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Worte Rino Borini
Eine bekannte Essensweisheit suggeriert: «Esse morgens wie ein König, mittags wie ein Edelmann und abends wie ein Bettler». Dass jeder Morgen ein guter Morgen wird, dafür sorgt ein reichhaltiges Frühstück, bei dem Brot, Müesli, Cerealien, Milch, Fruchtsäfte, Joghurt oder Käse nicht fehlen sollten. Der Appetitverderber: Alles wird zunehmend kostspieliger. Währenddem die Preisentwicklung der Agrargüter in den letzten Jahren einer Achterbahnfahrt glich, verteuerten sich landwirtschaftliche Produkte 2007 drastisch. Dies spürte auch der Endkonsument. Der Milchliterpreis beispielsweise stieg von Sommer 2007 bis Sommer 2008 von 1,40 auf 1,50 Franken. Ähnlich war die Situation beim Brotpreis, der Weizenpreis ist nach Dürren oder Überschwemmungen in weiten Teilen der Welt noch stärker gestiegen.
Mit der weltweiten Rezession allerdings brachen die Preise förmlich ein. Die Langfristtrends sprechen aber für eine Preisrenaissance. Neben dem Argument, dass auch in einer wirtschaftlichen Flaute gegessen wird, zählen längerfristig treibende Kräfte. Dazu gehören die Zunahme der Weltbevölkerung, vermehrte Klimastrapazen, der Kaufkraftanstieg in weit entwickelten Schwellenländern und die damit verbundene Ernährungsumstellung. In jenen Nationen ist ein stark ausgeprägter Trend in Richtung zunehmender Konsum von tierischen und anderen sogenannten weichen Rohstoffen sowie «Convenience- Produkten» feststellbar.
So ist Fleisch wahrlich «in aller Munde». Immer breitere Schichten in Schwellenländern wie etwa Indien essen regelmässig Fleisch. Der zunehmende Konsum zieht folgerichtig einen deutlich höheren Getreideverbrauch nach sich. Um ein Kilogramm Fleisch «herzustellen», müssen rund acht Kilogramm Getreide verfüttert werden. Eine weitere «Verwestlichung» geht mit Kaffee einher. In Chinas Mittelschicht ist das Getränk zum unverzichtbaren Kennzeichen für Kultiviertheit geworden. Zwar füllt erst ein kleiner Prozentsatz seine Tassen mit Kaffee statt Tee, doch lassen sich jedes Jahr Millionen bekehren. Experten schätzen die jährlichen Steigerungsraten auf 20 Prozent. Kaffeehausketten breiten sich dort entsprechend schnell aus und Kaffeehersteller machen sich Marktanteile streitig. Sie alle wollen ein Stück vom Kuchen. Innerhalb neun Jahren hat Starbucks ein Filialnetz von 467 Cafés ausgelegt. Die US-Kaffeekette glaubt, dass die chinesischen Konsumenten das Potenzial haben, den nach den USA zweitgrössten Markt zu bilden.
Die Nachfrage nach den aromatischen Bohnen entwickelt sich insgesamt seit längerem erfreulich. Mit durchschnittlichen jährlichen Zuwachsraten von 2,6 Prozent explo diert der Konsum zwar nicht, aber er steigt laufend. Rohkaffee, bei 75 Prozent der weltweit benötigten Menge läuft der Trade über die Schweiz, ist nach Erdöl für den Globalhandel das zweitwichtigste Export- und Importgut. Das Handelsvolumen wird auf einen hohen zweistelligen Milliardenbetrag beziffert. Kaffee ist ein wichtiger Devisengarant für viele Erzeugerländer. Dessen Anbau ernährt schätzungsweise 125 Millionen Menschen. Der wichtigste Produzent ist Brasilien, auf das rund 30 Prozent der Jahresproduktion und des Export-Angebots entfallen. Stark aufgeholt hat in den letzten zehn Jahren Vietnam. Der Küstenstaat in Südostasien ist inzwischen drittgrösster Produzent und bereits der zweitwichtigste Exporteur. Eine weitere Kaffeemacht ist Kolumbien.
