Revolution in der 3. Dimension
Worte David Fehr
Bis vor kurzem waren 3D-Drucker nicht viel mehr als eine Spielerei für Technikfreaks. Heute wird ihnen das Potenzial attestiert, ganze Branchen fundamental umzukrempeln.
Plötzlich wurde aus der Spielerei Ernst. Heutige 3D-Drucker können eben tatsächlich, was sie schon länger versprechen: dreidimensional drucken. Zahnkronen beispielsweise, deren Herstellung wahre Handwerkskunst ist und darum oft in Billiglohnländer ausgelagert wurde oder Unsummen verursachte, können 3D-Drucker kostengünstig über Nacht produzieren. Auch das mühsame Erstellen von Modellen für Architekturprojekte könnte mit diesen Druckern der Vergangenheit angehören. Der Flugzeugbauer Boeing stellt seine Modelle für das sogenannte Rapid Prototyping, die schnelle Prototypenentwicklung, schon heute mit diesen Druckern her. Ganze Flugzeugteile wurden bereits mit 3D-Printern erstellt. Gross sind die Hoffnungen vor allem in lagerintensiven Branchen wie beispielsweise der Automobilindustrie. Die riesigen Lagerhallen für all die Ersatzteile der verschiedenen Modelle könnten in Zukunft der Vergangenheit angehören. 3D-Printer drucken das gewünschte Teil auf Abruf innert weniger Stunden. Und vor allem dort, wo es gebraucht wird. Die Weltraumorganisation Nasa denkt laut darüber nach, einen 3D-Drucker in der internationalen Raumstation ISS zu installieren. Ersatzteile müssten dann nicht mehr mit Raketen transportiert werden, sie würden im All gedruckt.
Es geht noch weiter, Stichwort Bioprinting. 3D-Drucker können aus Silikon Ersatzorgane für Menschen konstruieren. Die erste Transplantation wurde in den USA bereits vor einem Jahr durchgeführt. Der Patient lebt noch immer.
Vorboten einer Industriellen Revolution?
Sind 3D-Drucker also wirklich das nächste grosse Ding? Sind sie, wie es eine Expertenkommission des Weissen Hauses formulierte, der «mögliche Megatrend der Zukunft»? Werden sie tatsächlich zum Auslöser der nächsten «Industriellen Revolution», wie es der US-Ökonom Jeremy Rifkin prophezeit? Sicher ist: Je grösser ihre technischen Möglichkeiten werden, desto grösser wird ihr Einfluss auf die globalen Wertschöpfungsketten. 3D-Printer könnten Spielregeln von ganzen Industriezweigen neu definieren.
Genährt wurden die Hoffnungen durch den grossen Entwicklungsschub der vergangenen zwei Jahre. Zuvor waren 3D-Drucker nicht viel mehr als eine Spielerei für Technikfreaks, mit der man Murmelbahnen aus Plastik oder Ähnliches produzieren konnte. Heute können 3D-Drucker über hundert verschiedene Werkstoffe verarbeiten. Darunter Metalle wie Stahl, Aluminium, Titan oder Silber sowie diverse Kunststoffe, Glas oder Keramik. Da vermehrt verschiedenartige Stoffe in einem Druckprozess verbunden werden können, ergeben sich laufend neue praktische Umsetzungsmöglichkeiten, auch in Massenmärkten.
Starkes Wachstum verzeichnet die Branche für «generative Fertigungsverfahren und 3D-Printer» schon seit Jahrzehnten, wie der Wohlers-Report 2012 festhält. Mit durchschnittlich 26,4 Prozent sei sie seit 1988 jährlich gewachsen, 2015 wird ein Marktvolumen von 3,7 Milliarden Dollar erwartet, 2019 sollen es bereits 6,5 Milliarden sein. Nebst Druckern für den privaten Gebrauch, die für 1000 bis 2000 Franken zu haben sind und laufend besser werden, sind es vor allem Industriedrucker, die für Aufwind sorgen.
Schützen von Eigentumsrechten
Die Digitalisierung des dreidimensionalen Raums birgt auch Gefahren. Wenn zur Produktion nicht mehr ganze Fabrikanlagen nötig sind, sondern lediglich ein 3D-Printer und die Datei mit den Druckanweisungen, wird Kopierschutz zur Makulatur. Digitales Rechtemanagement (DRM) spielt beim dreidimensionalen Drucken eine zentrale Rolle. Technische Möglichkeiten, um gegen Raubkopien vorzugehen, gibt es durchaus: So können die Druckdateien mit Limitierungen versehen werden, die nur eine bestimmte Anzahl Ausdrucke erlauben.
Wie genau die Welt mit 3D-Druckern aussehen wird, bleibt abzuwarten. Doch je ausgereifter die Technologie wird, desto grösser wird ihr Einfluss auf die Wirtschaft. Wo sie eingesetzt werden, könnte sich die Gewichtung von Produktionsfaktoren fundamental verschieben. Lohn- und Lagerkosten können drastisch verkleinert werden und somit kann die Erstellung der Produkte wieder näher an ihrem vorgesehenen Einsatzort erfolgen. Bereits macht der Begriff Deglobalisierung die Runde. Das mag etwas gar voreilig sein, doch von 3D-Druckern wird man mit Sicherheit weiterhin hören – und vor allem sehen.


















