Pornografie auf dem Weg zur Normalität
Worte Barbara Kalhammer
Die meisten konsumieren sie, auch wenn bei weitem nicht alle dazu stehen. Pornografie ist ein bedeutender Konsumzweig. Studien schätzen das weltweite Umsatzvolumen auf 40 Milliarden Franken.
Können Sie sich noch an den Macquarie-Analysten erinnern, der sich während eines Live-Interviews im Handelsraum auf seinem Computer nackte Frauen anschaute? Die Reaktionen reichten von peinlich berührt über belustigt bis hin zu empört. Natürlich ist es weder der richtige Ort noch die richtige Zeit, aber wenn wir uns an der Nase nehmen und zu uns selbst ehrlich sind, die «Tat» an sich war doch normal. Wissenschafter der Universität Montreal beispielsweise versuchten Männer zu finden, die noch nie Pornos gesehen haben. «Wir haben für unsere Untersuchung Männer zwischen 20 und 30 gesucht, die noch nie Pornografie konsumiert haben. Wir konnten aber keine finden», so Professor Simon Louis Lajeunesse.
Kein Wunder, denn laut Studie sehen sich Single-Männer durchschnittlich drei Mal die Woche je 40 Minuten lang Pornofilme an, Männer in Beziehungen 1,7 Mal je 20 Minuten. Eigentlich sollte der Konsum von Pornofilmen somit kein Tabu mehr sein. «Ist es aber bei den meisten immer noch, es ist peinlich und wird totgeschwiegen», sagt Lars Rutschmann, PR-&-Marketing-Verantwortlicher bei Mascotte Film. Anders ist die Situation in den USA. Hier sei das Bild des Schmuddelpornos verschwunden. «Porno ist etwas cooles, worüber auch gesprochen wird», meint er. «Die Darsteller haben sich von unwiderstehlichen Schönlingen zu Männern von nebenan mit hohem Identifikationsgrad gewandelt.»
Verändert haben sich auch die Vertriebswege. Heute werde zwar gleich viel verdient wie noch vor zehn Jahren, jedoch laufe der Verkauf nicht mehr nur über DVD und Video. Das Geschäft verteilt sich auf Lizenzhandel, Pay-TV, Handyclips, DVD, Internet und weitere Zweige. Eine entscheidende Rolle spielt dabei das Internet. Der weltweit bekannte Umsatz mit Online-Pornografie beträgt jährlich rund fünf Milliarden Franken. 1,6 Milliarden Franken setzte die US-Pornoindustrie im letzten Jahr allein mit Filmen für Mobiltelefone um. Für 2011 rechnen Experten mit 3,3 Milliarden Franken. Das Geschäft mit der nackten Haut ist also deutlich aufwendiger geworden. «Die schnelllebige Konsumwelt fordert von den Unternehmen eine hohe Anpassungsfähigkeit», so Rutschmann. War die Grösse eines Konzerns, wie der in Zürich ansässigen Mascotte Film, früher ein Vorteil, so fällt es den grossen Produzenten heute schwerer, den neuen Herausforderungen nachzukommen. Die Reaktionszeiten auf aktuelle Ereignisse werden immer kürzer. Und davon lebt Porno schliesslich: Mit der Zeit zu gehen.














