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Bild Christine Baerlocher Nachgefragt Rino Borini
Für die einen ist PR-Altmeister Klaus J. Stöhlker einer der wenigen ehrlichen Zeitgenossen, andere halten ihn für einen Schwätzer. Unbestritten ist, dass sich der gebürtige Deutsche eingehend mit seiner Wahlheimat Schweiz auseinander setzt.

Klaus J. Stöhlker_ Ich fühle mich mehr als Schweizer. Immerhin lebe ich länger in der Schweiz als ich in Deutschland gelebt habe. Und ich sage schon immer, die Schweiz ist das schönste und demokratischste Land der Erde. Und wir müssen dieses Land beschützen. Wir müssen alles tun, damit diese Substanz erhalten bleibt. Das ist meine Kernaussage.
Ich sehe die Probleme der Schweiz mit den Ausländern, und dazu gehören auch die Deutschen. Ich verstehe auch, was Frau Rickli meint, wenn sie sich so ausdrückt. Aber wir müssen mal den Tatsachen ins Auge schauen. Der gewaltige Konflikt liegt darin, dass die Schweizer Wirtschaft derart erfolgreich ist, dass sie mit ihrem eigenen Potenzial das Niveau nicht halten geschweige denn erhöhen kann. Ohne Ausländer funktioniert es einfach nicht mehr.
Diese Aussage ist vollkommen richtig, doch das merken nur diejenigen, die in der Lage sind, sie nachzuvollziehen. Das spüren die Konzernchefs und deren führende Mitarbeiter. Das breite Volk macht die Faust im Sack. Schauen Sie, wenn ich in Zürich mit dem Tram fahre, dann sehe ich die Verzweiflung vieler Schweizer, wenn ihnen ein Ausländer gegenüber sitzt. Da entsteht eine Art von Hass. Denn oftmals leben die Ausländer in den besseren Wohnlagen, gerade die Deutschen, und da werden die Schweizer neidisch. Hier sind Verschiebungen im Gang, die im täglichen Leben offen sichtbar sind, aber von unserer politischen Elite verdeckt werden. Diese Ängste muss man sehr ernst nehmen.
Ja, ganz klar. Politiker leben davon, den Menschen Märchengeschichten zu erzählen. Und das Volk ist im Allgemeinen nicht in der Lage, das zu verstehen. Das gilt notabene nicht nur für die Schweiz.
Ich halte es für Täuschung bis Wahnsinn, was in Deutschland und in der Schweiz passiert. Die Schweiz kann nicht genug Energie zu günstigen Preisen produzieren, wenn sie aus der Kernenergie aussteigt. Ich habe verlässliche Zeugenaussagen, dass Doris Leuthard in diesen Entscheid richtiggehend hineingestolpert ist, ohne zu wissen, was sie da auslöst. Sie nennt es nun Prozess. Bezahlen wird am Ende die B-Schweiz, die mit höheren Energiepreisen belastet wird. Für die A-Schweiz spielt das keine Rolle.
In der A-Schweiz leben die grossen internationalen Konzerne wie beispielsweise Nestlé, Novartis, Holcim oder Glencore. Letzterer ist mittlerweile mit Abstand die umsatzstärkste Firma der Schweiz. Dazu kommen Anwaltsbüros, Treuhänder und Unternehmensberater und natürlich Vertreter der grossen Hochschulen. Diese A-Schweiz, die unser Land reich macht und viele gute Jobs bietet, lebt global.
Die A-Schweiz überlegt ständig, ob sie ihre Produktion in der Schweiz belassen oder ins Ausland verlagern soll. In der A-Schweiz gibt es den normalen Arbeitsplatzwettbewerb mit Indern, Südkoreanern, Deutschen oder Holländern.
Die B-Schweiz, das ist die Schweiz von gestern, die wir kennen und lieben. Die Schweiz der Vereine und der Gemütlichkeit. Sie ist aus dem zweiten Weltkrieg hervorgegangen und hatte hunderte von Jahren die verschiedenen europäischen Krisen überlebt, ist aber national geblieben. Die B-Schweiz hat vergessen, dass Nestlé von Heinrich Nestlé aus Frankfurt gegründet wurde. Auch Rolex wurde von einem Deutschen gegründet. Die B-Schweiz nimmt nicht zur Kenntnis, dass die beiden grössten Schweizer Banken längst keine Schweizer Banken mehr sind, sondern Auslandsbanken mit Hauptsitz in der Schweiz. Dasselbe gilt auch für Nestlé, Holcim und all die anderen erfolgreichen Unternehmen in der Schweiz. Das sind alles Dinge, die in der B-Schweiz verdrängt werden.
