Globaler Kampf um Erdöl
Worte Rino Borini Bild Christine Baerlocher
Dass uns das Erdöl irgendwann ausgehen wird, ist unbestritten. Die Frage ist, wann es passieren wird. Der Friedensforscher Daniele Ganser ist überzeugt, dass das Fördermaximum wurde bereits 2006 erreicht. Für die Schweiz sieht er darin durchaus Chancen.

PUNKTmagazin Herr Ganser, Sie haben sich als Friedensforscher auf den globalen Kampf ums Erdöl spezialisiert. Was forschen Sie genau?
Daniele Ganser_ Offensichtlich gibt es Zustände, in denen Menschen in Frieden leben und andere, in denen sie in Gewalt leben. Als Friedensforscher interessiert mich, ob die Gewaltsituationen einen Zusammenhang mit dem Kampf um den wichtigsten Rohstoff haben, das Erdöl. Meine Forschungsergebnisse dazu sind eindeutig: Der Kampf ums Erdöl ist real, wird aber mehrheitlich totgeschwiegen. Kriegs- und Konfliktsituationen werden gerne so dargestellt, als ob um Menschenrechte oder Demokratien gekämpft würde. Meistens stimmt das nicht.
Sie sprechen vermutlich die Kriege im Irak oder jüngst in Libyen an.
Ich bin der festen Überzeugung, dass der Irakkrieg 2003 und auch der Libyenkrieg im letzten Jahr reine Erdölbeutezüge waren. Andere Forscher bezeichnen den Irakkrieg als Versuch, einem von einem Gewaltherrscher terrorisierten Land demokratische Grundzüge zu vermitteln, dasselbe beim Libyenkrieg. Ich sehe das anders. Die angreifenden Länder waren keineswegs darum bemüht, bessere Regierungsformen zu implementieren. Ihr Interesse bestand darin, sich Zugang zu knappen Ressourcen zu sichern.
Das ist ein harter Vorwurf.
Die Argumentation der Demokratiebringer-Theorie geht einfach nicht auf. Dazu muss man nur die Geschichte studieren. Dass der Westen im Zweifelsfall auch bereit ist, eine Demokratie zu zerstören, um an Ressourcen zu gelangen, zeigte sich unter anderem 1953, als die damalige Regierung im Iran gestürzt wurde. Diese war durchaus demokratisch und wollte die Erdölgewinne zum grössten Teil dem breiten Volk zugute kommen lassen. Doch über Erdölbeutezüge darf man nicht offen sprechen, die Bürger würden sich dagegenstellen. Es wird viel gelogen, wie etwa damals, als die Bush-Administration den Angriff auf den Irak mit sich im Bau befindlichen Massenvernichtungswaffen begründet hat. Die Briten taten dasselbe.
Der Iran verfügt noch immer riesige Erdölreserven. Ein Pulverfass?
Der Iran hat nach Saudi-Arabien die zweitgrössten Reserven der Erde, noch vor dem Irak. Der Iran und sein wertvolles Erdöl sind meiner Meinung nach schon lange auf dem Radar vieler Akteure. Amerikaner, Russen, Chinesen – alle zeigen Interesse. Der Iran ist definitiv ein geostrategisches Objekt, und es besteht die Gefahr, dass das Land wegen seinem Erdölreichtum angegriffen wird. Man argumentiert zwar damit, dass man verhindern wolle, dass der Iran die Atombombe baue, doch das ist zweitrangig. Auch die USA, Grossbritannien, Israel, Pakistan, Russland, China, Frankreich und Indien haben die Atombombe gebaut, aber niemand verlangte, dass man sie darum angreifen sollte. Wir müssen lernen, unsere Konflikte ohne Gewalt zu lösen. Übrigens prüfte auch die Schweiz während des Kalten Kriegs den Bau einer eigenen Atombombe, die Tests hätten im Gotthard stattgefunden. Dieser Plan wurde zum Glück nie realisiert.
Sie sind Dozent an der Universität Basel. 2011 haben Sie zusätzlich das SIPER gegründet, warum?
Ich habe das «Swiss Institute for Peace and Energy Research» ins Leben gerufen, um die beiden Komponenten Krieg und Erdöl zusammenbringen, denn sie sind sehr eng miteinander vernetzt. Die Ressourcenkriege gibt es, aber es ist nicht immer einfach, sie offen anzusprechen. Für die Friedensforschung sind sie ein wichtiges, aber auch anspruchsvolles Thema.
Weg von der Politik, hin zum Kern der Sache: Erdöl ist ja per se nichts Schlechtes.
