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Worte Joerg Suter
Retro-TV-Serien wie Mad Men und Boardwalk Empire drehen die Zeit zurück in die brummenden 60-er beziehungsweise die ausufernden 20-er. Gefeiert wird die pure politische Unkorrektheit. Sie betört und heimst reihenweise Fernsehpreise ein.
Die Hauptcharaktere der beiden Serien sind primitive Machos. Aber nicht, weil sie zu wenig Grips im Kopf oder zu viel Testosteron im Blut hätten, sondern einfach weil es damals normal war. Don Draper, Kreativchef der New Yorker Werbeagentur Sterling Cooper an der Madison Avenue und seinen Chefs in der Serie Mad Men liegt die Welt zu Füssen. Im vielfältigen Sinne des Wortes. Zuhause Frau und Kind, treu und ergeben, unter dem Pult die stets adretten Bürogehilfinnen. Sie selbst nippen derweil ununterbrochen an ihrem Whisky-Glas, ziehen genüsslich an der Lucky Strike und sind dabei wahnsinnig erfolgreich.
Das hört sich unendlich plump an. Und keiner hält’s für möglich, dass junge Menschen von heute – auch und vor allem Frauen – geradezu süchtig nach diesen Serien sind. Ist die Emanzipation gescheitert, oder woher kommt die Faszination? «Serien wie Mad Men oder Boardwalk Empire sind speziell auch für junge Leute attraktiv, weil sich darin die abgehobene Marktsphäre, etwa des gegenwärtigen Börsengeschehens, auf eine politisch erfrischend inkorrekte Weise spiegelt», erklärt Angela Keppler, Professorin für Medien- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Mannheim und Autorin wissenschaftlicher Arbeiten über den Fernsehkonsum. Nikotin- und Alkoholsucht sind im sauberen Gegenwarts-TV nur noch Verlierern und Bösewichten vorbehalten. In den 20-ern oder 60-ern waren sie Zeichen des Wohl-, um nicht zu sagen Anstands. Doch warum vermissen wir heute diese Lust am Fehlbaren und Ruchlosen? Andreas Ziemann, Universitätsprofessor für Mediensoziologie an der Bauhaus-Universität Weimar, erkennt hier den «klassischen Romanstoff» wieder, «der idealtypisch mit gebrochenen Charakteren, mit dem Scheitern und letztlich der kathartischen Erlösung der Protagonisten arbeitet.»
In Zeiten radikaler Rauchverbote, Abstinenzlertums, veganischer Kindererziehung und Pilates-Zumba-Wahn sind Mad Men und Boardwalk Empire willkommene Kontrapunkte. Witzig wie tragisch, stilvoll wie abgründig, historisch fundiert wie süffisant unterhaltsam. Und erfolgsverwöhnt. Gleich reihenweise holen sie in den USA Golden Globes und Emmies ab. Die zweite Staffel von Mad Men läuft übrigens seit November- 2011 im Schweizer Fernsehen. Boardwalk Empire wurde hierzulande bis jetzt nur im Pay TV ausgestrahlt, aber bereits in 160 Länder verkauft. Auch Whiskyproduzenten- profitieren vom neuen Retro-Hype, 2011 stieg der Absatz von Single Malts im Vergleich zum Vorjahr um 13,4 Prozent. Man spricht vom Mad-Men-Effekt – für den gemäss Untersuchungen überwiegend Frauen verantwortlich sein sollen.