Lieber tot als offline
Worte Dmitrij Gawrisch Bild Elias Ulli
Im Internet scheint die Sonne Tag und Nacht. Schattige Winkel, die es ebenso gibt, werden dagegen verdrängt. Ein Einblick in die Abgründe des Internets und ihre fatalen Folgen. Augenringe sind vorprogrammiert.

Im Herbst wird Kim ein Jahr abgesessen haben, ein weiteres hat er noch vor sich. Der 42-jährige ehemalige Taxifahrer und seine 25 Jahre junge Ehefrau aus Südkorea wurden wegen Kindsmisshandlung und Vernachlässigung zu je zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Sie hatten ihre drei Monate alte Tochter verhungern lassen, weil sie rund um die Uhr im Internetcafé Onlinespielen nachgingen. Und zwar ausgerechnet dem Rollenspiel Prius, bei dem es darum geht, für einen Säugling zu sorgen.
Gemeinhin stellen wir uns das Internet und seine Protagonisten wie Google, Facebook oder Wikipedia als Freunde und Helfer vor, die, von gelegentlichen Bedenken um Datensicherheit abgesehen, unser Leben nachhaltig erleichtert haben. Das gilt insbesondere für die Generation der heute über 25-Jährigen, die sich noch an eine Zeit ohne dauerhafte Vernetzung und Mobiltelefonie erinnern können. Doch mag das Internet-Meer, in dem wir schwimmen, noch so warm, klar und bunt sein, unter der Oberfläche ziehen Haie ihre Kreise. Sie sind hungrig und nicht selten schnappen sie zu.
Gamer mit Windeln
Im technikaffinen Südkorea beispielsweise gilt Internet- und Spielsucht mittlerweile als grösstes gesellschaftliches Problem. Internet und Computerspiele stehen im Verdacht, speziell auf junge Leute eine derart starke Anziehungskraft auszuüben, dass diese für die Anforderungen des normalen Lebens untauglich werden. Häufig beobachten Eltern Symptome wie Apathie, Schuleschwänzen und tagelanges Verbarrikadieren im eigenen Zimmer. Manche Jugendliche sollen sogar Windeln tragen, um nicht mehr auf die Toilette gehen zu müssen. Experten schätzen, dass 8,5 Prozent der Südkoreaner an Internet- und Spielsucht leiden, unter Jugendlichen sollen es fast 13 Prozent sein. Die Folgen machen regelmässig Schlagzeilen. Vor einem Jahr erschlug ein 22-Jähriger seine Mutter, als sie ihn vom Computer wegzerren wollte. Andere Jugendliche starben an Herzversagen, weil sie sich tagelang nicht vom Bildschirm wegbewegt hatten.
Auch im benachbarten Reich der Mitte ist Internetsucht weit verbreitet. Von 384 Millionen Chinesen, die das WWW nutzen, sollen 33 Millionen im Alter zwischen 6 und 29 Jahren darunter leiden, heisst es in einem Bericht der Chinese Academy of Social Sciences. Aber China wäre nicht China, ginge es gegen dieses Problem nicht entschlossen vor. In den vergangenen Jahren entstanden überall im Land sogenannte Internetcamps, in denen versucht wird, Internetsucht mittels Prügel und Elektroschocks auszutreiben. Erst ein 15-Jähriger, der während einer solchen «Therapiesitzung» totgeschlagen wurde, weckte in der Öffentlichkeit Zweifel an der Wirksamkeit dieser «Heilmethode».
Neugierig? Lesen Sie weiter …

















