Die Macht der Masse
Worte Claudia Thoeny
Crowdfunding ist vor allem im kreativen Sektor der neue Hoffnungsstern. Die Finanzierungsmethode aus den USA trifft den Zeitgeist von Social Media und Selfmade und wird seit neustem auch in der Schweiz angeboten. Erste Erfolge versprechen einiges.

Stellen Sie sich folgende Situation vor: Sie haben ein vielversprechendes Drehbuch, die Rollen sind bereits besetzt und auch die Crew steht in den Startlöchern. Das einzige, was Ihnen noch fehlt, sind eine Million Euro Produktionskapital. Was wie ein Schreckensszenario aus der Filmbranche klingt, ist in Realität eine Erfolgsgeschichte: Die deutsche Comedyserie Stromberg warb kürzlich für ihren geplanten Kinofilm und forderte seine Fans auf, bei der Finanzierung des Streifens zu helfen. Innerhalb von nur einer Woche steuerten Stromberg-Anhänger über eine Million Euro bei und der Filmproduktion stand nichts mehr im Wege – dank Crowdfunding.
Alles oder nichts
Auch hierzulande fällt der englischsprachige Begriff immer öfter, wenn es um Kapitalbeschaffung geht. Die Idee des neuen Finanzierungsmodells besteht darin, dass viele einzelne Geldgeber zusammen – die Crowd oder der Schwarm – ein Projekt finanzieren. Ort des Geschehens sind in der Regel Plattformen im Internet, wo Initiatoren und Unterstützer aufeinandertreffen und miteinander kommunizieren können. Die Betreiber der Plattformen unterstützen die Projektinhaber bei der Finanzierung und Umsetzung und beaufsichtigen gleichzeitig die gesamten Crowdfunding-Aktionen. Ihre Einnahmen generieren sie durch Prämien.
Wie auf einem Marktplatz präsentieren die Projektinitiatoren auf einem der verschiedenen Online-Portale ihre Idee. Wer sich als Geldgeber dafür interessiert, zahlt etwas ein. Meist handelt es sich um kleine Geldbeiträge, die in der Summe die erforderliche Kapitalhöhe ergeben sollen. Das Bittere daran: Schafft es ein Projekt nicht, die Zielsumme bis zum Stichtag zu erreichen, bleiben die Initiatoren mittellos – und die Förderer erhalten ihre Einzahlungen zurück . Ist die Finanzierungsaktion hingegen erfolgreich, profitieren die Geldgeber – je nach Höhe ihres Beitrags – von einer Gegenleistung. Die Motivation der Financiers hat aber wenig damit zu tun. Vielmehr geht es beim Crowdfunding darum, zur Entstehung eines Projekts beitragen zu können und Teil dieses Erfolgs zu sein.
Crowdfundings – auf Deutsch Schwarmfinanzierung – entstand in den USA. Als Pionier auf diesem Gebiet gilt die im Jahr 2000 gegründete Plattform ArtistShare, mit deren Hilfe Musiker ihr Album finanzieren konnten. Etwas später kamen weitere künstlerisch orientierte Plattformen hinzu. In Europa startete SellaBand durch, in den USA bescherten Portale wie IndieGoGo und Kickstarter der Branche ersten Aufwind. «In den USA ist Crowdfunding bislang am stärksten verbreitet. In den letzten Jahren kamen auf diesem Weg über achtzig Millionen Dollar zusammen», sagt Karsten Wenzlaff, Gründer von ikosom, dem Berliner Institut für Kommunikation in sozialen Medien. Der Socialmedia-Experte veröffentlichte in seinem Institut 2011 die erste Crowdfunding-Studie im deutschsprachigen Raum. «Diese Art von Kapitalbeschaffung stösst auch in Europa auf Interesse. Vor allem der Kreativbereich nutzt diese neue Finanzierungsmöglichkeit mehr und mehr», so Wenzlaff.