Ganz klar, der Grossteil der Bevölkerung sieht sich mit der «alten» Schweiz konfrontiert. In dieser B-Schweiz findet ein fürchterlicher Wettbewerb statt. Es wird nicht richtig bezahlt, vielerorts stagnieren die Saläre, gerade im Baugewerbe und in der Gastronomie werden die Einkommen durch die vielen Ausländer gedrückt. Ein weiterer grosser Schreck: Die Swisscom hat eine deutsche Werbeagentur namens Heimat angeheuert. Die Schweizer Werber haben also gar keine Chance mehr für das Heiligtum Swisscom zu arbeiten. Das alles ist B-Schweiz.
Auf jeden Fall. Wenn sie mit ihren Kollegen und Freunden mal nicht harmonisch sind, sie vielleicht sogar einmal beleidigen, dann bekommen sie das noch Jahre später zu hören. Deswegen kommen oft so abgeschliffene Typen wie Urs Rohner (Verwaltungsratspräsident der CS; die Red.) in die oberste Führungsetage. Solche abgeschliffenen Steine brauchen wir nicht. Was wir brauchen, sind Typen wie ein Oswald Grübel (ehemaliger UBS-CEO; die Red.), die hart auf den Tisch hauen. Und es gibt durchaus Schweizer Manager, die sich beispielsweise rasch an Veränderungen anpassen können. Wir haben wirklich viele fähige Leute.
Die Schweiz ist für die grossen Firmen nur noch ein Standort. Das wichtigste ist – und dazu zitiere ich Kaspar Villiger: «Die siebzig grössten Schweizer Firmen sind alle unter ausländischer Kontrolle». Und ich gehe davon aus, dass die Tendenz steigend ist. Das muss man sich vor Augen führen. Aber in der B-Schweiz will dies niemand richtig zur Kenntnis nehmen.
Der Schweizer ist von Natur aus ein Optimist, was ich sehr bewundere, und versucht, durch Harmonie eine Lösung herbeizuführen. Aber die Welt tickt nicht so. Das grosse Kapital ist seit nun mehr als zwanzig Jahren völlig frei. Es fragt nur nach Leistung, nicht nach Ort, Nationalität oder Rasse. Der Schweizer Eigensinn, der auf Stolz beruht, wird nun vom globalen Gletscher abgeschliffen. Was ich damit erläutern will, sozusagen als Warnung: Man muss den Unterschied richtig erkennen. Jemand muss den Fortschritt bezahlen. Und das kann nur der wohlhabende Teil der dümmeren Schweiz. Weil der nicht merkt, dass er ärmer wird.
Düster ist, dass man sich nicht traut, im Land des Geldes über Geld zu reden. Ich habe 1995 im Buch «Bedrohte Schweiz – wohin?» geschrieben, dass eine Schweizer Familie mit zwei Kindern hier nur anständig leben kann, wenn sie etwa 135 000 Franken verdient. Heute benötigt so eine Familie, die schweizerisch leben will und zwar in einem wirtschaftlichen Zentrum, ein Brutto-Jahreseinkommen von 200 000 Franken. Aber wer hat schon so viel Einkommen?
Wer die globalen Systeme versteht und die Prinzipien des Kapitals kennt, dem kann nichts passieren. Sicherheit gibt es keine und ein solcher Bürger lässt sich nicht über den Tisch ziehen. Und das ist genau der entscheidende Faktor. Ich habe mich immer gewehrt, ausgenommen zu werden. Einer zahlt immer. Die Jungen müssen lernen zu kämpfen, das ist ganz wichtig.
Verlierer sind die jetzt unter Vierzigjährigen. Deren Ansprüche sind nicht so einfach zu erfüllen, denn wir leben nicht mehr in einer Wachstumswirtschaft. Die Sozialleistungen sind nicht gesichert, wenn nicht die Familie in der Lage ist zu unterstützen. Schauen Sie doch einmal die Verschuldung an, allein bei den Hypotheken beträgt sie rund 800 Milliarden Franken. Da wir von einer steigenden Inflation ausgehen müssen, frage ich mich, wie die jungen Leute ihre Raten bezahlen wollen, die sie jetzt auf einige Jahre auf einen sicheren Zins fixiert haben. In zehn Jahren werden sie leiden.
Ich bin erschüttert, wie sich die Bildung in diesem Land in den letzten 15 Jahren entwickelt hat. Die vermögenden Schweizer nehmen immer mehr ihre Kinder von den öffentlichen Schulen weg in eine Privatschule. Die Staatsschulen sind schon nicht schlecht, aber sie genügen nicht mehr. Die Realität sieht anders aus: Eine Finanzchefin, mit der ich kürzlich unterwegs war, sagte mir, dass sie liebend gerne Schweizer einstellen würde. Aber mittlerweile ist es soweit, dass sie Ausländer einstellen muss, um das nötige Wissen in die Firma zu bekommen.
Gut geführte Firmen wie Nestlé, Novartis oder Kühne und Nagel haben offensichtlich keine ernsthaften Probleme. Die grösste Herausforderung ist die Kader- und Führungsnachfolge. Die fehlt im eigenen Land. Ich glaube, die Herausforderungen bei Personalfragen werden weiter ansteigen.
