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Worte Barbara Kalhammer Bild Boris Gassmann
Wir befinden uns im Jahrhundert der Städte. Bereits jetzt lebt mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in urbanen Räumen, in dreissig Jahren werden es drei Viertel sein. Der damit einhergehende Infrastrukturbedarf eröffnet auch Schweizer Unternehmen enormes Potenzial.
Städte gelten seit jeher als Zentren von Kunst und Kultur, von Wissenschaft und Technologie. Als Schnittpunkte des globalen Handels sind sie sowieso unverzichtbar. Diese Vorteile wissen immer mehr Menschen zu schätzen. In der Schweiz beispielsweise leben bereits zwei Drittel der Bevölkerung in Städten. Insgesamt wohnen sie in einem der fünf grossen Agglomerationsräume (Zürich, Genf, Basel, Bern und Lausanne). Grosse Einzelstädte dagegen sind selten: Lediglich 10 Schweizer Städte verfügen über mehr als 50 000 Einwohner.
Der Trend zur Urbanisierung zeigt sich weltweit. Bereits im Jahr 2008 wohnte die Hälfte der Menschen in Städten, noch vor 200 Jahren waren es nur gerade drei Prozent. Die Entwicklung beschleunigt sich zusehends: Im Jahr 2050 werden gemäss Prognosen der UNO knapp 70 Prozent in urbanen Räumen leben, also etwa 6,25 Milliarden Menschen. Das 21. Jahrhundert wird somit durch das rapide Wachstum der Städte geprägt sein, laufend entstehen neue Megacities mit mindestens zehn Millionen Einwohnern. Gab es noch 1975 weltweit nur fünf solche Städte, wird sich ihre Anzahl bis 2015 auf 27 erhöhen, wie aus Schätzungen der Vereinten Nationen hervorgeht. Der Grossteil davon entsteht in den Entwicklungsländern, wo die Bevölkerung fast ausschliesslich in den städtischen Gebieten der weniger entwickelten Regionen wächst. Dazu kommt die sich fortsetzende stetige Abwanderung aus den ländlichen Regionen. Und nicht selten werden ganze Gegenden, die früher ländlich geprägt waren, von Städten geschluckt.
Dieser gesellschaftliche Wandel bleibt nicht ohne Folgen. «Schnelle Urbanisierung bedeutet auch bessere wirtschaftliche Leistung», sagte Hania Zlotnik, Direktorin des UN-Bevölkerungsprogramms, kürzlich an einer Präsentation. Städte sind die Motoren des zukünftigen Wachstums. Bereits heute erzielen die zehn wirtschaftsstärksten Metropolen zwanzig Prozent der Weltwirtschaftsleistung. Um sich stets wirtschaftlich weiterzuentwickeln und die Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen, ist der Ausbau beziehungsweise die Sanierung der Infrastrukturen nötig. Was für uns selbstverständlich ist, nämlich die Bereitstellung einer reibungslos funktionierenden Infrastruktur, gehört im globalen Kontext zu den grossen Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte. Konkret gemeint sind effiziente Energie- und Telekommunikationsnetze, Verkehrswege, Wasserversorgungs- und -entsorgungssysteme sowie soziale Einrichtungen. Diejenigen Staaten, die es in der Vergangenheit verabsäumt haben, rechtzeitig Gelder für diese Ausgaben bereitzustellen, bekommen das heute zu spüren. Das gilt für weite Teile Lateinamerikas, wo man heute die Investitionslücke der Neunzigerjahre spürt. Die Weltbank geht davon aus, dass dadurch bis zu drei Prozent des Wirtschaftswachstums verloren gingen. Mit grossen Investitionen wird nun versucht, die Versäumnisse auszubügeln. Brasilien beispielsweise hat 2011 einen Dreijahresplan verabschiedet, der Ausgaben von 190 Milliarden Dollar in den Bereichen Elektrizität, Telekommunikation, Verkehr, Wasser und Abwasser vorsieht. Das sind immerhin 54 Prozent mehr als zwischen 2006 und 2009.
Infrastrukturen hinken dem Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum oft hinterher. Ein Beispiel dafür ist der Flughafen im indischen Bangalore. Als die Planung im Jahr 2000 aufgenommen wurde, rechnete man mit rund 4 Millionen Passagieren pro Jahr. Aufgrund des rasanten Wachstums der Region wurde diese Schätzung noch während der Bauphase angepasst – zum Glück. Bereits im ersten Betriebsjahr 2008 wurden 8 Millionen Passagiere gezählt. Aktuell sind es jährlich sogar etwa 13 Millionen.
