Lust am Lesen?
Abonnieren Sie PUNKTmagazin zu attraktiven Konditionen
Worte Dmitrij Gawrisch
Die Deutsche Demokratische Republik ist tot – lang lebe die DDR! Im ehemaligen Osten Deutschlands hat sich eine Industrie etabliert, die diesen Mythos gewinnbringend ausschlachtet. Auch die Marken von einst erleben eine Renaissance.
Es mag sein, dass die Glasscheiben, welche die Überdachung bilden, weniger russig sind als früher. Auch die Halle mag neu sein. Und darin mag sich eine zweistöckige McDonald’s-Filiale eingenistet haben. Aber eigentlich, wird sich manch ein Reisender denken und eine Träne unterdrücken, wenn man es genau betrachtet, ist doch noch alles so wie früher. Noch immer spucken Nachtzüge täglich übermüdete Reisende aus Moskau, Kiew, Warschau und anderen Städten des ehemaligen Ostblocks auf die Bahnsteige des Berliner Ostbahnhofs aus. Noch immer ist das Bahnhofsgebäude auf der Nordseite von grauen Plattenbauten umstellt. Noch immer riecht die Luft im Winter nach Braunkohle. Und wer noch immer nicht überzeugt ist, studiert am besten die Aushänge der Imbissbuden hinter dem Bahnhof. Die meisten schenken noch immer russische Spezialitäten wie Borschtsch, Soljanka und Wodka aus.
Man muss nicht zwingend selber in der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik aufgewachsen sein, um in dieser Umgebung Nostalgie zu empfinden. Oder eher: Ostalgie. Die Wortschöpfung, die auf den Kabarettisten Uwe Steimle zurückgeht, meint die Sehnsucht nach den Lebensweisen und Gegenständen aus dem Alltag der untergegangenen DDR. Daher verwundert es auch nicht, dass Daniel Helbig sein Ostel ausgerechnet in einer der Plattenbauten am Ostbahnhof untergebracht hat.
Das Ostel – eigentlich ein Hostel, nur eben ohne «H» – surft erfolgreich auf der Ostalgie-Welle. Hinter dem Empfangstresen zeigen Uhren die Zeit in Moskau, Havanna und Peking an. Sämtliche Plüschsofas, Blumentapeten, Multifunktionstische bis hin zu Portraits des ehemaligen Staatsvorsitzenden Erich Honecker in den Zimmern, die «Pionierlager» oder «Parteizentrale» heissen, sind ostdeutsche Originale. Helbig und sein Partner haben sie auf Flohmärkten sowie Ebay zusammengesammelt, anschliessend gereinigt und restauriert. «Nur Matratzen, Bettwäsche und Badezimmer sind neu», sagt Besitzer Helbig, selber ein Kind der DDR.
Auf Kritik von Bürgerrechtlern, in seiner Herberge werde die DDR-Diktatur verharmlost, reagiert er gelassen: «Wir wollen nicht das Regime von damals zurück. Uns interessiert das Design, in dem Menschen früher gewohnt haben.» Das Konzept scheint zu funktionieren, das Ostel ist meist ausgebucht.
Dazu passend mag manchem das Angebot von East Car Tours erscheinen. Seit 2003 bietet die Berliner Firma eine Stadtrundfahrt in einem Trabi, die Trabi-Safari, an. Wer Interesse an einem solchen Trip hat, muss jedoch zuerst in einem Crashkurs die am Lenker angebrachte Krückstockschaltung erlernen. Auch betanken muss man selber, denn der-Trabant, die ostdeutsche Antwort auf den VW-Käfer, rührt sich nur mit einem Benzin-Öl-Gemisch im Verhältnis von 50 zu 1, das an regulären Tankstellen nicht mehr erhältlich ist. Jährlich gehen mehr als 40 000 Menschen mit dem Trabi auf Berlin-Safari, mittlerweile betreibt East Car Tours rund 80 der 24-PS-starken Zweitakter, die im Volksmund wenig schmeichelhaft Rennpappe, Duroplastbomber oder Gehhilfe genannt werden.
