Beschleunigte Beschleunigung
Worte Bojan Peric
Je stärker die Beschleunigung, desto mehr drängt es nach Entschleunigung. Doch wie? Vollbremsung oder U-Turn?

«In der Moderne dreht sich alles um die Beschleunigung der Zeit», so das Credo des Kulturhistorikers Peter Conrad. Die sich selbst kontinuierlich beschleunigende Beschleunigung ist aus dem modernen Leben nicht wegzudenken. Seit der Industrialisierung warnen Pessimisten vor dem drohenden Kollaps, der jedoch nie eintrat. Und das, obwohl die Geschwindigkeit der Kommunikationsübertragung seit Beginn der Industrialisierung um nicht weniger als das 107-fache zugelegt hat. Die Transportgeschwindigkeit immerhin um das 102-fache. Das Tempo nimmt bis heute ungebrochen zu. Dauerte ein Telefongespräch 2001 durchschnittlich 2,2 Minuten, sind es heute noch 1,8. Selbst bei schriftlicher Konversation drückt man auf die Tube: «lg» (Liebe Grüsse) und «hdl» (Hab Dich lieb) ersetzen zeit- und displayraubende Floskeln.
Unüberbrückbare Gegensätze
Doch der Geschwindigkeitswahn fordert, wenngleich unbeachtet, seinen Tribut. Es ist illusorisch zu denken, die ganze Welt schreite im gleichen Tempo voran. Tatsächlich besteht ein Beschleunigungsgefälle, eine «Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen», so beispielsweise zwischen dem Westen und dem Rest der Welt. In ihrer ganzen Tiefe entfaltet sich die Problematik bei Gegensätzen wie Ökonomie und Ökologie: Letztere kann mit der Entwicklung ersterer schon lange nicht mehr mithalten. Auch auf der menschlichen Ebene hat die Beschleunigung Folgen. Das ständige Hetzen ins Nirgendwo bietet dem modernen Menschen keinen greifbaren Sinn. Vielleicht ist das der Grund, warum immer noch viele ihr Heil in der Religion suchen, deren Streben nicht in weiterem Streben, sondern in einem beruhigenden Jenseits mündet. Führen diese gegensätzlichen Bewegungen zu einer Annäherung in der Mitte? Oder doch zu einem U-Turn mittels Handbremse?

















