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Worte & Bild Cyril Schicker
Der Schweizer Wortakrobat Endo Anaconda, Leadsänger von Stiller Has, singt in einem seiner Lieder davon, dass «Pirat sein» der Zustand seiner Seele sei. Das US-Stimmwunder Norah Jones führt den Song «Chasing Pirates» spazieren und die ewig jung gebliebene Nena trägt in «Lass mich dein Pirat sein» die Freibeuterei auf Händen. Dem ist aber nicht genug, selbst die unvergleichliche, inzwischen verstorbene, Hildegard Knef gab jahrelang ihre «Seeräuber-Jenny» zum Besten. Die britische Supergruppe Emerson Lake & Palmer (mit dem Track «Pirates») steht dem in nichts nach.
Das gilt ebenso für den österreichischen Liedermacher Ludwig Hirsch, der sich mit «Piratenschiff» der Thematik mehr als nur annähert. Es gibt selbstverständlich unzählige weitere Notenschlüsselvirtuosen, die sich damit beschäftigen. Die eingangs erwähnten verdeutlichen aber bereits zur Genüge, wie sehr die Piraterie in der globalen Musiklandschaft Fuss gefasst hat. Inzwischen hat sich, neuzeitliche Freibeuter vor der Küste Somalias am Horn von Afrika sei Dank, die Thematik oder besser gesagt Problematik auch unangenehm in der realen Welt festgesetzt.
Selbst nachdem 2006 laut ICC Commercial Crime Services rund 240, 2007 knapp 265, 2008 zirka 295 und im darauf folgenden Jahr über 400 Übergriffe vermeldet wurden, werden die Frevler noch immer rhythmischwortgewandt gebauchpinselt. Fürwahr ist es äusserst paradox, Mörder, Geiselnehmer, Erpresser und Konsorten in Songstrukturen einzubetten und somit zu lobhudeln. Allerdings ziehen jene Gesetzesübertreter auch eine gewisse Abenteuerlichkeit nach sich und steigern die Absatzzahlen. So eigentümlich das Ganze ist, viele Industrien sind ganz ähnlich betroffen. Selbst ruhmreiche Exponenten aus der Welt des Sports geben sich, zumindest von der Namensgebung her, gewissermassen «martialisch» und gesetzesübertretend.
Erwähnenswert sind hierbei etwa Teams aus den amerikanischen Profi-Ligen NHL (Nashville Predators, New Jersey Devils und Atlanta Thrashers), NBA (Golden State Warriors) oder NFL (Indianapolis Colts). Rugby-Mannschaften, allen voran die Cornish Pirates, schlagen in dieselbe Kerbe. Landauf, landab applaudieren also Millionen von Fans enthusiastisch – immerhin überdurchschnittlich sportlichen und talentierten – Piraten, Dreschern, Teufeln, Kriegern sowie Eindringlingen zu. Doch nicht nur die Sportwelt oder die Musikbranche wird von Widersprüchlichem heimgesucht. Auch der Staat, konkret das Polizeiwesen, «leidet» unter einer gewissen Diskrepanz zwischen externer Wahrnehmung und tatsächlichem Ist-Bestand.
Dabei geben sich Stereotypen eifrig die Klinke in die Hand. Während wir also, über einen Kamm geschert, die Sinnesorgane mit allgemein Kriegerischem und expliziten Out-Laws «schwängern», ärgern wir uns gleichzeitig und lautstark über die Polizei und erachten deren Arbeit als Beschneidung unseres Freiheitsgefühls. Im selben Atemzug erheben wir den Mahnfinger ob deren über triebener Brutalität sowie deren unangebrachten, ausgeprägten rassistischen Zügen. Es geht ja wohl nicht an, dass der selbsternannte (eichenharte, starke und verlängerte) Arm des Gesetzes nur dann ausgestreckt wird, wenn wehrlose Ausländer in der Nähe sind, die erbarmungslos gepiesackt werden können.
In dem Zusammenhang machen rasch Wörter wie Willkür, Schande, Ungemach, Einseitigkeit, Blutgeilheit, Machtausübung oder Bananenrepublik die Runde. Schlecht gebrüllt, Löwe! Denn nur schon die «Allgemeine Polizeiverordnung» und das «Polizeiorganisationsgesetz» nehmen den Gesetzeshüter an die kurze Leine und treten obiger Stammtischpolemik fest ans Schienbein. Diese besagen unter anderem, dass Polizeiorgane die öffentliche Ruhe und Ordnung aufrechtzuerhalten haben.