Das ikosom unterscheidet zwei Arten von Crowdfunding: das klassische Crowdfunding und das Crowdinvesting. Beim klassischen Crowdfunding setzen sich Fans finanziell für Projekte ein, meist handelt es sich um künstlerische Werke. Im Gegenzug kommen sie in den Genuss von Goodies. Bei einem literarischen Projekt etwa erhalten sie ein signiertes Buch, bei einer Filmproduktion erscheint ihr Name im Abspann. Crowdinvesting hingegen kommt vor allem bei Startups und Unternehmensfinanzierungen zum Einsatz. Ein finanzieller Beitrag gilt als Investition und macht den Geber zum Anteilshaber. Was die beiden Modelle vereint, ist ihr Grundgedanke: eine internetbasierte Finanzierungsaktion, bei der viele kleine Beiträge zusammen die Umsetzung eines Projekts oder einer Geschäftsidee ermöglichen.
Kultureller Antrieb
Im deutschsprachigen Markt haben sich mittlerweile bereits über ein Dutzend Plattformen erfolgreich etabliert. In der Schweiz gehören wemakeit.ch, 100-days.net, c-crowd.com und jüngst auch projektstarter.ch zu den bedeutendsten. Ein Blick auf die von ikosom publizierten Zahlen von Deutschland und Österreich lässt auch für die Schweiz eine äusserst zuversichtliche Prognose erstellen: Bis April 2011 wurden in den beiden Ländern durch klassisches Crowdfunding 550 000 Euro erwirtschaftet – heute belaufen sich die Einnahmen bereits auf zwei bis drei Millionen Euro. Weshalb erlebt Crowdfunding gerade in der künstlerischen Sparte einen solchen Boom? Karsten Wenzlaff kennt die Gründe: «Der oft finanzschwache Kreativbereich war bisher stark von institutionellen Geldgebern abhängig. Ohne öffentliche Fördergelder oder Verträge mit klassischen Verwertern wie Verlagen und Labels sah die Zukunft bislang nicht sehr rosig aus. Mit Crowdfunding erreicht diese Sparte eine neue Unabhängigkeit. Nun entscheiden plötzlich die Anhänger darüber, ob eine Idee realisierbar ist und unterstützt werden soll oder nicht.»
Auch die Gründer von wemakeit.ch und 100-days.net, das Projekt des Schweizer Newsletters Ron Orp, witterten ihre Chance, als sie im Februar 2012 kurz nacheinander mit ihren Plattformen Online gingen. Seither können sich die Kunst- und Kulturförderer vor Projektbewerbungen kaum retten. Beide Dienstleister beherbergen und betreuen im Schnitt jeweils rund fünfzig Projekte gleichzeitig. «Die grosse Nachfrage zeigt, dass wir den Nerv der Zeit treffen», freut sich Rea Eggli, Mitgründerin von wemakeit.ch. «Knapp 45 Tage nach dem Start hatten bereits neun Projekte ihre Zielsummen erreicht oder gar übertroffen.» Finanzierungsüberschüsse sind beim Crowdfunding keine Seltenheit.
Gemäss ikosom ist jede zweite Kampagne erfolgreich und im Durchschnitt mit 112 Prozent überfinanziert. Ist Crowdfunding für die Betreiber bereits ein Geschäft? Romano Strebel, Mitinhaber von 100-days.net, antwortet lachend: «Nein. Wir können mit den Prämieneinnahmen erst unsere Kosten decken. Die Beträge liegen momentan bei etwa 2500 bis 5000 Franken, unsere Prämie beträgt lediglich fünf Prozent jedes gelungenen Finanzierungsprojekts.» Ihnen gehe es primär darum, initiative Köpfe zu unterstützen. Gleichzeitig bedeute 100-days.net für die Ron Orp GmbH ein spannendes Community-Projekt mit positiven Lesermarketing-Effekten.
