Wer finanziert hier wen?
Worte Rino Borini
Einer rückläufigen Geburtenrate steht eine zunehmende Lebenserwartung gegenüber, doch das Rentenalter wurde nie an diese Entwicklung angepasst. Das ist aber nicht das einzige Problem.
Die Alterung der Bevölkerung und die tiefen Renditen am Kapitalmarkt stellen die Vorsorgeeinrichtungen vor grosse Herausforderungen. Die derzeitige Hauptsorge der Pensionskassenverantwortlichen liegt im vorherrschenden Tiefzinsumfeld. Die benötigten Kapitalerträge sprudeln nicht mehr wie in den Achtziger- und Neunzigerjahren. Beim Start des BVG-Obligatoriums 1972 lag das Zinsniveau in der Schweiz um rund 4 Prozent höher.
Immer mehr Pensionskassen stehen unter Druck. Und waren es zu Beginn noch gut 6000 Berufsvorsorgeeinrichtungen, ist ihre Zahl auf etwa 2200 zurückgegangen. Othmar Simeon, Pensionskassenexperte von Swisscanto, erwartet weitere Schliessungen. «Bald werden wir in der Schweiz bei 1500 Kassen sein.» Der Think Tank Avenir Suisse ist sogar der Ansicht, 300 Kassen seien genug. Dies entspräche der Anzahl Bankinstitute in der Schweiz. Weniger Kassen bringen zweifelsohne signifikante Skaleneffekte, beispielsweise in der Vermögens- und Kassenverwaltung. Heute vereinen die 2000 kleinsten Pensionskassen lediglich 15 Prozent der kumulierten Bilanzsummen.
Die Auswirkungen der höheren Lebenserwartung sieht der Experte weniger drastisch. «Die immer älter werdende Gesellschaft ist sicher ein Problem, aber mit 1 bis 2 Prozent mehr Zins, könnte man der Langlebigkeit entgegenwirken.» Die oftmals ungünstigen Verhältnisse zwischen arbeitender Bevölkerung und Rentnern führe jedoch zu einer schleichenden Umverteilung, sozusagen einer versteckten Generationensolidarität: Die Aktiven zahlen für die Rentner. «Das spricht absolut gegen das Prinzip der Pensionskasse, das ist systemwidrig», so der Swisscanto-Experte weiter. Eine Lösung sieht er im Umwandlungssatz, der angibt, zu welchem Satz das in den Pensionskassen gesparte Alterguthaben in eine Rente gewandelt wird. Dieser müsse gesenkt werden. Bei Inkraftsetzung des BVG betrug er 7,2 Prozent, heute sind es 6,4 Prozent. Wenn man sich die Realität in der Gesellschaft und an den Finanzmärkten vor Augen hält, ist diese Senkung zu wenig drastisch. Ob das Pensionskassensystem in der heutigen Form für die Zukunft taugt, ist unter Experten umstritten. Möglich wäre auch: früher einbezahlen, mehr einbezahlen oder länger arbeiten. Die Alternative ist simpel: Künftige Rentenbezieher erhalten tiefere Pensionsgelder.
Eines ist sicher: Eine Anpassung und Vereinfachung des BVG ist dringend notwendig. Schon heute sind laut Bundesamt für Statistik rund 15 Prozent der arbeitenden Männer über 65 Jahre alt. Und die Zahl wird weiter nach oben klettern. Die «jungen Alten» sind erfahren, oftmals gut betucht und verfügen über viel Erfahrungsschatz. Dieses Potential sollte der Wirtschaft und Gesellschaft nicht vorenthalten werden. Dass das jetzige System nicht optimal ist, merken auch die Jungen. So fordert die Jugendsession vom Bundesrat eine Prüfung des Rentenalters. Sie hat schlicht keinen Bock auf eine Umverteilung von Jung nach Alt.


