Erdöl hat uns reich gemacht. Und als hochwertiger Rohstoff ist es in der Produktion enorm hilfreich, aber man sollte Erdöl nicht verbrennen. Von den täglich 88 Millionen verbrauchten Fässern setzen wir lediglich zehn Prozent für Werkstoffe ein, der Rest wird verbrannt.
Erdöl ist omnipräsent, das 20. Jahrhundert gilt als das «Zeitalter des Erdöls».
Ich würde es «Zeitalter des billigen Erdöls» nennen. Aber das ist nun vorbei. In den fünfziger und sechziger Jahren kostete das Fass Erdöl zwei Dollar. Mit der ersten Erdölkrise 1973 stieg der Preis auf fünf Dollar, und wenig später notierte das Fass schon bei elf Dollar. Das klingt nach wenig, war damals aber mehr als eine Verfünffachung des Preises.
Befinden wir uns aktuell im «Zeitalter des teuren Erdöls»?
2008 notierte der Preis bei bis zu 150 Dollar pro Barrell, aktuell pendelt er zwischen 110 und 120 Dollar. Das ist eindeutig teures Erdöl. Aber noch wichtiger als die Preisentwicklung ist das Verständnis dafür, dass wir bei der Förderung des konventionellen Erdöls den Peak erreicht haben.
Was genau bedeutet «Peak» in diesem Zusammenhang?
Mit Peak Oil ist die maximale Ölfördermenge gemeint. Weltweit fördern gerade einmal 30 von insgesamt 197 Nationen Erdöl in vernünftigen Mengen, und von diesen haben einige den Peak bereits erreicht. In den USA war das bereits 1970 der Fall, doch mittlerweile sinkt auch die Produktion von Grossbritannien und Norwegen. Indonesien hat den Peak ebenfalls erreicht, ist jetzt Nettoimporteur und ist darum aus der OPEC ausgetreten.
Wie sieht es global aus?
Wenn ich die Informationen der Internationalen Energiebehörde und alle anderen verfügbaren Daten analysiere, komme ich zum Schluss, dass das Fördermaximum von konventionellem Öl bereits 2006 erreicht wurde. Es betrug damals 70 Millionen Fass pro Tag. Die Weltwirtschaft benötigt heute aber rund 88 Millionen Fass, das sind gut 44 Supertanker täglich.
Da fehlen 18 Millionen Fass.
Richtig. Diese 18 Millionen Fass, notabene pro Tag, werden aus nichtkonventionellen Quellen gefördert. In diesem Punkt herrscht oft Verwirrung, viele Menschen kennen den Unterschied nicht zwischen konventionellem und nichtkonventionellem Erdöl.
Höchste Zeit, Unklarheiten zu beseitigen.
Konventionelles Erdöl ist flüssig und einfach zu fördern. Nicht konventionelles Erdöl ist schwierig zu fördern – und darum teuer. Zu den unkonventionellen Quellen gehört Ölsand, der nicht flüssig ist und darum abgebaggert werden muss. Auch Ölschiefer und Tiefseeöl, also Quellen ab 500 Meter unter dem Meeresspiegel, sind unkonventionell und darum in der Förderung sehr riskant. Die zerstörte Ölplattform Deepwater Horizon beispielsweise musste fünf Kilometer in die Tiefe stechen, um an Erdöl zu gelangen. Und dann ist sie explodiert.
Wann ist der finale Peak erreicht?
Ich erwarte, dass die Förderspitze für alle Ölarten kumuliert noch vor 2020 erreicht wird. Wichtig ist zu verstehen, dass wir auch nach dem Erreichen des Peaks Erdöl haben werden. So schnell geht es uns dann doch nicht aus. Doch das Leben und das Wirtschaften werden anspruchsvoller, denn wir kennen den künftigen Weg nicht. Nachdem wir dank Erdöl 160 Jahre einen Aufstieg erlebt haben, der uns viel Wohlstand brachte, müssen wir uns jetzt auf den Abstieg vorbereiten.
Der Weg ins Tal könnte beschwerlich werden, denn über zwei Milliarden Menschen in Asien wollen den gleichen Wohlstand wie wir.
Genau, die haben unsere Fernsehprogramme geschaut und gesehen, wie wir leben (lacht). Es ist in der Tat so, dass beispielsweise allein die Chinesen im letzten Jahr pro Monat eine Million Neuwagen auf die Strassen gebracht haben. In nur vier Monaten haben sie so viele Autos gekauft, wie in der ganzen Schweiz zugelassen sind. Die neue chinesische Mittelschicht will ein Auto, einen Kühlschrank, vier beheizte Räume und viermal pro Woche Fleisch auf dem Tisch. Der Druck auf die schwächer werdenden Erdölquellen wird zweifelsohne stark zunehmen.
