Rush Hour
Worte Rino Borini
Heutige junge Erwachsene müssen in kurzer Zeit erledigen, wofür die Jungen vor einigen Dekaden mehr Zeit hatten.
Während es junge Erwachsene in den Siebziger- und Achtzigerjahren noch wesentlich ruhiger angehen lassen konnten, leben sie heute oft auf der Überholspur. Ob in Amerika oder Europa, zwischen dreissig und vierzig muss alles gleichzeitig geschehen: die Karriereleiter emporsteigen, den richtigen Partner finden, Familie gründen und vielleicht sogar ein Eigenheim erwerben. Der Berliner Soziologe Hans Bertram hat dieser Lebensphase den Begriff «Rushhour des Lebens» zugeordnet. Bertram nennt die Betroffenen die «überforderte Generation». Ganz anders verlief das Leben der in den Dreissiger- und Vierzigerjahren Geborenen. Sie heirateten in jungen Jahren, etwas später kam das erste Kind. Heute gebären Frauen in der Schweiz immer später, das Durchschnittsalter liegt aktuell bei 32 Jahren – Tendenz weiterhin steigend. Die Gründe für diese Entwicklung sieht der Berliner Professor unter anderem im Arbeitsmarkt. Früher verlangte die Wirtschaft vor allem Fachleute, die bereits in jungen Jahren ein hohes Gehalt bekamen. Heute sind hochqualifizierte Spezialisten und Akademiker gefragt. Da sie lange studieren, sind sie bei Karrierebeginn knapp bei Kasse – das obere Ende der Lohnskala erreichen sie erst viele Jahre später. Kaum ein verantwortungsvoller Mensch setzt Kinder auf die Welt, wenn auf dem Konto Ebbe- herrscht. Dazu kommt, dass ein Auslandssemester oder eine Weltreise einfacher umzusetzen ist. Da kann man sich fragen, ob eine «Rente mit 25» sinnvoll wäre. So hätten die 25- bis 40-Jährigen die Mittel dann zur Verfügung, wenn sie tatsächlich für die Familie gebraucht werden – und nicht erst im Alter. Doch wer soll das bezahlen? Realistischer wäre, die Unternehmen und das Bildungssystem so aufzustellen, dass sich junge Mütter und Väter ohne den Verlust der Karrierechancen zeitweilig aus dem Berufsalltag zurückziehen können.


















