Mensch gegen Maschine
Worte Barbara Kalhammer Bild Fabian Widmer
«Guten Abend meine sehr verehrten Damen und Herren. Der heutige Kampf ist einzigartig und wird sowohl in die Box- als auch in die Finanzgeschichte eingehen. Denn nach mehreren Jahren als Champion aller Klassen wird der aktive Fondsmanager erstmals ernsthaft herausgefordert – und zwar vom passiven Indextracker, dem Exchange Traded Fund.»

Das Hallenstadion in Zürich ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Keiner will den Event des Jahres verpassen. Nachdem der Ringspeaker die über 13 000 tobenden Zuschauer mit sonorer Stimme begrüsst hat, treten die beiden Kontrahenten in den Ring. Während sich der Champion mit roten Shorts und einem Kampfgewicht von 24,6 Billionen Dollar langsam zur linken Ecke bequemt, tänzelt sein Herausforderer – Kampfgewicht: 1,3 Billionen – bereits leichtfüssig in der rechten Ecke. Die Fähigkeiten des aktiven Managers als Entscheidungsträger sind zwar weltweit bekannt, doch schon seit längerem rütteln Maschinen, die einen Index emotionslos und detailgetreu nachbilden, am Thron.
Der Ringrichter ruft die beiden Kämpfer in die Ringmitte. Während er die Regeln erklärt, beäugen sich die Kontrahenten mit kritischen Blicken. Endlich wird die Debatte über die jeweiligen Kernkompetenzen, die in der Finanzpresse bereits seit längerem geführt wird, im direkten Duell entschieden. Was ist besser: aktives oder passives Investieren?
Runde 1 – Kosten
Da ertönt auch schon der Gong. «Ring frei», schallt es aus den Lautsprechern und die beiden Gegner stürzen sich aufeinander. Schnell wird klar, dass die Maschine hier im Vorteil ist, denn genau das ist eine der Stärken des Exchange Traded Funds (ETF): geringe Kosten. Der heutige Coach, Dominique Böhler, Head of Public Distribution ComStage ETF Switzerland, meint dazu: «ETF zählen zu den kostengünstigsten Anlageprodukten überhaupt, und schon nur dieser Aspekt führt dazu, dass die Performance eines ETF im Vergleich zu aktiven Fonds oftmals besser ist.» Der Grund liegt auf der Hand: ETF bilden einen Index 1:1 nach und somit ist kein aktives Management und auch kein Anlageresearch erforderlich. Über Kosten wie Verwaltungs- und Depotbankgebühren gibt die Gesamtkostenquote, die Total Expense Ratio (TER) Aufschluss. Bei ETF auf etablierten Märkten liegt sie zumeist unter 0,5 Prozent und somit klar tiefer als bei Fonds, wo sie in der Regel um die 1,5 Prozent beträgt. Weiters fallen bei ETF, im Gegensatz zu Fonds, weder Ausgabeaufschlag noch Rücknahmegebühren an, dafür zahlt man beim ETF-Kauf Ordergebühren und den Spread, die Differenz zwischen Ankaufs- und Verkaufspreis. Nachdem der Gong ertönt, verkriecht sich der Fondsmanager, der einige harte Treffer einstecken musste, in seine Ecke. Diese Runde ging klar an den Herausforderer.
Während die Maschine in ihrer Ecke gut gelaunt auf die nächste Runde wartet, werden die Platzwunden des Fondsmanagers notdürftig behandelt. Kaum ist er wieder etwas zu Atem gekommen, ertönt auch schon der Gong für die zweite Runde.
Runde 2 – Handelbarkeit
Als sich die beiden wieder in die Mitte wagen, brüllt das Publikum vor Vorfreude. Der Fondsmanager scheint auch in der zweiten Runde etwas hilflos, denn ein ETF kann – genau wie Aktien – an jedem Handelstag gekauft oder verkauft werden. Sichergestellt wird der fortlaufende Handel durch Market Maker, welche die Kurse stellen und somit die nötige Liquidität verschaffen – sowohl an der Börse wie ausserbörslich, also Over the Counter (OTC). Bei traditionellen Anlagefonds hingegen wird der Preis von der Fondsgesellschaft in der Regel einmal täglich berechnet. Den Nettoinventarwert, Net Asset Value (NAV), kennt der Anleger bei Auftragserteilung somit nicht. Das kommt einem Kinnhaken des Computers gleich, der Fondsmanager strauchelt und geht zu Boden. Doch bevor er ausgezählt wird, rappelt er sich schwankend auf und atmet erleichtert auf, als er den Gong hört.