Sie sorgen für die Sicherheit von Personen und Eigentum, verhindern Verbrechen, Vergehen sowie Übertretungen, kehren das Nötige vor, um Fehlbare der Bestrafung zuzuführen und erfüllen andere, durch das Gesetz zugewiesene, Aufgaben. Samthandschuhe und eine Walt-Disney-Freundlichkeit bringen herzlich wenig. Mit präventiven und repressiven Massnahmen sowie durch sichtbare Präsenz für die öffentliche Sicherheit, Ruhe und Ordnung leistet die Polizei Hilfe und unterstützt die Behörden bei der Durchsetzung der Rechtsordnung. Unsere ehrwürdigen «Hüter des Gesetzes» gehen dabei kriminal-, sicherheits- und verkehrspolizeilichen Aufgaben nach. Klar, Skeptiker werden an dieser Stelle jetzt sagen, dass sich dies ja freilich schön anhöre, jedoch bar jeglicher Realität sei. Nun, nebst der überschäumenden Neugierde sind es genau solche Nörgler, die PUNKTmagazin dazu veranlasste, sich eine (Freitag-) Nacht in der grössten Partystadt der Schweiz auf Patrouillenfahrt zu begeben.
Diese Freitagnacht war nur unweit vom allgemeinen Zahltag entfernt. Laut Marco Cortesi, seines Zeichens Medienchef der Stadtpolizei Zürich, führt dies im Vergleich zu sonstigen Wochenausklängen erfahrungsgemäss zu mehr Tumult respektive einem Gefahrenherd auf höchster Stufe. Um aber wirklich dort zu sein, wo nicht die Köpfe rauchen wie hinter dem Redaktionsschreibtisch, sondern vielmehr die Colts, durfte man sich an die Fersen des Sonderkommissariats (Soko) heften. Das Soko gilt gewissermassen als Elite, ohne aber elitäre Züge anzunehmen, und ist dort zugegen, wo es quasi brennt.
«Womenomics» im Fokus
Für den Stich- und Schusswaffenfall sind selbst für den «schreibenden Touristen» Sicherheitswesten Voraussetzung. Pistole und Schlagstock gibt es zwar nicht, dafür aber Handschellen – als Schlüsselbund. Immerhin. Voraussetzung ist darüber hinaus ein Gespräch, bei dem journalistisches Ziel, Medium und Person vorstellig werden müssen. Ein Muss ist ausserdem das Unterzeichnen einer Geheimhaltungserklärung, die zum Beispiel den Versicherungsschutz klärt und auf die Schweigepflicht aufmerksam macht. So weit so gut, mit Netz und doppeltem Boden geht es insgesamt zu viert auf Patrouillenfahrt.
Die direkte Bezugsperson und indirekt auch der Vorgesetzte, Polizeikorporal R.W., gibt einige Instruktionen und stellt sein junges und motiviertes Team vor. Dazu gehören Polizist A.Z. und die angehende deutsche Kommissarin S.O. Die einzige Evastochter im Wagen absolviert im Rahmen ihrer Hochschulausbildung ein Praktikum und sorgt alleine schon mit ihrer (zugegeben: fies grünen) Uniform für einen Farbtupfer. Das Jahrhundertthema «Womenomics» schiesst gedanklich durch des Schreiberlings Kopf und die Frage nach der Frauenquote schreit förmlich nach einer Antwort: «Ich schätze, dass es bei der Soko ungefähr 25 Prozent Frauen hat», so R.W.
Dass er damit Mitten ins Schwarze trifft, das bestätigte Marco Bisa, Mediensprecher der Stadtpolizei Zürich. Bisa ergänzt: «Diese Quote lässt sich aber auf die gesamte Stadtpolizei ummünzen.» Er weiter: «Frauen sind äusserst wichtig. Dies einerseits wegen den ausgeprägten sozialen Skills und anderseits wegen den Leibesvisitationen von weiblichen Tatverdächtigen.» Von Gesetzes wegen ist das geschlechterfremde Abtasten strikte verboten. Verbot hin oder her, eine Frau ist für die erste nächtliche Blaulichtfahrt in dieser Nacht verantwortlich.
Blaulicht deshalb, weil sie schreiend die Notrufzentrale anvisiert und mehrere Polizeiwagen auf den Plan ruft. Die Blaulichtfahrt ist Neuland für den Journalisten und die damit ausgelöste Aufmerksamkeit treibt ihm die Schamesröte ins Gesicht. Diese Gefühlsregung weicht schnell der Erleichterung, denn beim Eintreffen winken die bereits dort anwesenden Polizisten ab, es sei alles in Ordnung: Fehlalarm. Ob Angst respektive Einschüchterung der Grund für den Meinungsumschwung ist, kann man nur erahnen. Die Zeit ist ohnehin immerzu knapp bemessen, ein nächster (Not-)Fall lässt Polizist A.Z. auf das Gaspedal treten und erstickt weitere Gedanken an den Vorfall.