Gerade bei uns in der Schweiz ist man ja gar nicht daran interessiert, die Jungen auszubilden. Zum Beispiel in der Medizin. Wir verhindern eigene Ärzte auszubilden. Stattdessen «importieren» wir ausländische Ärzte, die im ersten Moment vielleicht günstiger sind. Das ist doch hirnrissig. Wir verhindern auch, dass gute Schweizer Historiker ausgebildet werden. Das Fach Schweizer Geschichte verschwindet an den Hochschulen. Wir verhindern, dass eine echte Bildung entsteht, wobei, das gilt immer nur für die B-Schweiz. Die Restlichen, eben die in der A-Schweiz Lebenden, wissen, dass man irgendwo in den USA oder Europa auf eine Elite-Universität gehen muss. Die können dem entkommen.
Was verloren geht, ist das, was meine Generation sehr begünstigt hat. Wir haben das freie Denken gelernt. Wer sich das freie, unabhängige Denken leisten kann, wer weiss, was Liberalismus, Neoliberalismus, Sozialismus und Kapitalismus bedeuten, hat einen riesigen Vorteil. Wer das nicht kann, wird zum Opfer.
Das Land hat tatsächlich seine Zentralperspektive verloren. Wir hatten bis vor achtzig Jahren eine Perspektive, die hiess Verteidigung. Sie hielt bis in die Siebzigerjahre. Dann kamen die Jahre des wirtschaftlichen Aufschwungs und der Globalisierung und ich selber habe damals – übrigens an diesem Tisch – die Botschaft formuliert: Schweizer Manager sind die besten der Welt. Sie sind zuverlässig und sehr sprachbegabt. Diese Botschaft hat uns während der Globalisierungswelle hoch getragen. Sie brachte uns gewaltigen wirtschaftlichen Erfolg. Und jetzt rollt diese Welle des Kapitals über die Schweiz hinweg. Die Schweizer verkaufen ihre Firmenanteile seit dreissig Jahren in grosser Menge und verdienen dabei Milliarden von Franken. Wir sind wohl die grössten Lieferanten von Geld an Hedge Funds. Das Schweizer Kapital verwandelt sich damit immer mehr in spekulatives Kapital und Renten.
Wir haben zwei starke Extreme mit der SP und der SVP und eine zersplitterte Mitte. Die Schweizer Politbühne ist eine Politik für die B-Schweiz, womit die grossen Firmen der A-Schweiz überhaupt kein Problem haben. Die Politik und die Verwaltungen spuren eigentlich so, wie es die grossen Konzerne gerne haben. Das erwähnte Problem der Aus- und Weiterbildung ist ein Problem der B-Schweiz. Die Politik ihrerseits dient ja fast nur noch dazu, diese B-Schweiz zu beruhigen.
Ich bin absolut optimistisch, es bestehen ungeheure Chancen. Schade ist, dass viele nicht begreifen, dass zurzeit eine neue Welt entsteht. Kein einziges Medium erklärt diese Welt. Die NZZ verteidigt die Konzerne und die nationale Politik, ohne überhaupt zu erklären, warum sie das tut. Der Tages-Anzeiger schwebt in einem diffusen Mitte-Links-Strom und ist der Verwaltungsebene nah, erklärt aber ebenfalls nicht, was vorgeht. Die Regionalzeitungen sind gar nicht in der Lage, darüber zu berichten. Und wer sich dann doch noch zu Wort meldet, wie die Basler Zeitung oder die Weltwoche, ist doch sehr national ausgerichtet. Ich mag den Roger Köppel (Chefredaktor der Weltwoche; die Red.), aber es ist doch eher eine Provinzwoche, die er da produziert. Schade, dass die Menschen das nicht begreifen. Und dann kommen eben diese Ausländer, die völlig unbefangen in die Schweiz einreisen, die diesen historischen Rucksack nicht haben und sagen, in was für einem wunderbaren Land wir doch leben.
Der erste Pfeiler wäre Steuergerechtigkeit. Ohne Steuergerechtigkeit kann man ein Land langfristig nicht führen. Das heisst nicht gleiche Steuern für alle, aber angemessene und gerechte Steuern. Und es gibt zu viele im Land, die überhaupt keine Steuern zahlen. Der zweite Schritt wäre, das Dutzend der besten Intellektuellen der Schweiz zusammenzutrommeln, um das Land, wie es ist, wie es wächst und wie es sich entwickelt, sichtbar zu machen. Um den Effekt zu multiplizieren bräuchte es noch eine begleitende Publikation. Der dritte Pfeiler wäre, die Idee der Offenheit in die B-Schweiz hineinzutragen. Wir dürfen uns die Länder rings um den Erdball nicht mehr als Reservate vorstellen wie im 19. Jahrhundert. Wir sollten den Schweizern beibringen, den Mut für globales Denken aufzubringen und die Menschen zu akzeptieren, woher sie auch kommen.