Retro – Ein Thema, zwei Standpunkte
Nachgefragt Barbara Kalhammer
PUNKTmagazin Kaum liegen Finanz- und Wirtschaftskrise hinter uns, müssen wir mit der Schuldenkrise und einer erneuten wirtschaftlichen Abschwächung zurechtkommen. Ist das eine Realität, mit der wir uns abfinden müssen? Welche Lehren können aus der Vergangenheit gezogen werden?
Daniel Lampart (DL)_ Die Krisen wurden durch übertriebene Reaktionen an den Finanzmärkten verschärft. Ein Beispiel dafür: Eine Obligation von General Electric war 2009 phasenweise nur noch die Hälfte dessen wert, was heute an der Börse dafür bezahlt wird. Ähnlich verhält es sich heutzutage mit den Obligationen gewisser Staaten. Das Staatsdefizit und die Staatsschuld Belgiens beispielsweise sind volkswirtschaftlich gesehen absolut tragbar. Das trifft weitgehend auch auf Italien zu. Dennoch müssen Anleger hohe bis sehr hohe Zinsaufschläge bezahlen. Diese kurzfristigen Extrembewegungen verstärken die Probleme massiv. Die Sparprogramme in der Eurozone verschlechtern die Finanzperspektiven der Länder.
Jan-Egbert Sturm (JES)_ Die Vergangenheit hat uns gelehrt, dass auch wieder bessere Zeiten kommen werden. Natürlich werden sich die fiskalpolitischen Probleme in vielen industrialisierten Ländern nicht einfach in Luft auflösen. Dreh- und Angelpunkt des Interesses sind insbesondere die Länder Griechenland, Italien, Portugal und Spanien. Die Bevölkerung dieser Staaten muss sich auf einschneidende Sparmassnahmen seitens der Regierungen einstellen. Immerhin ist die Privatwirtschaft, die ja im Zuge der Finanzkrise teilweise vom Staat gerettet werden musste, in vielerlei Hinsicht wieder unabhängiger und besser aufgestellt, als es momentan den Anschein hat.
Worauf müssen sich Anleger im kommenden Anlagejahr einstellen?
DL_ Es ist zu hoffen, dass die Nationalbank gegen den überbewerteten Franken vorgehen wird. Was die Wirtschaftspolitik in der Euro-zone betrifft, ist die Hoffnung weniger gross. Die Spar- und Deflationspolitik droht zu dominieren. Die Folge wäre eine Rezession in Europa. Die sogenannte Schuldenkrise wird – wie bereits erwähnt – leider klar überschätzt. Die Zinsen sind aufgrund einer Panikreaktion hochgeschossen. Eine volkswirtschaftlich nüchterne Analyse würde zeigen, dass es weit weniger Anlass für diese Aufschläge gibt. Doch es bleibt noch Zeit für eine Rückkehr zur Vernunft. Kurzfristig kann Italien auch mit den hohen Zinsen überleben.
JES_ Die Finanzmärkte zeichnen sich aktuell durch enorme Schwankungen aus. Der Grund für diese hohen Volatilitäten sind die vorherrschenden Unsicherheiten. Diese Situation dürfte sich noch einige Zeit fortsetzen. Die Kunst wird für Anleger darin bestehen, neue Wachstumsmärkte – die gibt es, da bin ich überzeugt – rechtzeitig zu erkennen. Die Risiken sind heutzutage mehr als offensichtlich. Die Chancen dagegen gehen hinter dem Berg der Risiken beinahe vergessen.
Wie schätzen Sie die Gefahr einer konjunkturellen Abschwächung ein?
DL_ Wenn der Franken überbewertet bleibt, und die EU-Staaten an der Sparpolitik festhalten, wird eine Rezession Realität werden. Bereits im vierten Quartal dürfte das Bruttoinlandprodukt der Eurozone im Minus gewesen sein. Die Schweiz als kleines Land in Europa kann sich dieser Entwicklung nicht entziehen. Insbesondere dann nicht, wenn der Franken so extrem bewertet ist. Die Arbeitslosigkeit steigt in der Schweiz schon wieder an. Gemessen an der Arbeitslosenquote ist die Eurozone gar nie aus der Rezession gekommen. Diese verharrte auf rund neun Prozent.
JES_ Eine konjunkturelle Verlangsamung findet bereits seit einiger Zeit statt. Trotzdem haben wir im September noch eine relativ optimistische Konjunkturprognose veröffentlicht. In der Zwischenzeit hat sich die Situation aber verschlechtert. Dies zeigt sich auch in der von der KOF im Oktober durchgeführten Unternehmerbefragung. Die Gefahr einer deutlichen konjunkturellen Abkühlung ist daher sicherlich angestiegen. Solange es jedoch keinen Zusammenbruch des Bankensektors oder eine Aufspaltung des Euro geben wird, dürfte das Ausmass aller Wahrscheinlichkeit nicht jene Dimension erreichen, wie dies im Jahr 2009 der Fall war.
Experten sind sich uneinig, ob eine Inflation oder eine Deflation droht. Was erwarten Sie?
DL_ Wenn der Franken so überbewertet bleibt, müssen wir mit einer deflationären Entwicklung rechnen. Auch die EU-Wirtschaftspolitik arbeitet in diese Richtung. Sparpakete, Lohnsenkungen und Massnahmen zur Löcherung der Gesamtarbeitsverträge wirken eindeutig deflationär. Bei den Ölpreisen ist wenig Bewegung zu erwarten. Die Immobilienpreise und die Mieten in der Schweiz werden weniger stark ansteigen. Bei den Mieten wirkt zudem die neue Zinsberechnungsmethode des Bundes preisdämpfend.
