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Worte Florian Schaffner Bild Boris Gassmann
Es ist keine sechs Jahre her, da herrschte im kleinen Städtchen Lichtensteig Untergangsstimmung: Das Gewerbe verabschiedete sich und die Bevölkerung verlor den Bezug zu ihrer Heimat. Eine Geschichte über die Wiederbelebung eines Städtchens.
Dass der Wahlkampf um den Posten des Lichtensteiger Stadtpräsidenten im Herbst 2012 derart hart geführt werden würde, hatte niemand erwartet. Die CVP entschied sich gegen ihren eigenen Kandidaten und ihr Präsident verschickte gar Rundbriefe, in denen er die Qualifikation des parteiinternen Kandidaten anzweifelte. Der abtretende Stadtpräsident Roger Hochreutener beklagte sich, die Sachpolitik sei links liegen gelassen worden. Das «Toggenburger Tagblatt» sprach vom spannendsten Wahlkampf in der Region.
Nicht dass der Ausgang der Wahl knapp gewesen wäre – der parteilose Mathias Müller schlug seinen CVP-Gegenkandidaten Stefan Rosenblum mit 517 zu 292 Stimmen. Aber dass sich der Wahlkampf in einem 2000-Seelen-Ort über neun Monate hinzieht, während auf Bundesebene alle schon nach der Hälfte dieser Zeit genug zu haben scheinen, ist aussergewöhnlich. Zumal noch zu Roger Hochreuteners Amtsantritt anfangs 2006 wohl viele erleichtert waren, dass sich jemand zur Verfügung stellte, um Lichtensteig aus seinem Schlamassel zu befreien. Kaum einer konnte erwarten, dass sich der Ort innerhalb von sechs Jahren so stark wandeln und derselbe Posten so hart umkämpft sein wird.
Lichtensteig zählt 1928 Einwohner und liegt im Toggenburg, zwischen Wattwil und Bütschwil. Stolze Einwohner reden von der «Stadt» Lichtensteig, etwas bescheidenere vom «Städtli». Wer aus Zürich anreist, dem kommt beides überrissen vor – selbst das viermal grössere Wattwil nebenan gesteht auf seiner Website ein, bloss für Ländler eine Stadt, für Städter aber Land zu sein. Die 10 000 Einwohner, um in der Schweiz statistisch als Stadt zu gelten, erreichen beide nicht. Lichtensteig fällt zwischen Stuhl und Bank – zu klein, um in nationalen Raumplanungsdiskussionen erwähnt zu werden, zu gross, um es in die Kategorie «Akut vom Aussterben bedrohte Dörfer» zu schaffen. Es liegt in der Kategorie jener ländlichen Regionen, deren Bevölkerung seit drei Jahrzehnten schrumpft, während die urbanen Regionen des Landes stetig wachsen. «Periphere Gebiete stehen unter Druck, kleinere Gemeinden müssen ihre Position neu bestimmen», sagt Daniel Müller-Jentsch, Projektleiter bei Avenir Suisse. Über sechzig Prozent der Wirtschaftsleistung werden inzwischen in den fünf Metropolitanregionen Genf/Lausanne, Bern, Basel, Zürich und Tessin erwirtschaftet, die nur zehn Prozent der Landesfläche ausmachen. Wer die Schweiz mitgestalten will, orientiert sich an diesen fünf Drehscheiben; der Rest sind Abstellgleise.
Diesen Druck bekam Lichtensteig zu spüren. «Unser Städtli erfüllte früher wichtige Zentrumsfunktionen im Toggenburg», sagt Mathias Müller (Bild oben), frischgebackener Stadtpräsident. Das ist eine ganze Weile her; zu dieser Zeit war der heute 30-Jährige noch nicht einmal geboren. «Über die letzten dreissig Jahre kam es aber zu einem Wechsel, vor allem im Detailhandel. Migros, Coop, und Jumbo haben alle in Wattwil gebaut, auch weil in Lichtensteigs Altstadt der Platz nicht vorhanden war und sich das Gewerbe gegen die Grossen gewehrt hat. In der Industrie gab es ähnliche Verschiebungen. Der Fokus hat sich nach Wattwil verschoben, Lichtensteig geriet in einen Abwärtsstrudel.» Läden wurden geschlossen, Immobilienpreise sanken, Sanierungen wurden aufgeschoben. Zwei Drittel der Restaurants schlossen ihre Küchen, die Steuereinnahmen brachen ein. Einzig das Loch in den Gemeindefinanzen wuchs. «Der Gemeinderat und die Gewerbler nahmen verschiedene Initiativen in die Hand, organisierten Abendverkäufe und Märkte», sagt Müller, «aber irgendwann machte sich Resignation breit.»