Der Fleissige triumphiert
Ist Crowdfunding gar ein Weg, um schnell und leicht an Geld zu kommen? Rea Eggli verneint entschieden: «Nein, das Geld ist auch da nicht gratis und leicht haben es unsere Ideengeber nicht. Jede Idee wird von uns kritisch geprüft. Sind wir vom möglichen Erfolg überzeugt, unterstützen wir die Kreativen dabei, das Projekt möglichst erfolgsversprechend zu präsentieren und begleiten sie während der ganzen Aktion.» Doch was bestimmt über Erfolg oder Misserfolg einer Crowdfunding-Aktion? «Der Wiener Kulturmanager Christian Henner-Fehr bringt es auf seinem ‹Das Kulturmangagement Blog› auf den Punkt: Qualität + Reputation + Netzwerk. Qualitative Projekte sind mit viel Einsatz verbunden und verfügen über einen guten Ruf und ein breites Netzwerk. Nur wer rackert, gewinnt», fasst Romano Strebel zusammen.
Dass sich professionelles Engagement bewährt, beweist das Crossover-Theaterprojekt «True Nature». Das erforderliche Tourneekapital generierten die beiden Künstler Anna Tenta und Johannes Glarner innert kurzer Zeit über wemakeit.ch. Ihr vielseits gepriesenes Stück über das Yogabusiness überzeugt nicht nur die Kritik, sondern auch die Schwarmfinanzierer: 26 000 Franken stellten sie zur Verfügung. «Da uns Stadt und Kanton finanziell nicht unterstützten, mussten wir die Uraufführung aus der eigenen Tasche bezahlen. Dank Crowdfunding können wir nun auf Tournee gehen», freut sich Glarner.
Auch die Macher des ersten Schweizer Schülerradios «kantipark.ch» sind zufrieden. Um ihren Studioumbau realisieren zu können, riefen sie auf 100-days.net zum Geldsammeln auf. Ihr Ziel von 1500 Franken haben sie übertroffen. Initiator Roman Zech wird Crowdfunding wohl auch in Zukunft wieder nutzen: «Diese Strategie hat uns nicht nur Kapital, sondern auch sehr viel Aufmerksamkeit von aussen gebracht. Zwei Fliegen mit einer Klappe sozusagen.»
Vertrauen ins Web 2.0
Die Meinungen zu Crowdfunding scheinen durchwegs positiv zu sein. Dennoch zeigen sich viele Crowdfunder zu Beginn skeptisch gegenüber der internetbasierten Kapitalbeschaffung. Die Leute müssten die Gewissheit haben, dass ihr Geld sicher ans Ziel komme. Vertrauen und Missbrauchschutz seien beim Crowdfunding essenziell, sonst funktioniere das Modell nicht, erklärt Strebel. «Eine gesetzliche Grundlage existiert bisher noch nicht, umso wichtiger sind deshalb die Sicherheitsstandards der Anbieter. Unser Partner ist FairGive, eine Stiftung, die Spendentransaktionen über digitale Kanäle überwacht und den Datenschutz garantiert. Damit sichern wir nicht nur unsere Kunden, sondern auch uns selber ab.»
Crowdfunding stecke in Europa zwar noch in den Kinderschuhen, die ikosom-Untersuchungen machten aber deutlich, dass es mehr als ein Hype sei, sagt Karsten Wenzlaff: «In den nächsten Jahren wird sich der Bereich der Internetfinanzierung stark entwickeln. Der nächste Trend sind Start-up-Investitionen via Crowdfunding.» Die Schweizer Plattform für Crowdinvesting, c-crowd.com, scheint mit ihrer Ausrichtung das richtige Gespür zu haben. Mitbegründer Phil Steinberger erwartet von der Zukunft einiges: «Der Markt Schweiz hat noch grosses Potenzial, was Finanzierungsmöglichkeiten für Unternehmer betrifft. Auf der anderen Seite haben viele Privatanleger Vertrauen in das Finanzsystem verloren und öffnen sich neuen Möglichkeiten. Daraus entsteht Nachfrage und Angebot für Alternativen bei Finanzierungen und Investitionen – diese führen wir zusammen, das ist unsere Chance.»
Wie schnell und in welchem Mass sich Crowdfunding auf dem Schweizer Markt etablieren wird, ist schwierig vorauszusagen. Mit zunehmenden Erfolgsmeldungen von kommerziellen Projekten steigt aber mit Sicherheit das Interesse an Crowdfunding – und somit auch das Vertrauen in diese Finanzierungsphilosophie.

















