoren etwas ändern sollte, würde dies zu einer dramatischen Verschärfung der Situation führen!
Was sind die Folgen der hohen Staatsschulden?
Die hohe Verschuldung lastet zusätzlich auf dem bereits schwachen Wirtschaftswachstum und dies dürfte wohl noch Jahre der Fall bleiben. Alleine die Zinslast des Staates frisst einen signifikanten Anteil des Wachstums weg. Eine einfach Überschlagsrechnung soll das verdeutlichen: Angenommen der Verschuldungsgrad entspricht 100 Prozent des jährlichen BIP, welches vielleicht noch mit zwei Prozent wächst. Diese Schulden müssen im Idealfall mit 1 bis 1.5 Prozent verzinst werden, somit fallen rund die Hälfte des BIP-Wachstums alleine für Schuldzinsen nur schon des Staates an, von den Schuldzinsen der einzelnen Bundesstaaten ganz zu schweigen.
Was heisst das für die Bevölkerung?
Die Folgen für die Bevölkerung dürften unangenehm sein. Tiefes Wachstum bedeutet weiterhin eine hohe Arbeitslosigkeit, dazu kommen unvermeidbare Kürzungen bei den staatlich finanzierten Leistungen wie Schulen, Universitäten, Unterhalt der Infrastruktur, Staatsangestellten, etc. Es fehlt das Geld, dringend benötigte Investitionen zu tätigen, was wiederum die Wettbewerbsfähigkeit beeinträchtigt. Im Weiteren dürfte es zunehmend zu sozialen und politischen Spannungen kommen und ein verstärkter Protektionismus wieder Salonfähig werden. Den USA steht ein äusserst schwieriges Jahrzehnt bevor. Es liegt daher nahe, davon auszugehen, dass weiterhin eine expansive Geldpolitik verfolgt wird, also immer mehr Dollars «gedruckt» werden, was mittelfristig eine deutliche Inflationsgefahr mit sich bringt und möglicherweise die Eignung des Dollars als Leitwährung längerfristig in Frage stellt (mit den bereits erwähnten negativen Auswirkungen für die US-Wirtschaft).
Werbung
Viele Schwellenländer stehen besser da. Ist dem wirklich so und was haben diese Nationen besser gemacht?
In vielen Schwellenländern – allen voran in China – sieht die Situation tatsächlich völlig anders aus als in den westlichen Staaten. Das kommt unter anderem daher, dass viele dieser Länder ihre Finanz- und Schuldenkrisen in den 90-er Jahren hatten, in den vergangenen Jahren aber von der Krise kaum betroffen waren. In fast allen asiatischen Schwellenländern hatten wir weder eine ernste Immobilien- oder Banken–Krise noch eine Rezession, höchstens eine temporäre Wachstumsabschwächung auf hohem Niveau. Dies ist neben der traditionell hohen Sparquote in diesen Ländern mit ein wichtiger Faktor, der die öffentliche Verschuldung, aber auch die Schulden der Privathaushalte im Durchschnitt auf einem signifikant tieferen Niveau als in Europa und insbesondere den USA gehalten hat. Zudem kann die Bevölkerung in den Schwellenländern bei weitem nicht auf ein vergleichbares öffentliches Sozial- und Gesundheitssystem zurückgreifen wie in der westlichen Welt.
Die alternde Gesellschaft in Europa könnte den Prozess beschleunigen. Die Folge: Pensions- und Gesundheitskosten steigen in die Höhe.
Die demografischen Trends in vielen europäischen Staaten sind tatsächlich besorgniserregend. Wenn man berücksichtigt, dass eine namhafte Kapitaldeckung der kommenden Rentenansprüche weitgehend fehlt und zukünftige Verpflichtungen in den nationalen Buchhaltungen nicht abgebildet werden, so lässt sich nur erahnen, was da auf die zukünftigen Steuerzahler an Problemen noch zu kommt. Die «dependency ratio», also das Verhältnis der Rentenbezüger zu den aktiven Steuerzahlern wird sich in den kommenden Jahren in vielen europäischen Ländern deutlich erhöhen. Wenn die Leistungsansprüche der Rentner nicht gesenkt werden bedeutet dies eine deutliche Mehrbelastung der arbeitenden Bevölkerung (Steuerzahler) oder ein weiterer Anstieg der Verschuldung und damit eine Verschiebung des Problems auf zukünftige Steuerzahler.
Das heisst..?
Die europäischen Regierungen sind nun gefordert, Wege aus der heutigen und in Zukunft sich noch verschärfenden Schuldenkrise aufzuzeigen. Dies wird kaum ohne bittere Pillen für die Bevölkerung machbar sein, was im demokratisch regierten Europa wiederum die Frage aufwirft, wie sich das mit dem natürlichen Drang der Politiker, wiedergewählt werden zu wollen, vereinbaren lässt? Wiedergewählt von der eigenen Bevölkerung nota bene, nicht von anderen Europäischen Staaten, die auf Solidarität und gegenseitige Unterstützung hoffen.
Mehr zu den gigantischen Schuldenbergen und was sonst noch unter den Begriff «Gigantonamie» fällt, ist in der PUNKTausgabe #28 nachzulesen – Jetzt abonnieren.