Wo liegt das grösste Konfliktpotenzial?
China benötigt etwa zehn Prozent des weltweiten Erdölangebots, das sind neun Millionen Fass. Die USA benötigen ihre zwanzig Millionen Fass pro Tag. Und natürlich wird jetzt gestritten. Die beiden Grossmächte befinden sich in einem direkten Konflikt um die abnehmenden Ölvorräte.
Gibt das Anlass zur Sorge?
Meiner Meinung nach schon, denn die Chinesen kaufen alle Rohstoffe auf, die sie in die Finger kriegen, nicht nur in Afrika. Ungünstig ist, dass die EU nicht wirklich eine geopolitische Position zwischen den Amerikanern und den Chinesen einnimmt. In Europa wird gar nicht kommuniziert, dass es diesen Peak Oil gibt. Auch hier in der Schweiz sind Peak-Oil-Kriege ein Tabuthema.
Wo kaufen die Chinesen denn überall ein?
Wie gesagt, vor allem in Afrika. Sie sind aber auch im Ölsand in Kanada investiert. Die Amerikaner ihrerseits bombardieren Irak und Libyen, um sich Erdöl zu sichern. Dieses «Spiel» kann man schon noch zehn oder zwanzig Jahre weiterführen, aber die Situation wird dadurch nicht besser, sondern eher noch schwieriger.
Wie lautet Ihr Lösungsvorschlag?
Wir müssen das Energieproblem lösen. Zudem müssen wir lernen, Konflikte friedlich zu lösen. Unser bisheriger Leistungsausweis ist hier miserabel. Wenn es hart auf hart kommt, lautet die Devise: Es hat zuwenig, also bringen wir die anderen um und sagen, wir tun es für die Menschenrechte.
Wie sieht die konkrete Lösung aus?
Man kann es drehen und wenden wie man will, die Lösung kann nur hundert Prozent erneuerbare Energie heissen. Alles andere funktioniert nicht. Nur mit erneuerbaren Energien kommen wir aus diesem Problem heraus. Zudem braucht es Effizienz und auch Suffizienz. Wir werden lernen müssen, mit weniger glücklich zu sein.
Die Zukunft gehört also den alternativen Energien?
Ich bin ein klarer Befürworter von hundert Prozent erneuerbaren Energien. Die Fakten sind eindeutig: Schnell wachsende Bevölkerung, einbrechende Erdölfördermengen, Peak Oil beim konventionellen Erdöl, Klimawandel und Ressourcenkriege – es braucht die Energiewende. Sie hat ja schon begonnen, wie zum Beispiel Bertrand Piccard mit seinem Solarflugzeug beweist. Aber es wäre fahrlässig zu glauben, der Übergang von fossilen zu alternativen Energien sei einfach, billig und schnell zu haben.
In welchen Bereichen sind die grössten Änderungen zu erwarten?
Niemand weiss, wie es wirklich wird, wenn das Erdöl nach dem Peak Oil einbricht. Einen grossen Einfluss hat es sicher auf die Lebensmittelproduktion, denn die jetzigen Landwirtschaftsflächen können nicht mit Esel und Pferden beackert werden. Welche Alternativen man auch immer finden wird, die Preise werden steigen. Für uns ist das vielleicht nicht so schlimm, doch für Menschen, die pro Tag nur zwei Dollar verdienen, sind die Auswirkungen dramatisch. Die Nahrungsmittelsproduktion ist definitiv eine der grössten weltweiten Herausforderungen.
Was sind die weiteren Herausforderungen?
Die zweite ist das Wirtschaftswachstum. Wir haben in der Vergangenheit immer ein Wachstum erlebt. Natürlich erlebten wir dazwischen immer wieder Zeiten der Rezession, aber letzten Endes haben wir uns an ein durchschnittliches Wachstum von rund zwei Prozent jährlich gewöhnt. Ab einem bestimmten Erdölpreis wird jedoch das Wachstum abgewürgt. Mit einem Preis von 300 Dollar pro Barrel funktioniert die Weltwirtschaft nicht mehr so wie jetzt.
Die Schweiz ist überdurchschnittlich stark abhängig vom Erdöl. Was bedeutet der Peak für uns?