Nicht nur in Entwicklungsländern wurden Infrastrukturprojekte auf die lange Bank geschoben, viele Industriestaaten begingen denselben Fehler. Auch bei ihnen ist der Nachholbedarf enorm. Gemäss Schätzungen der OECD werden sich die Aufwendungen der Mitgliedsstaaten und der grossen Nichtmitglieder, China, Indien und Brasilien, bis zum Jahr 2030 auf jährlich etwa 2,5 Prozent des Bruttoinlandprodukts belaufen. Auf das Wachstum 2011 bezogen wären das 1,75 Billionen Dollar. Werden zudem die Stromerzeugung sowie andere energiebezogene Infrastrukturausgaben für Öl, Gas und Kohle miteinbezogen, steigt der Anteil auf jährlich 3,5 Prozent. Auch die Unternehmensberatung McKinsey stellt in ihrer Studie «Infrastructure Productivity» grossen Nachholbedarf fest. Die Schätzungen, die ebenfalls auf den historischen Ausgaben für Infrastruktur gemessen am BIP beruhen, gehen von einem Mindestbedarf zwischen 2013 und 2030 von 57 Billionen Dollar aus. Der Löwenanteil werde für Strassen, Energie und Wasser benötigt.
Der grösste Investor in Infrastruktur war in den vergangenen zwanzig Jahren China. Gemäss dem Beratungsunternehmen McKinsey wurden dort zwischen 1992 und 2011 über 50o Milliarden Dollar ausgegeben, in der EU waren es 403 Milliarden, in den Vereinigten Staaten 374 Milliarden Dollar. Diese Entwicklung wird sich weiter fortsetzen. Das Beratungshaus erwartet, dass 2030 über eine Milliarde Menschen in chinesischen Städten leben werden. Angetrieben wird diese Entwicklung einerseits durch das Bevölkerungswachstum und andererseits dadurch, dass 400 Millionen Chinesen in urbane Gegenden ziehen werden. So wächst die Zahl der Städte mit mehr als einer Million Einwohnern in den nächsten knapp 15 Jahren auf über 200. Im Vergleich dazu: In Europa gibt es derzeit etwa 35 Millionenstädte. In den kommenden 20 Jahren werden in China 40 Milliarden Quadratmeter Nutzfläche geschaffen, auf denen 5 Millionen Gebäude Platz finden sollen. Dazu braucht es nicht nur Autobahnen, Bahntrassen und Wasserstrassen sondern auch Klär- und Elektrizitätsanlagen. In China hat das ganze immer auch eine volkswirtschaftliche Dimension: Das Land will seine Wachstumsrate hoch halten, da leisten verschiedene Infrastrukturprojekte einen willkommenen Beitrag. Die 7,8 Prozent Wirtschaftswachstum, die im vergangenen Jahr erzielt wurden, mögen vielleicht für europäische Verhältnisse viel sein, doch für den roten Riesen war es das tiefste Wachstum seit 13 Jahren. Das ist mit ein Grund für die wirtschaftspolitischen Massnahmen, welche die chinesische Regierung ergriffen hat. In deren Rahmen sollen rund 160 Milliarden Dollar in die Umsetzung von sechzig Infrastruktur-Projekten fliessen.
Während China mit dem stetigen Ausbau und Neubau seiner Infrastruktur beschäftigt ist, befindet sich Amerika in einen Kampf gegen den Zerfall. Die Vernachlässigung wird den USA immer häufiger zum Verhängnis. Der Wirbelsturm Sandy im vergangenen Jahr zeigte eindrücklich, wie komplett veraltet die US-Infrastruktur ist. Kaputte Stromleitungen und einsturzgefährendete Dämme gehören zum Alltag. Da es immer noch Energiefirmen gibt, die ohne Echtzeitinformationen arbeiten, konnte lange nicht mal festgestellt werden, welche Haushalte überhaupt vom Stromausfall betroffen waren. Zudem befinden sich zahlreiche Stromleitungen oberirdisch an Holzmasten, was die Energieversorgung besonders anfällig macht. Gemäss dem Verband der amerikanischen Bauingenieure wären für die Behebung dieser Mängel jährlich elf Milliarden Dollar nötig. Sollten die Defizite nicht bald ausgeglichen werden, würden den Unternehmen aufgrund der schlechten Stromversorgung bis 2020 Verluste in Höhe von mehr als 120 Milliarden Dollar entstehen. Zudem stünden eine halbe Million Jobs auf dem Spiel. Die Leitungen sind nicht die einzigen Baustellen: Flug- und Schiffshäfen müssten in den nächsten Jahren mit 130 Milliarden Dollar modernisiert werden, schreibt der Verband. Zudem seien bereits viele der über 600 000 Brücken des Landes strukturell geschädigt und auch das Trink- und Abwassersystem sei weder zeitgemäss noch reichten seine Kapazitäten.
Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten galt bezüglich Infrastruktur lange Zeit als Vorreiter. Da aber in den vergangenen Jahrzehnten die Investitionen in Strom- und Telekomnetze sträflich vernachlässigt wurden, verlieren die USA im internationalen Vergleich zusehends an Terrain. Und eben, das alles geschieht nicht in einem Entwicklungsland, sondern in einer der weltweit führenden Industrienationen. Den Niedergang zeigt auch die Studie des Weltwirtschaftsforums «The Global Competitiveness Report» zur Qualität der Infrastruktur. Darin rangiert Amerika nur noch auf Platz 25 von insgesamt 69 Staaten. Den USA bereits dicht auf den Fersen ist China mit Rang 27. Die Spitzenplätze belegen Singapur, Finnland, Hong Kong, Frankreich – ganz zuoberst in der Rangliste steht die Schweiz.
Von den Bauprojekten in aller Welt profitieren in erster Linie regionale Unternehmen, doch häufig sind auch Schweizer Konzerne beteiligt. Da viele Betriebe über Niederlassungen vor Ort verfügen, können sie sich ein Stück des Kuchens sichern. Vertreten sind sie vor allem in den Bereichen Bau, Energietechnik und Wasser. Einer der grossen Player ist der Elektrotechnikkonzern ABB, der unter anderem Niederlassungen in China, Indien, Brasilien, Singapur und den USA betreibt. «ABB ist einer der grössten Ausrüster für Energieinfrastruktur», sagt Christian Gattiker, Chefstratege bei der Bank Julius Bär, über den Konzern. Zum Jahresende 2012 hat das Unternehmen einen 100-Millionen-Dollar-Auftrag für die Lieferung von Stromrichtertransformatoren und Komponenten für eine Gleichstromübertragungsleitung in der chinesischen Metropole Zhengzhou erhalten. Über diese Leitungen sollen grosse Strommengen mit minimalen Energieverlusten über weite Entfernungen übertragen werden. Die Transformatoren und Komponenten von ABB sind dabei die Schlüsselelemente der 2210 Kilometer langen Stromautobahn, die mit einer Nenn-Übertragungskapazität von 8000 Megawatt einen neuen Rekord aufstellen soll.
In die Kategorie Bau fallen der Zementhersteller Holcim, das Baudienstleistungsunternehmen Implenia und der Spezialchemiekonzern Sika. Letzterer fokussiert sich auf Dichten, Kleben, Dämpfen, Verstärken und Schützen. Benötigt werden solche Dichtungen beispielsweise für Flachdächer, Tunnelbauten, Fassaden oder Wasserreservoirs. Damit überschneidet sich das Tätigkeitsfeld mit dem Bereich Wasser. Das gilt auch für Geberit, die einerseits Sanitärsysteme liefern, aber auch Rohrleitungssysteme fördern. Ein weiterer Nutzniesser des wachsenden Marktes für Wasserinfrastruktur ist Georg Fischer. Durch einige Akquisitionen ist das Unternehmen, das seine Kernkompetenz im Rohrleitungsbau hat, bereits in Amerika und Asien präsent. Aber auch der Kabelhersteller Huber+Suhner oder der Lift- und Rolltreppenproduzent Schindler gehören zu den Firmen, die von den globalen Infrastruktur-Projekten profitieren. Ebenso in die Riege der Global Players darf sich der 1862 gegründete Anbieter für Sicherheits- und Schliesstechnik, Kaba, stellen. Heute gehört der aus der Schweiz operierende Konzern zu den Weltmarktführern für elektronische Zutrittssysteme, Schliessanlagen und Sicherheits- und Automatiktüren. Schon in den Neunzigerjahren habe das Unternehmen die U-Bahn in Hongkong mit automatischen Bahnsteigtüren und -abschlüssen ausgerüstet, sagt Gattiker. In der Regel hätten die Unternehmen eine Vertretung im Ausland, wodurch sie sich einfacher an Infrastrukturprojekten beteiligen können, fährt der Aktienstratege fort. Zudem seien Nationen wie China bei solchen Mammutprojekten auf die Unterstützung von ausländischen Konzernen angewiesen.
Anleger, die das Thema Urbanisierung und Infrastruktur in ihr Portfolio aufnehmen wollen, müssen somit nicht zwingend zu weniger bekannten ausländischen Titeln greifen. Durch das Engagement der Schweizer Unternehmen in Asien, Amerika und Afrika eröffnen sich auch mit hiesigen Titeln gute Wachstumschancen.