Böhler eilt zu seinem Schützling und klopft ihm auf die Schulter. «Ein weiterer Vorteil von ETF ist die Liquidität. Dazu zählt die Möglichkeit, ETF jederzeit während der Handelszeiten kaufen und verkaufen zu können. Hinzu kommt noch die Verpflichtung der Market Maker auf Kursstellung. Dadurch sind Kurse bei ETF in jeder Marktsituation gewährleistet», triumphiert er. In der Zwischenzeit wird der Fondsmanager in seiner Ecke mit Wasser und kühlenden Tüchern aufgepäppelt. Der Gong ertönt, auf zur nächsten Runde.
Runde 3 – Outperformance
Die Maschine gibt sich siegessicher, schliesslich orientiert sich ihre Zusammensetzung an einem bestimmten Index, der so genau wie möglich nachgebildet werden soll. Auskunft darüber, wie gut das gelingt, gibt der Tracking Error. Diese Kennzahl zeigt, wie stark die Abweichung des ETF vom Index ist – je kleiner desto besser. Die Nachbildung des Index kann sowohl physisch wie auch synthetisch erfolgen. Bei der ersten Variante werden effektiv die im Index enthaltenen Titel gekauft. Anders sieht es bei der synthetischen Indexabbildung aus, bei der das Fondsvermögen nicht zwingend in die Indexkomponenten investiert. Der ETF-Anbieter schliesst mit einer Investmentbank ein Tauschgeschäft ab, bei dem der ETF die Rendite des zugrundeliegenden Index erhält und dafür dem Tauschpartner die Wertentwicklung seiner Wertpapiere bezahlt. Durch das Tauschgeschäft entsteht ein auf zehn Prozent beschränktes Gegenparteirisiko, wobei zahlreiche Anbieter eine Übersicherung vornehmen. Während die Aufgabe der Maschine also darin besteht, einen Index möglichst genau nachzubilden, ist jene des Fondsmanagers anders geartet.
Durch Abwägen von Chancen und Risiken und zum Teil oftmaliges Umschichten des Portfolios versucht er, höhere Renditen zu erzielen. Der Fondsmanager kann aber nicht nur Erträge steigern, sondern auch das Risiko in schwachen Marktphasen senken und das Portfolio breiter diversifizieren. Als Folge davon steigt jedoch der Tracking Error und der Fondsmanager muss seine Prognosefähigkeit unter Beweis stellen. Kriterien dafür sind die Anlagestrategie, die historische Performance und die Volatilität. Roger Stüber, Head of Retail Business BlackRock Schweiz, fasst für seinen Schützling zusammen: «Aktive Fonds können beim Übertreffen einer speziellen Benchmark die Erträge steigern. Dies kann allerdings mit erhöhten Risiken verbunden sein und es besteht keine Garantie, dass die Wertentwicklung den Referenzindex erreicht oder übertrifft.» Der Schlag hat gesessen. Die Maschine taumelt benommen umher, denn mit Chancen auf Outperformance, geringeren Schwankungen und einer breiteren Streuung kann sie nicht dienen. Als der Gong ertönt, lässt sich der Fondsmanager vom Publikum für die siegreiche Runde feiern.
Runde 4 – Transparenz
Beide sind bereits deutlich vom Kampf gezeichnet und bewegen sich nur langsam aufeinander zu. Doch wie aus dem Nichts landet die Rechte der Maschine auf der Nase des Fondsmanagers, die sogleich zu bluten beginnt. Der hat gesessen. Nicht verwunderlich, kann doch die Maschine hier erneut ihre Stärken ausspielen, denn der Handel von ETF gestaltet sich deutlich transparenter, als das bei Fonds der Fall ist. Häufig werden Angaben bezüglich des effektiven Werts der Swaptransaktionen und der Zusammensetzung des Trägerportfolios auf täglicher Basis veröffentlicht. Der Fondsmanager ist ob dieser schlagenden Argumente zu keiner wirklichen Reaktion fähig. Mit Hilfe der TER herrscht theoretisch zwar Kostentransparenz, doch die tatsächliche Zusammensetzung des Portfolios ist erst am Monatsende ersichtlich – und dann auch nicht vollständig. Oft werden lediglich Titel, Branchen und Länder mit dem grössten Gewicht angegeben. Diese schnelle Dreifachkombination der Maschine zeigt ihre Wirkung: Erneut geht der Fondsmanager kurz zu Boden. Der Ringrichter zählt ihn an, doch da ertönt bereits der rettende Gong.