Inmitten aller Sexgeilen, Drogensuchenden, Streitsüchtigen, Prostituierten, Wegelagerer und Umgebauten badet ein Jungspund in der eigenen Kotze. Gar noch jüngere Schlitzohre stehen um ihn herum, mit der Absicht, ihn um seinen Geldbeutel zu erleichtern. Nett von ihnen, dem arg geschundenen Mann selbst noch diese Bürde abzunehmen, können doch einige Franken wahrlich belastend wirken. Belastend ist dieses Ungemach angenehmerweise weniger für die herangeeilten Sanitäter und mehreren Polizisten. Sie helfen ihm, behüten, bedecken und fahren ihn schliesslich – nicht gerade auf einer Sänfte – mit der fahrbaren Bahre zum Sanitätswagen.
Während die Freier angesichts der Gesetzeshüter und Sanitäter versuchen, sich unsichtbar zu machen, versucht der Schreiberling an vorderster Front spannende Fotos zu schiessen. Diese scheinen derart ausdrucksstark zu sein, dass sich ein leuchtturmhoher Transvestit überhaupt «erschossen» fühlt und auf Herausgabe des Schnappschusses pocht (Profilierungsneurose hin oder her, auf dem Bild ist sie/er nicht einmal drauf). Polizeikorporal R.W. nimmt den Fototäter kurzerhand unter seinen schützenden Flügel. Dieser Flügelschlag genügt, um sie alias ihn, in die Flucht zu schlagen. Flucht anregend und Angst erregend ist, ganz nebenbei erwähnt, auch der mitgeführte Polizeihund. Er verwechselt den Journalisten kurzerhand mit einem «gewöhnlichen Langstrassen-Aficionado», ist aber glücklicherweise in den guten Händen seines Herrchens.
In guten Händen ist der Journalist während der ganzen Zeit. Nicht nur stellen sich seine drei Begleiter sämtlichen Fragen – ohne Wenn und Aber auch frühmorgens um Vier, wenn auch nicht mehr ganz so taufrisch –, nein, sie gewähren ihm ebenso offenherzige Einblicke ins Dekolleté der Drogenkonfiszierungen. Wiederum mit Blaulicht über den Köpfen geht es in einen Club an der Hohlstrasse, wo ein Securitas-Angestellter einen Dealer dingsfest gemacht und die Polizei alarmiert hat. Sichergestellt werden einige Gramm Marijuana, einige Thaipillen sowie eine Unmenge an Amphetaminen.
Bei den unzähligen und zuweilen in drei (!) verschiedenen Sprachen durchgeführten Personenkontrollen, hauptsächlich an der Zürcher Langstrasse, wird jedoch weniger diese Art von (harten) Drogen gesucht, dafür vermehrt nach Kokain gefährtet. Viele der Kontrollierten sind bereits einschlägig bekannt, schaffen es aber dennoch jeweils, ohne Strafe (sogenannte Kügelidealer schlucken das Zeug bei Gefahr runter) davonzukommen. Viele knüpfen munter einen Lügenteppich und behaupten wie aus der Hüfte geschossen, eine neue, redliche Arbeit gefunden zu haben. Wer dies glaubt, dessen Urteilsvermögen scheint im Argen zu sein. Wie auch immer, solcherart Schwindlereien sind an der Tagesordnung und werden nicht mit drakonischen Massnahmen geahndet.
Gänzlich in Schieflage befindet sich auch das Sihlquai, der «Lynchpin» des Zürcher Strassenstriches. Sehr provokativ-plakativ gesagt, ist es fortan nicht mehr nötig, rund 600 Franken für einen Flug mit der Swiss nach Sofia und wieder zurück zu bezahlen. Denn die «Republika Balgarija»befindet sich gleich um die Ecke des Hauptbahnhofs. Dominieren tun nämlich derzeit von dort stammende Frauen oder vielmehr Mädchen. Knapp bekleidet und vollends wehrlos trotzen sie der Kälte, bedienen Freier um Freier und werden sichtbar von einem «Aufpasser» überwacht. Nebst einem schäbigen Toi-Toi-WC haben sie immerhin den sogenannten Flora-Dora-Bus als Rückzugsmöglichkeit.
Die mobile Beratungsstelle ist für Frauen auf dem Strassenstrich die einzige geschützte Zone. Ein Teilbereich des Sihlquai ist übrigens als Prostitutionszone von der Stadt offiziell im «Strichplan» eingetragen, ebenso ein gewisser Teil der unteren Altstadt (Niederdorf). Entsprechend können die armen Strassenstrich- Seelen gewissermassen nur kontrolliert, aber nicht ausgeschafft werden. Solange sie über einen gültigen Pass oder gar eine Aufenthaltsbewilligung verfügen … Gerade solche Situationen erfordern viel Empathie, Verständnis für Kulturunterschiede und Psychologie. Daneben verfügen die Gesetzeshüter aber auch über geografisches Wissen und ausgeprägte Waffenkenntnisse.
