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Personenkult und sonstige Gefahren
Worte Bojan Peric
Selbstüberschätzung, Personenkult, Ich-Falle. Die Folgeerscheinungen des Unternehmerseins stehen häufig im Widerspruch dessen, was man sich allgemein unter Menschsein vorstellt.

Im Vorgefühl von solchem hohen Glück. Geniess ich jetzt den höchsten Augenblick.» Die letzten Worte Fausts, des wohl berühmtesten weltliterarischen Unternehmers, bevor er buchstäblich tot umfällt, sind von nicht geringer Tragik. Der mittlerweile erblindete alte Mann hält das Geräusch von Schaufeln für die Arbeit an seinem letzten grossen Projekt, das ihn überdauern sollte – die Trockenlegung eines Küstenabschnittes. In Tat und Wahrheit vernimmt er das Ausbuddeln seines eigenen Grabes. Sterbend scheitert seine unternehmerische Existenz, just im Kulminationspunkt ihrer grössten Unternehmung.
Goethe und Tyco
Auch in der echten Welt, jenseits gelber «Reclam-Heftchen» und fast zweihundert Jahre nach Goethes Drama, ereilt der unauflösbare Spagat zwischen Menschlichkeit und Entrepreneurship früher oder später jeden Unternehmer. Das Wagnis, sein Glück auf der im Bestfall nie endenden und stetig im Aufwärtstrend befindlichen kapitalistischen Autobahn zu suchen, muss mit der in jeder Hinsicht begrenzten menschlichen Existenz zwangsläufig im Missklang stehen.
Man muss kein Literaturkenner sein, um das allzu menschliche Scheitern an der unternehmerischen Tätigkeit zu erkennen. Ob Dennis Kozlowski, ehemaliger CEO von Tyco, der trotz mehr als ausreichendem Einkommen seine Firma als Selbstbedienungsladen missverstand und sich auf deren Rechnung nicht nur exorbitant teure Duschvorhänge kaufte, oder Phil Spector, der ehemals weltgrösste Popmusik-Produzent, der im Drogenwahn einem Starlet eine Gesichtshälfte wegschoss: Die Liste gescheiterter Unternehmerexistenzen ist lang.
Glücklicherweise endet nicht jede Biographie lächerlich oder katastrophal. Das Grundproblem bleibt jedoch meistens bestehen. Möchte man erfolgreicher Entrepreneur sein, ist es notwendig, sich über mindestens zwei Fakten zu erheben; einerseits die Vorstellung von Unendlichkeit, sprich die Tatsache, dass unbegrenztes Wachstum während einer begrenzten Existenz schlicht nicht stattfinden kann, anderseits bestehende Standards oder Ideologien – denn die Bejahung des Status quo ist mit der visionären unternehmerischen Tätigkeit nicht vereinbar. Es spielt keine Rolle, ob es um Jesus, Bill Gates oder Adolf Hitler geht, jede einschneidende Veränderung, positiv wie negativ, bedingt eine ideologische Umwälzung, sei sie spiritueller, kommunikativer, allgemeinmenschlicher oder anderer Art.
Steve Jobs als Pastor
Nicht jeder ist hierfür geboren. Notwendige Voraussetzung fürs firmentechnische Überleben ist überhöhter Narzissmus, der weit über die harmlose Freud’sche selbstgerichtete Libido hinausgeht und Züge des nach Bewunderung heischenden, elitären Narzissmus nach Dr. Theodore Millon, einem der profundesten Psychologen Amerikas, trägt. Damit geht unmittelbar eine Überhöhung des Selbst einher; Hochmut, von welchem schon Kirchenvater Augustin unmissverständlich konstatierte, er sei der Anfang aller Sünde.
Ein guter Unternehmer ist daher immer auch ein «Übernehmer», der sich also übernimmt, um einem System gerecht zu werden, das grösser ist als er selbst. So gesehen ist er schwerlich ein guter Christ. Und wenn wir, allen atheistischen Modeströmungen zum Trotz, anerkennen, dass wir nach wie vor in einer christlich geprägten Welt leben, auch kein guter Mensch.
Sobald die Masse das Ego des Entrepreneurs akzeptiert, ist der Weg frei für Personenkult, der bisweilen bizarre Formen annimmt. Die Heirat eines Pärchens in einem Apple Store, wobei ein Steve-Jobs-Double als Pastor fungierte, ist hierfür ein vergleichsweise harmloses Beispiel. Ereignisse wie dieses nähren wiederum den Narzissmus des Einzelnen, wodurch Hochmut zugleich Voraussetzung und Konsequenz des unternehmerischen Lebens wird.
Würde sich diese vielgescholtene Ich-Falle lediglich auf eine vergleichsweise kleine Bevölkerungsgruppe beschränken, liesse sich mit viel Zynismus und einem tränenden Auge von Kollateralschaden sprechen. Die Entwicklung des menschlichen Selbstverständnisses in den letzten Jahrzehnten – kaum Jahrhunderten – malt jedoch ein anderes Bild.
Obskurantismus
Vorbei sind die Zeiten, in denen Unternehmer gleichzusetzen waren mit obskuren, hämisch grinsenden Fabrikherren, oder, moderner, mit risikoaffinen Eigentümern und Managern. Das unternehmerische Denken durchzieht, wie unter anderem Heidbrink und Seele in ihrem aktuellen Sammelband («Unternehmertum. Vom Nutzen und Nachteil einer riskanten Lebensform»), aufzeigen, Bereiche jenseits klassischer Ökonomie.
Kirchen, Universitäten oder auch Kunst funktionieren gemäss unternehmerischen Charakteristika, und auch im Privaten gehört Entrepreneurship beinahe zum Lifestyle. Der Markt wird vergesellschaftet und dient als Regelwerk für das Alltagsleben jedes Einzelnen. Man wird zunehmend zum Unternehmer des eigenen Lebensglücks.
Folglich sind wir alle, ob «richtiger» oder Mini-Unternehmer, zwangsläufig zum Scheitern verurteilt. Dies ist nicht unbedingt schlimm, denn das «Entrepreneurial Moment» kann bekanntlich ohnehin nicht beziffert, sondern nur nach dessen Scheitern als überhaupt jemals Dagewesenes erkannt werden. Mit unserem vorprogrammierten Scheitern bezeugen wir der Nachwelt, dass wir es immerhin versucht haben. Hartnäckig und blind, wie Faust im gelben Heftchen. Und unser allzu kurzes Leben dreht sich unter dem Strich ja nicht zuletzt um diesen immerwährenden Versuch.

