Erneut ging die Runde an den Computer, so langsam aber sicher wird das Betreuerteam des aktiven Fondsmanagers unruhig. Nur noch eine letzte Runde bleibt, um den Kampf zu wenden.
Runde 5 – Marktzugang
Mit einer unverständlichen Wortfolge heizt der Ringsprecher das Publikum an – die letzte Runde beginnt. Während am Rande des Rings bereits die Wettgewinne berechnet werden, holt der Fondsmanager mit seiner Rechten aus – und trifft. Denn bei kleinen und exotischen Märkten, aber auch bei besonderen Themen und Strategien, stösst der ETF schnell an seine Grenzen. Während der Fondsmanager alles abdecken kann, ist der ETF in höherem Masse von der Liquidität des abzubildenden Marktes abhängig. Nicht liquide Märkte können mit ETF nur behelfsmässig nachgebildet werden. Bei einem Fonds hingegen müssen die Titel nicht exakt jenen des Vergleichsbarometers entsprechen, der Manager hat dementsprechend mehr Freiheiten. Zwar erhöht sich dadurch wie erwähnt der Tracking Error, dafür kann mittels Fonds in nahezu jeden Markt investiert werden. Diese Runde geht somit an den Fondsmanager, der jetzt wieder etwas zuversichtlicher aussieht als zu Kampfbeginn, als er arg einstecken musste.
Als der finale Gong ertönt, laufen die Kontrahenten mit wackligen Beinen in ihre jeweilige Ecke und erheben ihre Fäuste. Einen Sieger durch k.o. hat es nicht gegeben, es liegt nun an den Ringrichtern, den Sieger zu küren. In der Zwischenzeit kommen die Trainer nochmals zu Wort. Böhler weist darauf hin, dass die Maschine in drei Runden als klarer Sieger hervorging. Das kann auch Stüber nicht negieren. Über den Gegner seines Schützlings sagt er: «ETF eignen sich zum Beispiel für die Implementierung einer diversifizierten Asset-Allocation-Strategie. Sie bieten einen exakten Marktzugang zu einer Vielzahl an Benchmarks auf verschiedene Anlageklassen. Und das zu vergleichsweise geringen Kosten, mit hoher Transparenz, Liquidität und Flexibilität.» Doch auch Böhler hat nach dem Kampf ein gutes Wort für den Fondsmanager übrig: «Der Vorteil eines aktiven Fondsmanagers ist, dass er teilweise auf kurzfristige Trends im Produkt selber eingehen kann und somit insbesondere kurzfristig eine eventuell bessere Performance erzielt.»
Die Siegerehrung
Doch genug der Nettigkeiten, der Ringspeaker schnappt sich das Mikrofon und bittet die verschwitzten Kontrahenten zu sich. Mit lauter Stimme verkündet er den Gewinner: «Sieg für die Maschine nach Punkten!» Das Publikum jubelt, schliesslich hat der Computer deutlich mehr Treffer gelandet. Zwar hat die Maschine den Menschen besiegt, doch der Fondsmanager hat seine Qualitäten immer wieder aufblitzen lassen. Was der Kampf gezeigt hat: Die Aufgaben, die sich heute in der Vermögensverwaltung stellen, lassen sich nicht mit entweder/oder lösen, wie Roger Stüber von BlackRock betont: «In einem gut gestreuten Portfolio sollten sowohl aktive als auch passive Anlagen enthalten sein.» Umgesetzt werden kann dies beispielsweise mit einem Kern-Satelliten-Ansatz. Dabei wird das Kernvermögen einfach und kostengünstig mit ETF abgedeckt. In den Satellitenanlagen können aktive Fonds auf spezielle Märkte, Strategien und Themen genutzt werden, denn nur sie bieten die Chance, die Benchmark zu übertreffen. Hierbei muss jedoch gesagt werden, dass die Mehrheit der Fondsmanager dieses Ziel in den vergangenen Jahren nicht erreicht hat. Eine neue Untersuchung vom Researchhaus Lipper kommt zum Schluss, dass vier von zehn Fondsmanagern ihr Geld Wert sind. Wenn man also einen Fondsmanager in den Ring schicken will, ist die Selektion aussschlaggebend.
Der neue Champion nimmt den Weltmeistergürtel in Empfang. Die Ovationen der Fans ebben nicht ab, bis sich die beiden Kontrahenten in die Katakomben zurückgezogen haben. Auf den Rückkampf darf man gespannt sein, denn der Fondsmanager wird sicherlich versuchen, seinen Titel schon bald zurückzugewinnen.