Mit einem Jahresdefizit von einer halben Million Franken erreichte Lichtensteig 2006 den Tiefpunkt. Dann kam Roger Hochreutener (Bild oben), der «Ungeduldige», der «Sanierer». Jener, der das Städtlein aus der Vergessenheit und bis in die Schlagzeilen des Schweizer Fernsehens hob. 2008 holte sich Hochreutener das «Netzwerk Altstadt» als externen Berater hinzu, liess sich und dem Gemeinderat die verschiedenen Möglichkeiten aufzeigen und trat vor seine Gemeinde. «Natürlich gab es Skeptiker», sagt Hochreuteners Nachfolger und damaliger Gemeindeschreiber Müller. «Man hatte an diesem Punkt schon so viel versucht.» Dennoch liess sich die Mehrheit überzeugen. Eigentümer von Liegenschaften schlossen sich zu Gassenclubs zusammen und erarbeiteten Vorschläge zur Verbesserung des öffentlichen Raumes in ihrer Gasse. Wohnzonen wurden neu definiert, grössere Plätze für Veranstaltungen freigegeben. Jeder mit einem Haus in Lichtensteig konnte sich vom «Netzwerk Altstadt» und speziell ausgebildeten Architekten seine Liegenschaft analysieren und sich Vorschläge für Sanierung und Umnutzung präsentieren lassen; Gemeinde und Kanton beteiligten sich zu zwei Dritteln an den Kosten zur Erarbeitung der Analyse. «Wir haben rund 15 bis 20 Häuser analysiert, und die Eigentümer haben für das Konzept gerade mal 1500 bis 2000 Franken hingeblättert», sagt Müller. Wer sein Haus lieber verkaufen statt sanieren wollte, fand Käufer – nicht selten auch in den Regionen Rapperswil, Winterthur oder St. Gallen. Während vor wenigen Jahren noch fast die Hälfte der Liegenschaften zum Verkauf stand, sind Verkaufsinserate heute rar.
Auf Gewerbeseite ist der Trend jedoch schwieriger umzukehren. «Die Läden von früher funktionieren nicht mehr», sagt Müller, «wir müssen uns auf Spezialitäten fokussieren.» Ein international renommierter Käser blieb, zwei Bäcker und zwei Metzger und eine Handvoll weitere kleinere Läden überlebten. Auch die Kägifret-Fabrik ausserhalb der Stadtmauern gibt es noch. Ein Bioladen kam dazu, ein Florist erfand sich neu, eine Couture-Designerin zog von St. Gallen an die Lichtensteiger Hauptgasse. In einer Seitengasse sei gar ein Rotlichtmilieu geplant gewesen. «Das konnten wir zum Glück aber verhindern», meint Müller. Nun soll das Markt- und Kulturangebot in Angriff genommen werden. «Egal ob München, Berlin oder Kopenhagen: überall sieht man Spezialitätenmärkte aufkommen», so Müller. «Das wollen wir auch, wenn auch im kleineren Rahmen.» Der Weihnachtsmarkt soll grösser werden. Ein Kürbisfest gibt es bereits, ein Weinfest auch, ebenso einen Fotoflohmarkt, «der grösste von Europa.» Auch vier Museen und ein Kleintheater sind entstanden, kürzlich kamen zudem drei kleine Galerien hinzu. «Damit können wir Leute herholen. Touristen aus dem Obertoggenburg oder Gruppen, die mit dem Car von St.Gallen nach Rapperswil reisen. Wenn diese hier Halt machen, können wir profitieren», ist Müller überzeugt.
