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Worte Bojan Peric
Die globale Bevölkerungszunahme macht über kurz oder lang eine modernisierte Landwirtschaft notwendig. Was uns momentan noch im Weg steht, sind nicht die nötigen Mittel, sondern Retro-Hirngespinste.
Fernab allen philosophischen Rätselratens um den Sinn des Lebens ist der Mensch an und für sich eine ziemlich simple Erscheinung: Er isst, verdaut, vermehrt sich, schläft und stirbt, meist in dieser Reihenfolge. Doch schon der erste Punkt ist alles andere als selbstverständlich, und wenn Nachrichten über Hungersnöte in Somalia die Zeitungen stürmen, wird uns dieser Umstand schlagartig wieder ins Bewusstsein geschleudert. Fakt ist, dass die Welt für die gängigen Produktionsmethoden von Nahrung überbevölkert ist.
Und dass es unrealistisch ist, wie Sabine Lubow, Head PR von Bio Suisse, anmerkt, dass das Verteilungsproblem gelöst wird. Zudem werden bis 2050 aufgrund der bekannten demografischen Pyramiden noch mehr Menschen, zirka neun Milliarden, die Erde bevölkern. Unrealistisch ist auch der an sich schöne Gedanke, dass die jährlich weggeworfenen 1,3 Milliarden Tonnen Lebensmittel irgendwann den Weg zu den Bedürftigen finden werden.
Lokal und Bio Die Frage, was entsprechend zu unternehmen sei, ist jedoch schwieriger zu beantworten, als es scheint, denn zumindest im Westen haben seltsame Entwicklungen ihre Finger im Spiel. Zeitgemässe Technologien wie Genmodifikation von Nahrung werden, aus halbwegs nachvollziehbaren Gründen, verurteilt, und unwürdiges Halten von Tieren wird kritisiert (bevor die betroffenen Tiere dann aber dennoch gegessen werden). Und allen Unkenrufen zum Trotz boomen Bio-Label allerorts.
In Deutschland beispielsweise hat sich die Anzahl Bio-Produkte seit 2002 nicht weniger als verzwanzigfacht. Hierzulande erreichen entsprechende Umsätze jährlich gegenwärtig 1,8 Milliarden Franken (5,7 Prozent des gesamten Lebensmittelumsatzes) und haben- sich somit seit 2000 verdoppelt. Über 75 Prozent der Bevölkerung sieht Bio-Food als sehr wichtig an und ist gerne bereit, für selbigen tiefer in die Tasche zu greifen.
Hierbei werden in erster Linie artgerechte Tierhaltung, geringe Schadstoffbelastung während der Produktion und des Transports sowie Unterstützung regionaler Betriebe als ausschlaggebende Argumente genannt. Allesamt edle Gründe also, insbesondere weil man mit der Unterstützung regionaler Bio-Bauern auch die Nachhaltigkeit fördert.
So meint man zumindest. Der halbtot gerittene Begriff Nachhaltigkeit weist jedoch einige Tücken auf. So sollten Produkte beziehungsweise deren Produktionsverfahren nach Möglichkeit zugleich ökologisch, ökonomisch und sozial nachhaltig sein. Soll heissen, die Natur darf nicht verwüstet, das Land nicht ruiniert, und für jeden muss ein Platz in einer lebenswerten Gesellschaft aufrechterhalten werden.
Doch nur schon eine flüchtige Vertiefung in die Materie genügt, um aufzuzeigen, dass der Archetyp des Bio-Bauern – der von Plakaten herablächelnde, sonnengebräunte «Buur» mit starken Armen und gegerbten Händen vor einer idyllischen Kulisse und einem abgenutzten John Deere stehend – nicht viel mehr als ein Klischee bedient.
So betont Sabine Lubow, dass Regionalität- und Bio-Produkte oftmals Hand in Hand gehen.- Man kann sich jedoch fragen, wie es Dirk- -Maxeiner und Michael Miersch in ihrem Buch «Biokost und Ökokult» tun, ob moderne Konsumenten in erster Linie Wert auf lokale Produktion legen, egal ob biologisch oder nicht. Ist Bio für Schweizer Bauern also wirklich nötig. Aus ökonomischer Sicht ist «nachhaltiges Bauern» mehr als nur bedenklich. Schliesslich machen Subventionen in der Schweiz 65 Prozent des Faktoreinkommens der Landwirtschaft aus (der EU-Mittelwert liegt bei 46,7 Prozent).
Die Produkte sind grösstenteils deutlich teurer als ihre nicht-biologischen Konterparts und mit wichtigen Ressourcen wie Boden und Wasser wird während der Produktion ein vergleichsweise verschwenderischer Umgang betrieben. Auch das genuine Totschlagargument, die ökologische Verträglichkeit, gerät in letzter Zeit vermehrt ins Wanken.
Die mittlerweile berühmt gewordene DEFRA-Studie aus dem Jahr 2005 belegt zumindest zumindest für England – wobei die Ergebnisse für andere Industrieländer nicht deutlich anders sein dürften – dass lokale Produktion von Nahrungsmitteln und die damit einhergehende Verkürzung der «Food Mileage» keinesfalls eine bessere Öko-Bilanz bedeuten. Die höchste Umweltbelastung entsteht namentlich beim regionalen Transport sowie aufgrund ungünstiger Anbaubedingungen, was den regionalen Bauern faktisch den Boden unter den Füssen wegzieht.
Auch der vermeintlich bessere Geschmack konnte nie bewiesen werden. Starkoch Harald Wohlfahrt bringt auf den Punkt, was viele denken: Im Kopf schmecke Bio auf jeden Fall besser. Das ist an sich nicht tragisch, denn Illusionen werden tagtäglich verkauft. Bedenklich wird es aber, wenn fachfremde Branchen auf den Zug aufspringen und ihr Stück vom Geld- oder Reputationskuchen verlangen, indem sie beispielsweise Bio-Visitenkarten kreieren. Oder gar, wie in den 80-er Jahren passiert, wenn ein Unternehmer in den Medien Gerüchte über die Gefahren von Fadenwürmern in Fischen streut, um die Verkäufe der eigenen Fischanalyse-Geräte anzukurbeln.
Die Konsequenz für den Bio-Bauern ist so nachvollziehbar wie für den den westlichen Geist unverständlich: Um dem Bio-Bauern seinen sozialen Platz zu gewährleisten, müssen wir ihn tilgen. Dies bedeutet jedoch nur, eine auf Marketing und Traditionsgläubigkeit (oder «Swissness», um die- schreckliche Vokabel zu gebrauchen) basierende Illusion fallenzulassen.
Der Weltagrarbericht von 2008 und Sabine Lubow bestätigen zwar, dass die regionale landwirtschaftliche Souveränität eine wichtige Rolle hinsichtlich einer global genügenden Nahrungsmittelproduktion spielt, es bedarf auf dem Gebiet jedoch progressiver Forschung und Entwicklung, die dem erwähnten Klischeebild keinen Raum lässt.
Der nachhaltige Landbau muss anders gedacht werden. Konzepte einer modernen, effizienten und umweltverträglichen Landbewirtschaftung existieren bereits, beispielsweise bei Farming First, und warten auf ihre Umsetzung. Schliesslich geht es um die weltweite Versorgung mit Nahrung, und somit um nicht weniger als Leben und Tod.
Der erste Schritt zu einer neuen, sinnvollen und nachhaltigen Landwirtschaft beginnt im Kopf, sprich wir müssen den von der Sonne gegerbten Plakatbauern daraus verbannen und ihn in eine zeitgemässe Umgebung stecken. Den John Deere darf er aber immerhin behalten. Eventuell.