Es wird nicht einfach. Die Energiefrage ist vergleichbar mit einem Hundertmeterlauf: Die ersten 10 Meter sind Atomenergie, die nächsten 53 Meter sind Energie aus Erdöl. Dann folgen 14 Meter Wasserkraft und über 12 Meter Erdgas. Biomasse, vor allem Holz, macht etwa 4 Meter aus. Im Zentimeterbereich haben wir noch Solar, Wind und Geothermie. Es sind diese letzten paar Zentimeter, auf die wir uns nun konzentrieren müssen. Aber es ist klar, dass der Energiewandel ein Umlenken der Geldflüsse bedingt. Wir sollten unser Geld nicht für Erdöl in die Wüste schicken, sondern im Inland erneuerbare Energien ausbauen und dadurch unsere Unabhängigkeit stärken.
Was kann die Industrie beitragen?
Im Verkehr sollten wir den Treibstoffverbrauch der Fahrzeuge von heute durchschnittlich acht Liter auf drei bis vier Liter pro hundert Kilometer senken. Technisch ist das absolut möglich. Wenn sie Autokilometer ersetzen, ist auch der Einsatz von Elektrobikes wie dem Flyer sinnvoll. Und Immobilien müssen wir gänzlich vom Erdöl befreien.
Sie sprechen Cleantech an. Was kann getan werden?
Wir haben die Möglichkeit, unsere Häuser so zu isolieren, dass sie nur noch sehr wenig Energie benötigen. Diese kann auf unterschiedliche Art erzeugt werden, beispielsweise mit einer Wärmepumpe. Der Strom, den diese benötigt, kann mit Photovoltaik erzeugt werden. Anfänglich bedingt das zwar Investitionen, aber man muss die Vorteile sehen. Werden die Umbauten konsequent umgesetzt, bedeutet das hohe Investitionen in unsere Wirtschaft.
Also kurbeln wir damit die Konjunktur an?
Natürlich. Aktuell schicken wir viel Geld nach Libyen, Nigeria, Kasachstan oder Aserbaidschan, denn das sind unsere Erdöllieferanten. Wenn wir das Geld dagegen in Umbauten investieren, bringt das dem Schweizer Gewerbe, also unserer Volkswirtschaft, einen Mehrwert. Zudem bereiten wir damit unser Land auf den Peak Oil vor. Wenn er dann tatsächlich erreicht wird, sind wir strategisch besser aufgestellt. Natürlich wird uns der Peak Oil auch dann treffen, aber weniger hart.
Ist das finanzierbar?
Das ist durchaus finanzierbar, aber nicht günstig. Leute, die langfristig denken, erstellen eine Lebenskostenrechnung. Eine Erdölheizung ist im Moment zwar günstig, aber längerfristig – wenn der Erölpreis weiter steigen wird – wird sie zu einer Belastung. Es ist darum cleverer, bei Immobilien vorauszudenken und sie schnellstmöglich vom Erdöl zu befreien. Ein weiterer Aspekt, der leider fast nie erwähnt wird: Erdölunabhängige Immobilien werden stark an Wert gewinnen, wenn sich der Peak definitiv im Preis niederschlägt.
Kann sich die Schweiz einen Alleingang leisten?
Wir sind fähig, hier eine Industrie zu entwickeln, die wir als innovatives Exportprodukt verkaufen können, wenn Cleantech von der grossen Masse nachgefragt wird. Ich bin davon überzeugt, dass die Schweiz hier vorwärts machen sollte. Der Wirtschaftsverband Swisscleantech setzt sich für diese Ziele ein, mit Erfolg. Wir haben alles, was es braucht, um in diesem Bereich eine Vorreiterrolle einzunehmen: intelligente Menschen, viel Kapital, einen hohen Wohlstand und ein Gewerbe, welches das umsetzen kann.
Wie schnell kann diese Umstellung vorgenommen werden?
Wir können es nicht bei allen gleichzeitig umsetzen. Es geht nun darum, die Umstellung sinnvoll zu staffeln. Eine gute Kommunikation ist in diesem Prozess zentral. Wer begriffen hat, dass die Zeiten des billigen Erdöls definitiv vorbei sind, sollte auch bereit sein, an konkreten Lösungen mitzuarbeiten.
Müsste der Staat das verstärkt fördern, allenfalls auch vermehrt mit finanziellen Mitteln?
Aus der Geschichte weiss man, dass es eine Überstrukturierung der Wirtschaft gibt, wenn der Staat zu stark eingreifen will, und das ist nicht ideal. Die konkreten Lösungen müssen vom freien Markt kommen, wo sich die besten Modelle durchsetzen werden. Der Staat muss jedoch eine klare Ansage machen und erklären, dass wir als Vision hundert Prozent erneuerbare Energie anstreben. Wir müssen das Erdöl verlassen, bevor es uns verlässt.
















