Rohstoffe und «böse» Spekulanten
Worte Barbara Kalhammer
Spekulanten gelten als Hauptverantwortliche für die starken Anstiege der globalen Rohstoffpreise. Zivilgesellschaftliche Organisationen fordern Spekulationsverbote. Vor drohender Überregulierung warnt Ingo Pies, Professor für Wirtschaftsethik.
PUNKTmagazin _Nahrungsmittelspekulationen sind das Thema der Stunde. Wie kam es dazu?
Ingo Pies_ Wir haben in den Jahren 2008 und 2011 starke Preisanstiege bei Agrarrohstoffen erlebt. Diese hatten Hungerrevolten rund um den Globus zur Folge. In den Entwicklungsländern geraten viele von Armut betroffene Menschen in existentielle Schwierigkeiten, wenn die Rohstoffpreise plötzlich nach oben schiessen. Schliesslich wenden sie weit über fünfzig Prozent ihres Budgets für Nahrungsmittel auf. In Europa machen sich solche Preissprünge weniger bemerkbar, da die Nahrungsmittelpreise bei uns nicht nur die Rohstoffkosten widerspiegeln, sondern viele andere Faktoren wie etwa die hohen Personalkosten aus der Verarbeitung. Zudem haben wir ein Netz sozialer Sicherung, das in armen Ländern oft fehlt.
Wer ist für die hohen Preise verantwortlich?
Bei vielen zivilgesellschaftlichen Organisationen gibt es die Vermutung, dass die stark angestiegenen Finanzspekulationen der treibende Faktor sind. Auch zahlreiche Medien haben sich diese Auffassung zu eigen gemacht. Die Wissenschaft sieht das allerdings anders.
Essen wir den ärmeren Menschen die Nahrung weg?
Es gibt eine internationale Konkurrenz um knappe Nahrungsmittel. Die wird unter anderem dadurch verschärft, dass in wirtschaftlich erfolgreichen Schwellenländern der Fleischkonsum zunimmt. Dieser veränderte Lebensstil hat eine enorme Hebelwirkung auf die Nahrungsmittelnachfrage, insbesondere bei Getreide. Die Tiere müssen ja gefüttert werden.
Müssen wir unseren Nahrungsmittelkonsum senken, damit für die anderen genug bleibt?
Nein, niemand muss weniger essen. Wir müssen lediglich die weltweite Nahrungsmittelproduktion so stark erhöhen, dass das Angebot mit der steigenden Nachfrage Schritt halten kann.
Wie sieht die Nahrungsmittelsituation der kommenden Generation aus?
Für sie wird das Thema Hunger sehr wichtig. Und zwar unter dem Aspekt der Chancengerechtigkeit. Wir wissen, dass Kinder, die in den ersten Jahren nach der Geburt nicht ausreichend ernährt werden, lebenslange Schäden davon tragen.
Kann man den Einfluss der Spekulanten auf die Preise beziffern?
Man kann ihn nicht direkt beobachten. Daher wird versucht, ihn mit Modellen zu berechnen, die sämtliche Einflüsse beachten. Dazu zählten in den letzten vier Jahren Turbulenzen in der Weltwirtschaft, hohe Wechselkursschwankungen, Zinseffekte, starkes Geldmengenwachstum und makroökonomische Schocks. Speziell bei Agrarrohstoffen gab es markante Entwicklungen wie Dürren in Australien und den USA oder eine Ausweitung der Biosprit-Produktion. Der tatsächliche Einfluss der Spekulation kann nur geschätzt werden. Der wissenschaftliche Erkenntnisstand hierzu besagt, dass der Einfluss der Spekulanten, vor allem derjenige der Indexspekulanten, nicht besorgniserregend gewesen ist. Hier wird ganz deutlich Entwarnung gegeben.
Dennoch haben sich einige Banken aus diesem Bereich komplett zurückgezogen. Der Beginn eines Trends?
Das kann ich nicht ausschliessen. Man sollte sich aber genauer ansehen, welche Institute sich zurückgezogen haben. In Deutschland waren es Deka-Bank, Landesbank Baden-Württemberg und Commerzbank. Das sind Banken mit einem starken staatlichen Engagement. Ihren Ausstieg sehe ich daher nicht notwendig als Schuldeingeständnis. Vielleicht haben sie nur leichter dem politischen Druck nachgegeben als andere.
Wenn die Banken aussteigen, ist dies auch ein Signal für Privatanleger. Sind in diesem Bereich ebenfalls Änderungen zu erwarten?
Die Allianz, ein grosser Player im Rohstoffmarkt, vertritt die Auffassung, ihr Geschäft sei volkswirtschaftlich sinnvoll und moralisch unbedenklich. Engagements im Rohstoffbereich üben in der Tat eine sinnvolle Funktion aus, sie übernehmen die Aufgaben einer Versicherung. So können Risiken getragen werden, die andere nicht übernehmen wollen – und dafür wird man bezahlt. Das ist eine, auch in moralischer Hinsicht, nicht zu beanstandende Aktivität.
Trotzdem wird vermehrt eine Beschränkung oder gar ein Verbot gefordert. Ist das für Sie nachvollziehbar?
