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Worte Rino Borini
Eine Bank, die keine Gebühren erhebt, ohne Zinsen operiert, kein Geld bunkert und kein Systemrisiko darstellt – eine Utopie? Nein. Sind Zeitbanken gar die Vorboten einer Trendwende?

Aufgrund zunehmender Veralterung der Gesellschaft und Mangel an Pflegepersonal wird die Versorgung von alten, kranken und hilfsbedürftigen Menschen immer schwieriger zu bewerkstelligen – und insgesamt teurer. Doch in vielen Städten und Gemeinden klafft in den Kassen ein grosses Loch. Da die Mittel fehlen, um öffentliche und soziale Aufgaben wahrzunehmen, müssen einzelne Leistungen reduziert oder teilweise sogar ganz eingestellt werden. Neue Konzepte sind gefragt.
Ein solches hat die Stadt St. Gallen in Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Sozialversicherungen entwickelt: das Modell der Zeitvorsorge. Forciert wurde die Initiative vom damaligen Bundesrat Pascal Couchepin. Die Idee der Zeitbank ist so einfach wie bestechend: Solange die «jungen Alten» körperlich fit sind und über freie Zeit verfügen, können sie den «alten Alten» im Haushalt, bei administrativen Angelegenheiten, beim Einkauf oder bei einfachen Körperpflegearbeiten zur Hand gehen. Ihren Lohn erhalten die rüstigen Rentner jedoch nicht in Form von Geld, sondern als Zeitgutschriften.
Diese Gutschriften werden – genau wie bei einer konventionellen Bank – auf einem Konto notiert. Wenn die Senioren später selber auf Hilfe angewiesen sind, können sie die erbrachten Stunden einlösen. Die Projektverantwortliche Katja Meierhans rechnet damit, dass sich in St. Gallen rund 300 Menschen zum Mitmachen bewegen lassen, insgesamt sollen auf diese Weise jährlich etwa 25 000 Betreuungsstunden zusammenkommen.
Die Idee der Zeitbank ist nicht neu. In der Stadt New York wurde das Modell bereits im April 2009 eingeführt. «Jedermann hat etwas anzubieten. Nutze deine Zeit, dein Wissen und deine Bereitschaft, um die dringendsten Bedürfnisse zu lösen», lautet das Motto von «NYC Service». Der dortige Service richtet sich jedoch nicht nur explizit an Rentner, sondern an Bürger aller Altersklassen. Interessierte können sich und ihre Fähigkeiten registrieren lassen, im Bedarfsfall werden sie aufgeboten und leisten ihre Arbeit. Abgerechnet werden die Arbeiten in «TimeDollars». Ob Kochen gegen Nähen oder Nachhilfe gegen Einkaufen – alle Varianten sind möglich.
Viel Zuspruch erhielt das Projekt vom republikanischen Bürgermeister Michael R. Bloomberg, einem der Schirmherren: «Der Start des NYC-Services kommt in einer schwierigen Zeit für unsere Wirtschaft. Eine Zeit, in der viele New Yorker die Auswirkungen der Rezession zu spüren bekommen und sich Sorgen über ihre Zukunft machen.»
Zeitbanken bedienen eines fast schon vergessenen Konzepts der klassischen Wirtschaftslehre: der Arbeitswerttheorie. Diese besagt, dass der Wert einer Ware bestimmt wird durch die Arbeitszeit, die für deren Herstellung aufgewendet werden muss. Der Wert einer Arbeitsstunde ist in dieser Theorie ebenfalls eine Arbeitsstunde. Verfechter der Arbeitswerttheorie sind der Ansicht, dass Zeit in Bezug auf Arbeitsleistung die einzige Konstante ist – und somit auch die einzig faire Bewertungsgrundlage. Zeitvorsorgemodelle könnten einen Wandel von der monetären hin zur Zeitökonomie andeuten. St. Gallens Projektverantwortliche Katja Meierhans: «So kommen Qualitäten und Werte zum Tragen, für die das monetäre System gewissermassen ‹blind› ist, da sie nur unzureichend in Geld abgebildet werden können.»
Es ist wohl nicht zu erwarten, dass die Theorie in der Wirtschaft demnächst flächendeckend Einzug halten und alles umkrempeln wird. Doch in Zeiten, in denen ein CEO im Extremfall vierhundert Mal soviel verdient wie ein Sachbearbeiter des gleichen Unternehmens, erscheint der Grundgedanke hinter der Arbeitswerttheorie weniger absurd als auch schon.