Polizeikorporal R.W. listet auf die Frage nach bereits beschlagnahmten Waffen(-arten) unzählige «scharfe Sachen» auf. Darunter zum Beispiel Samurai-Schwerter, Klapp- und Stellmesser, Schrotflinten, Handfeuerwaffen – aber auch Kugelschreiber, Gürtelschnallen oder Regenschirme, die sich zu Pistolen umfunktionieren lassen. Der Umstand, dass die körperliche Unversehrtheit latent in Gefahr ist, erfordert zusätzlich zu den sowieso schon grossen Anforderungen auch noch eine ungemeine mentale Stärke. Dass der Beruf Polizist selbst nach einer gewissen absolvierten Zeit noch immer «Genuss und nicht Verdruss» (darüber referiert Polizeikorporal R.W. demnächst an einer Veranstaltung des Lions Club) ist, lässt aufhorchen.
Des Journalisten «Reiseteam» redet denn auch nie von Beruf, sondern von Berufung. Die Überzeugung, die im Tonfall mitschwingt, bekommt gar noch mehr Gewicht verliehen, wenn nicht von Tätern gesprochen wird, sondern von Kunden. Die ausgeprägte Dienstleistungsbereitschaft ist augenscheinlich. Dies zeigt sich beispielsweise, wenn auch nur im Kleinen, nach einer guten Stunde, als weniger die Schreibwut drückt, als viel mehr die Blase. Problemlos wird die Regionalwache Industrie angesteuert und gastfreundlich Eintritt gewährt. Das Journalistenwohl ist damit gesichert. Sicher werden zudem auch stadteinwärts potenzielle personelle Grabenkämpfe entschärft, wohlwollend Auskünfte erteilt und ver(-w)irrten Menschen der Weg aufgezeigt.
Die Hilfsbereitschaft erstreckt sich die ganze Nacht hindurch und wird von den Beteiligten oft dankbar angenommen. Die Nacht macht zudem augenscheinlich, dass Polizisten sportlich sein müssen, aber ebenso freundlich, zuvorkommend, vorausschauend, entscheidungs- und kontaktfreudig. Im gleichen Atemzug müssen sie rigoros überlegen, sicher und fähig sein, über den Tellerrand zu lugen. Polizisten haben die zuweilen undankbare Aufgabe, zwischen diesen persönlichen Fähigkeitswelten seilzutanzen. Währenddem eigene Skills dem Gleichgewicht dienlich sind, fungieren umfassende Werke wie Strafgesetzbuch, Betäubungsmittelgesetz, Bundesgesetz über den Datenschutz, Obligationenrecht, Zivilgesetzbuch, Waffengesetz, Polizeiorganisationsgesetz, Strafprozessordnung, Kantonales Datenschutzgesetz, Hundewesen, Polizeiverordnung und Strassenververkehrsgesetz als Seil.
Sie scheinen dies sehr gut hinzukriegen und für unsere kleine, nicht aber heile Welt auch äusserst wichtig zu sein. Insbesondere in einer Zeit, in der laut Bisa und Polizeikorporal R.W. die Gewaltbereitschaft in sphärische Höhen gestiegen sei. Im selben Ausmass stieg sowohl Intensität als auch Kadenz. Die vergangenen drei Fussballsaisons, bei denen der jährliche Sicherheitspolizeiaufwand zwischen knapp drei und 4,5 Millionen Franken hin- und herpendelte, sprechen eine deutliche Sprache. Dieser an und für sich lähmende Umstand verwundert nicht, wenn man bedenkt, dass nur schon ein einzelnes «Hochrisikospiel» 200 Mannstunden als Grundversorgung erfordert.
Die erforderliche intakte innere Sicherheit für eine prosperierende Infrastruktur dürfte hierzulande gegeben sein, dafür sorgt zu gewissen Teilen die Stadtpolizei Zürich. Gemäss Bisa seien derzeit – zumindest für die Zwinglistadt – keine Anzeichen einer speziellen Bedrohungslage ersichtlich. Das stimmt versöhnlich, wirkt beruhigend und das in Anlehnung an eines der vielen Klischees getragene kleinkarierte Hemd hätte überhaupt nicht getragen werden müssen. Denn Polizisten sind uns vielmals wohlgesinnt, machen eine überaus wichtige Arbeit und führen uns protegierend durch den Lebensalltag.