Dennoch bleibt der Trabant, was soviel wie Begleiter oder Weggefährte bedeutet,- Kult. Zu DDR-Zeiten war er zudem eine sichere Geldanlage. Da die Wartefrist für einen neuen Trabi bis zu 14 Jahre betrug, verloren gebrauchte Fahrzeuge kaum an Wert. Fans hat der Trabi auch heute noch. Allein in Deutschland sind nach Angaben des Verkehrsministeriums – zwanzig Jahre, nachdem am 30. April 1991 der letzte Trabi vom Band lief – noch immer 33 000 Rennpappen auf den Strassen unterwegs. Deren Fahrer bezahlen übrigens sehr niedrige Versicherungsprämien. Der Trabi ist dafür bekannt, dass er nur selten liegen bleibt.
Auch die Produktmarken von einst erleben zurzeit eine Renaissance. Anders als das Ostel, der Trabi- oder das ostdeutsche Ampelmännchen mit Hut und langem Schritt, reiten sie nicht auf der Retro-Welle, sondern haben ihr Erscheinungsbild modernisiert, um mit westlichen Produkten mithalten zu können. So zum Beispiel die Rotkäppchen Sektkellerei. Mit einem gesamtdeutschen Marktanteil von 46,8 Prozent ist sie nationaler Marktführer. Freilich erwirtschaftet die Firma den Grossteil ihres Umsatzes in Höhe von fast einer Milliarde Franken noch immer in ostdeutschen Bundesländern. Dort trinken zwei von drei Menschen den Sekt der Traditionsmarke Rotkäppchen, in den westlichen Bundesländern ist es nur jeder Zehnte.
Von einst 700 DDR-Marken haben 120, also nur knapp jede sechste, bis heute überlebt. Nach der Wende und der Öffnung der Märkte waren viele Ost-Produkte schlicht nicht mehr konkurrenzfähig. Zudem wurden die Regale buchstäblich über Nacht mit Waren aus dem Westen gefüllt, um die anhaltende Abwanderung der Bevölkerung in den reicheren Westen zu stoppen. Der Absatz einst erfolgreicher DDR-Produkte wie Spreewaldgurken, Wernesgrüner-Bier oder Halloren-Schokokugeln brach ein, die meisten Betriebe machten dicht.
So wäre es auch Rotkäppchen ergangen, wenn leitende Mitarbeiter um Geschäftsführer Gunter Heise die Firma 1993 nicht aus der Konkursmasse der DDR herausgeholt und privatisiert hätten. Als die Ostdeutschen, enttäuscht von der Wende, sich der Ostalgie sowie den Marken von einst zuwandten und auch immer mehr Wessis auf den Geschmack kamen, setzte Rotkäppchen zum Höhenflug an. Dieser gipfelte in der 2002 erfolgten Übernahme des Konkurrenten Mumm. Es war die erste Übernahme überhaupt, die ein ehemaliges Ostunternehmen im Westen tätigte
Eine vergleichbare Erfolgsgeschichte schreibt Bautz’ner. Der Senf aus der undweit von Dresden gelegenen Ortschaft Bautzen war zu DDR-Zeiten sehr beliebt. Nach dem Mauerfall wäre die Marke ebenfalls verschwunden, hätte nicht das bayerische Unternehmen Develey die Senffabrik aufgekauft und modernisiert. Im heutigen Ostdeutschland ist Bautz’ner mit einem Marktanteil von sagenhaften 63 Prozent Marktführer, und auch im gesamtdeutschen Vergleich ist der «Mittelscharfe» von Bautz’ner das beliebteste Produkt. Mit 23 Prozent Marktanteil sogar vor Thomy, das vom Schweizer Lebensmittelkonzern Nestlé produziert wird.
Wie Bautz’ner und die meisten anderen Ostmarken gehört auch das DDR-Waschmittel Spee inzwischen einer Firma aus dem Westen, nämlich Henkel. Anders als etwa Develey aus Bayern setzte Henkel jedoch nicht auf den traditionellen Fertigungsort im Osten. Als die vertragliche Ortsbindung verbunden mit steuerlichen Begünstigungen in zweistelliger Millionenhöhe 2009 ausgelaufen war, packte Henkel sämtliche Produktionsanlagen zusammen und verlagerte sie nach Düsseldorf. Das einstige «Persil des Ostens» wird nun im Westen produziert.