JES_ Kurzfristig ist die Gefahr rückläufiger Preise sicherlich grösser als die einer Phase sehr hoher Inflationsraten. Der starke Franken und die nachlassende Konjunktur üben Druck auf die Preise aus. Bei stabilen Wechselkursen ist allerdings der Wechselkurseffekt definitorisch temporär. Solange wir nicht in eine anhaltende Stagnationsphase einmünden, ist die Gefahr einer Deflation begrenzt. Ob wir mittelfristig mit höheren Inflationsraten rechnen müssen, hängt in erster Linie davon ab, inwieweit die Zentralbanken dieser Welt willens sein werden, die hohe Liquidität – die jetzt wegen der erhöhten Unsicherheit nachgefragt wird – aus dem System zu ziehen, wenn die Wirtschaft sich wieder erholt. Aus diesem Grund ist die weiterhin grosse politische Unabhängigkeit der Notenbanken von zentraler Bedeutung.
Viele Investments litten 2011 unter dem starken Franken. Wird an der Euro-Bindung weiter festgehalten? Wie wird sich die Devisenwelt 2012 allgemein entwickeln?
DL_ Wie sich der Franken entwickeln wird, hängt wohl weiterhin von der Nationalbank ab. Fundamental ist der Franken klar überbewertet. Ein Kaufkraftvergleich mit Deutschland zeigt beispielsweise: Der faire Franken-Euro-Kurs läge zwischen 1,45 und 1,50 Franken zum Euro. Früher oder später geht der Franken wieder in diese Richtung. Auch gegenüber dem Dollar und dem Pfund sowie anderen, kleineren Währungen ist der Franken zu stark.
JES_ So lange die Unsicherheit gross ist, wird der Schweizer Franken aufgrund seiner Funktion als sicherer Hafen weiterhin populär bleiben. Es gibt für die Schweizer Nationalbank daher gegenwärtig keinen Grund, von ihrer aktuellen Wechselkursstrategie abzuweichen. Normalisiert sich jedoch die Situation an den Finanzmärkten, wird der Schweizer Franken von alleine etwas abwerten können. In diesem Fall wird die Nationalbank die Möglichkeit wahrnehmen, zu ihrer flexiblen Wechselkurspolitik zurückzukehren und die geschaffene Liquidität wieder aus dem System ziehen.
Nicht nur Anleger leiden, auch für Unternehmen ist die Lage schwierig. Nebst dem starken Franken leiden sie unter der grossen Abhängigkeit von der Weltkonjunktur. Wer ist gut gewappnet für dieses Umfeld?
DL_ Anleger haben viele gute Investitionsgelegenheiten. Beispielsweise in Fremdwährungen oder in Obligationen von soliden, an der Börse aber verschmähten Ländern. Für die Realwirtschaft wird es hingegen schwieriger. Meiner Ansicht nach braucht es eine offensive Konjunkturpolitik. In der Schweiz ist primär die Nationalbank gefragt. Sie muss dafür sorgen, dass der Franken vernünftig bewertet ist. In der Eurozone müssen die Staaten die Konjunktur stabilisieren – nicht abwürgen. Damit sie das tun können, sind eventuell Eurobonds nötig.
JES_ Neben dem starken Franken ist der Rückgang der weltweiten Wachstumsdynamik für die Schweizer Exporteure das grösste Problem. Produkte, die weniger konjunkturabhängig und damit meist konsumentennah reagieren, haben es hier verhältnismässig leichter. Um in diesem Umfeld zu überleben, benötigt man eine starke USP (Unique Selling Position). Sie reduziert den Einfluss des Preises auf die Nachfrage. Für ein Land mit einer dermassen starken Währung wie die Schweiz, ist dies entscheidend.
Was muss geschehen, damit 2012 nicht ein ähnlich schwieriges und für Anleger enttäuschendes Jahr wird?
DL_ Für volkswirtschaftlich denkende Anleger gibt es wie gesagt viele- gute Anlagechancen. Und es ist zu hoffen, dass wieder mehr Anleger volkswirtschaftlich denken. Dadurch würde sich die Situation bereits stabilisieren. Auf diese Weise unterblieben zahlreiche Panikreaktionen, die falsche, krisenverstärkende Politikentscheide nach sich ziehen.
JES_ Notwendig ist eine Stabilisierung der Finanzmärkte. Wenn wieder eine gewisse Ruhe zurückkehrt, könnte sich die Privatwirtschaft in der Folge wieder stärker auf ihr Kerngeschäft konzentrieren. Um dies zu erreichen, ist jedoch ein klares und glaubwürdiges Bekenntnis zum Schuldenabbau der Staaten unausweichlich. Dies ist die einzige Möglichkeit, um das Vertrauen der Anleger in die Politik und auch in die Regierungen wieder herzustellen.
Daniel Lampart ist Doktor der Wirtschaftsgeschichte- und arbeitet als Chefökonom beim Schweizerischen Gewerkschaftsbund.
Jan-Egbert Sturm ist seit Ende 2005 Professor für Angewandte Makroökonomie und Leiter der KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich.


