Weiter zeigt der Kakaopreis eine Tendenz Richtung Norden. Aktuell ist er so teuer wie zuletzt vor rund 20 Jahren. Ein Grund dafür liegt unter anderem im Alter der Kakaobäume. In den drei wichtigsten Kakaoproduzentenländern, Elfenbeinküste, Ghana und Indonesien, sind die Bäume ziemlich in die Jahre gekommen. Ab 25 geht die Kakaobaumproduktivität zurück, weshalb die Ernte auf Jahre hinaus weiter sinken wird. Weil die meisten Kakaobauern arm sind, haben sie es versäumt, alte Bäume durch Neupf lanzungen (bis zur vollen Ertragskraft dauert es locker vier Jahre) zu ersetzen. Insbesondere die Republik in Westafrika leidet stark darunter. Die Region ist mit Abstand der wichtigste Produzent; auf das Land fallen rund 40 Prozent der Globalproduktion. Zwar profitieren die Kakaobauern, wenn überhaupt, von steigenden Preisen, haben aber gleichzeitig tiefere Absatzzahlen – ein Nullsummenspiel. Lebensmittel werden laut Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in den kommenden Jahren deutlich teurer werden. Kurzfristig betrachtet unterliegen die meisten «Soft Commodities» einer hohen Preisvolatilität.
So werden Wetterphänome wie Wirbelstürme gefürchtet, denn selbst wenn diese schwach ausfallen, sind Ernten bedroht. Fred, der aktuellste Hurrikan, machte es deutlich: Weizen und Kakao legten preislich zu, nachdem man schlechtere Ernten und Produktionsdefizite in Aussicht stellte. Doch feuchtes Wetter kann auch nützlich sein, beispielsweise für Soja. Die Vereinigten Staaten sind mit Abstand der grösste Sojaanbauer weltweit. Die Ernte wird vermutlich noch höher ausfallen als vom Landwirtschaftsministerium (USDA) prognostiziert. Bei Mais scheint die Entwicklung in den USA ähnlich auszusehen. Die Ernte wird die bisherigen USDA-Schätzungen übertreffen und gefährlich nahe an die im Jahr 2007 geerntete Rekordmenge von 13,1 Millionen Scheffel herankommen. Zumindest kurzfristig werden die Preise folgerichtig purzeln.
Auf lange Sicht hinaus wird ein anderes Bild gezeichnet. Die OECD schreibt in ihrem jüngsten «Agriculture Outlook», dass die Getreidepreise in den nächsten zehn Jahren durchschnittlich zehn bis 20 Prozent höher liegen werden als zwischen 1997 und 2006. Die Weltgetreideproduktion ist insgesamt pro Kopf in den letzten Jahren gesunken. Und in der Vergangenheit fand keine Produktionsf lächenausweitung statt. Die Knappheit dürfte immer drastischere Züge annehmen, sieht doch die UN-Organisation für Landwirtschaft und Ernährung (FAO) aufgrund der steigenden Weltbevölkerung eine Nahrungszunahme bis ins Jahre 2030 um mehr als 40 Prozent. Anbauflächen können gemäss der FAO ausgeweitet werden, doch die Produktion wird zunehmend durch das rare Gut Wasser stark limitiert.
Wie dem auch sei, der Landwirtschaft attestiert man eine Branche mit grossen Zukunftsaussichten. Nicht umsonst wirbt der bekannte Rohstoff-Guru Jim Rogers für den Berufsstand der Bauern: «Wenn Sie Geld verdienen wollen, dann hängen Sie Ihren Job an den Nagel und werden Farmer.» Der Landwirt Siegfried Hofreiter hat es jedenfalls vorgemacht. Er parkierte seinen Traktor vor der Frankfurter Börse und brachte 2007 seinen Bauernbetrieb KTG Agrar AG an die Börse. Das Unternehmen ist unterdessen einer der grössten Landwirtschaftsbetriebe Europas. Erst kürzlich attestierte die deutsche DZ Bank AG den Bauern-Aktien weiteres Zukunftspotenzial und gab eine Kaufempfehlung raus.