Bereits 2011 konnte Hochreutener in der Jahresrechnung einen Überschuss präsentieren, der Steuerfuss wurde von 143 auf 140 Prozent gesenkt. Lichtensteig gilt inzwischen als Vorbild. Das Beispiel soll anderen Gemeinden aufzeigen, dass sie nicht die einzigen sind in dieser Situation, und dass Lösungsansätze existieren. Wer fünf oder zehn Jahre vorspult in ein Lichtensteig, in dem die Märkte organisiert und die Verkehrsbaustellen verschwunden sein werden, sieht das Städtlein schon auf der Shortlist für den Wakkerpreis, der Auszeichnung des Schweizer Heimatschutzes für Orte, «die sich weiterentwickeln, ohne ihre Identität zu verlieren», so Monique Keller, Projektleiterin des Wakkerpreises. Der Preis wurde inzwischen über vierzig Mal und quer über das ganze Spektrum der Gemeindetypen vergeben – Städte wie Genf und Winterthur erhielten ihn, aber auch 500-Seelen-Dörfer wie das Bündner Fläsch gehören zu den Gewinnern. In den letzten Jahren kamen vor allem auch Gemeinden in der Agglomeration zum Zug. Nicht zuletzt, weil die Agglomeration von vergleichsweise niedrigem Niveau startet: «Die Agglomeration war jahrzehntelang im toten Winkel der Gesellschaft. Sie ist zwar extrem gewachsen, eine Planung gab es aber nicht», sagt Keller. Das macht es einfacher, heute etwas zu verbessern. Agglomerationen wie Lausanne West oder Köniz bei Bern (Bilder unten) unterzogen sich über die letzten Jahre einer Generalüberholung, und wurden dafür vom Heimatschutz ausgezeichnet; Köniz erhielt den Preis 2012, Lausanne West wurde dieselbe Medaille ein Jahr zuvor umgehängt.
Der Fokus auf die Agglomeration ist nicht gewollt. Doch es wird grundsätzlich schwieriger, kleinere Gemeinden für ihre Umgestaltungen auszuzeichnen. Die Umstrukturierung bedeutet je länger je mehr auch der Tod der Eigenständigkeit des einzelnen Dorfes. So gibt es das Dorf Vrin (Bild oben), Wakkerpreisträger von 1998, heute in dieser Form nicht mehr. Es wurde Anfang Jahr mit zehn umliegenden Gemeinden fusioniert. «In den letzten Jahren sahen wir jährlich rund fünfzig Gemeindefusionen», so Müller-Jentsch. «Der Trend zeigt eine klare Richtung auf: Die durchschnittliche Gemeindegrösse wächst. In der Agglomeration geschieht dies aufgrund des starken Wachstums, in den peripheren Gebieten eher durch Fusionen als Reaktion auf das fehlende Wachstum.» Bisher hätten die Gemeinden damit gute Erfahrungen gemacht. Viele kooperieren bereits heute, wenn es darum geht, medizinische Versorgung, Feuerwehr oder Schulbildung sicherzustellen. Gemeindefusionen sind konsequenterweise der nächste Schritt. Im Kanton Graubünden haben ganze Talschaften fusioniert; der Kanton Glarus hat die Zahl der Gemeinden letztes Jahr von 27 auf 3 heruntergekürzt.
Auch in Lichtensteig ist die Bevölkerung bisher nicht gewachsen. Um mehr Wohnraum in der Altstadt zu schaffen, müssten die Einwohner näher zusammenrücken. Im letzten halben Jahrhundert zeigte sich aber genau das Gegenteil: Der Einzelne beansprucht mehr Wohnraum für sich. Behält Lichtensteig seine jetzige Grösse, gehört es selbst im ländlicheren Kanton St. Gallen bereits heute zu einer Minderheit. Laut Avenir Suisse leben nur gerade fünf Prozent der St. Galler Bevölkerung in Gemeinden mit ähnlicher Grösse wie Lichtensteig. Die Mehrheit bevorzugt Orte mit mindestens 5000 Einwohnern. Bisher kam es in der Region zu vergleichsweise wenigen Fusionen. Mathias Müller hat die Unterlagen aber bereits auf dem Tisch. «Das Fusionsthema wird voraussichtlich in dieser Amtsperiode angegangen», sagt der Stadtpräsident.