Die Regulierung von Terminmarkt- und Derivatgeschäften muss sich verbessern, vor allem bezüglich Transparenz. In diesem Bereich hinkt Europa den USA hinterher. Over-the-Counter-Geschäfte beispielsweise sollten über Clearing-Stellen abgewickelt und anschliessend statistisch erfasst werden. Es ist wichtig zu wissen, wer in welchem Umfang Geschäfte tätigt.
Die Forderungen gehen aber noch einen Schritt weiter. Positionslimits und der Marktausschluss von bestimmten Akteuren, genauer gesagt den nichtkommerziellen Händlern, insbesondere Indexfonds. Auch von Banken wird gefordert, dass sie sich ganz zurückziehen. Diese Forderungen sehe ich sehr skeptisch, sie würden eine Überregulierung bedeuten. In der Folge würden die Terminmärkte nicht besser funktionieren, sondern schlechter. Das wäre ein moralisches Eigentor: Wenn langfristig auf eine weltweit steigende Agrarproduktion abgezielt wird, müssen wir für eine grössere Erwartungssicherheit sorgen. Überregulierung wäre kontraproduktiv.
Was konkret wäre das Problem eines überregulierten Rohstoffmarktes?
Die Bauern könnten ihre Produktion nur eingeschränkt absichern. Nämlich in dem Masse, wie kommerzielle Händler untereinander verschiedene Preisvorstellungen haben und sich wechselseitig versichern. Aber der Clou am Terminmarkt mit nichtkommerziellen Händlern ist die starke Erhöhung der Marktliquidität, wodurch die Absicherungsbedürfnisse der Agrarproduzenten erfüllt werden können. Würde man diese Teilnehmer verdrängen, würden viele Bauern auf ihren Preisrisiken sitzen bleiben.
In der Vergangenheit gab es bereits solche Verbote. Was waren die Folgen?
Sie haben Recht, in Deutschland haben wir Erfahrungen mit einem solchen Verbot gemacht, als es gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu starken Preissteigerungen kam. Die Öffentlichkeit hatte die Schuldigen schnell ausgemacht: die «bösen» Spekulanten. 1897 wurde der Terminhandel von Weizen verboten. Innert Kürze geriet die Volatilität ausser Kontrolle. Aufgrund der desaströsen Folgen wurde das Verbot drei Jahre später wieder aufgehoben.
Gibt es weitere Beispiele?
Die Kritik an Spekulanten taucht stereotyp immer dann auf, wenn es zu extremen Preisentwicklungen kommt. Da dies im Lauf der letzten 150 Jahre öfters der Fall war, ist die Historie lang. Ein Bespiel ist der Terminmarkt für Zwiebeln, der in den USA seit 1958 verboten ist. Da haben wir tagtäglich Anschauungsmaterial und können sehen: Die Volatilität für Agrarprodukte ohne Terminmarkt ist enorm hoch. Auch in Extremsituationen wie Dürren spielen die Terminmärkte eine wichtige Rolle. Eine erfolgreiche Spekulation dient üblicherweise dazu, die Knappheit optimal auf die verschiedenen Zeiträume zu verteilen. Bei drohender Dürre besteht die wichtige Funktion des Terminmarkts darin, diese negative Botschaft möglichst schnell in Preise umzusetzen, die verhaltensrelevant werden. Als Folge steigt der Preis schon heute, und die Menschen gehen sparsamer mit den zurzeit noch nicht knappen Nahrungsmitteln um. Tritt die Knappheit durch Ernteausfälle dann tatsächlich ein, steht immer noch genug vom jeweiligen Rohstoff zur Verfügung.
Was haben die Ausnahmeregelungen der WTO, in Notsituationen Exportverbote zu erlassen, bewirkt?
Mit den Ausnahmeregelungen sollten der eigenen Bevölkerung die vor Ort hergestellten Nahrungsmittel gesichert werden. Die Erfahrungen, die wir mit diesen Regelungen gemacht haben, sind meiner Meinung nach katastrophal schlecht. In den Krisenjahren haben wichtige agrarexportierende Staaten Verbote erlassen. Damit haben sie massiv dazu beigetragen, das Problem zu verschärfen. Als Indien den Export von Reis und Russland den Export von Weizen eingestellt haben, sorgte das für Panik im Markt. Als Reaktion haben andere Staaten daraufhin versucht, für die eigene Bevölkerung Lager aufzubauen. Das trug dazu bei, dass die Preissteigerungen noch angetrieben wurden. Ein sinnvolles Management der globalen Nahrungsmittelsicherheit sieht anders aus.
Wie könnte die Situation verbessert werden?
Wie erwähnt sollten die Finanzmärkte hinsichtlich Transparenz reguliert werden. Gedanken sollten wir uns auch zur Biosprit-Förderung machen. Sie wurde in einer Zeit ausgedehnt, in der die globale Nahrungsmittelsituation sehr angespannt war. Ich nenne das «ökologischen Eurozentrismus». In Zukunft sollten solche Massnahmen auf die globale Ernährungslage abgestimmt werden. Vor allem aber müssen wir das Angebot steigern. Das erfordert mehr Forschung und Know-how-Transfer.
Prof. Dr. Ingo Pies ist Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschaftsethik an der Martin-Luther-Universität in Halle-Wittenberg.

















