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Worte Barbara Kalhammer
Lehrbuchweisheiten und ein langfristiger Anlagehorizont sind angesichts tiefer Zinsen und hoher Volatilitäten schlechte Ratgeber. Um an den Finanzmärkten erfolgreich zu agieren, sind aktive Strategien und Flexibilität gefragt.
Um eine positive Rendite zu erzielen, sollten Aktien mindestens zehn Jahre gehalten werden, lautet eine- Börsenweisheit, die früher gepredigt wurde. Lange Zeit völlig berechtigt, denn die 90-er Jahre zeichneten sich aus durch niedrige Zinsen und tiefe Inflation in den westlichen Industrienationen. Aktienrenditen waren im Jahresdurchschnitt oft zweistellig. Zwischen 1989 und 1998 brachte die Anlagekategorie Aktien Schweiz ein Totalergebnis (vor Steuern) von 397 Prozent (17,4 Prozent per annum), Obligationen immerhin von 75 Prozent (5,8 Prozent per annum), wie Klaus Spremann und Patrick Scheurle in einer an der Universität St. Gallen durchgeführten Studie herausfanden.
Harziger Start
Der Start ins neue Jahrtausend dagegen war harzig. Hohe Aktiengewinne und die allgemeine Euphorie wurden abgelöst von hohen Verlusten und Unsicherheit. Die einschneidendsten Ereignisse während dieser Phase waren das Platzen der Dotcom-Blase 2000/2001 und der Immobilien-Blase 2007. Sie führten zu Rezessionen und dramatischen Einbrüchen an den Aktienmärkten. Diese Ereignisse waren es auch, welche die Zehnjahresregel in Frage stellen. Die Unsicherheit hält noch immer an. Viele sprechen sogar von einem verlorenen Jahrzehnt. Aktien-investments brachten zwischen Ende 1998 und Ende 2008 zumeist nur Verluste. Gemäss der oben erwähnten Studie erzielten Aktien Schweiz über diesen Zeitraum ein Totalergebnis (vor Steuern) von nur 2 Prozent, Obligationen hingegen erreichten 40 Prozent.
Seither war die Entwicklung durchwachsen. Aktien erlebten deutliche Phasen des Auf- sowie des Abstiegs. Der Blick zurück fällt dementsprechend zwiespältig aus. Viele Anleger wurden von der hohen Volatilität und den Währungskapriolen auf dem falschen Fuss erwischt. Der SMI gab in den letzten zehn Jahren mehr als 13 Prozent nach. Durch die Aufwertung des Frankens verzeichneten auch Dollar-Investments, beispielsweise in den Dow Jones, mit einem Minus von 33 Prozent herbe Verluste. Hierbei muss jedoch berücksichtigt werden, dass beide Indizes die Dividenden nicht miteinrechnen. Der SPI wiederum hat eine Rendite von zwei Prozent pro Jahr erzielt. Doch nach Abzug der Steuern und Inflationsverlusten blieb davon wenig übrig.
Besonders seit diesem Sommer werden die Märkte wieder kräftig durchgeschüttelt. Neben der europäischen Schuldenkrise sind es wachsende Rezessionsängste, die belastend wirken. Es stellen sich mehrere Fragen: Worauf müssen sich Anleger einstellen? Haben Börsenweisheiten noch ihre Berechtigung? Können überhaupt noch positive Renditen erzielt werden? Peter Bänziger, Anlagechef bei Swisscanto, erwartet ein weiterhin anspruchsvolles und volatiles Umfeld. Die Turbulenzen an den Aktien- und Obligationenmärkten würden sich weiter fortsetzen. Früher sei das Investieren in vielerlei Hinsicht einfacher gewesen. So seien erstklassige Obligationen noch risikofrei gewesen, und mindestens die Inflation sei durch Renditen ausgeglichen worden, erklärt Bänziger.
Börsenweisheiten wie die Zehnjahresregel hätten heute keine Gültigkeit mehr, starre Leitsätze solle man über Bord werfen. Stattdessen müssten sich Anleger mit einer «neuen Normalität» auseinandersetzen. Diese sei geprägt von rekordtiefen Zinsen und niedrigen Wachstumsraten in den entwickelten Ländern. Darüber hinaus gehe die Schere des wirtschaftlichen Wachstums zu Gunsten der USA und der Emerging Markets gegenüber Europa auseinander. Die Bewegungen an den Märkten seien heute viel kurzlebiger als früher. Und auch Übertreibungen nach unten und nach oben kämen häufiger vor, so Bänziger. Andere Experten erwarten darüber hinaus, dass die Märkte über einen längeren Zeitraum seitwärts tendieren werden.
Oben genannte Aspekte müssen bei einer Investition berücksichtigt und in die Strategie miteinbezogen werden. Wichtig ist ein flexibles Agieren. Ansätze wie Buy and Hold bringen nur wenig Erfolg. Auch Risikovermeidung ist schwierig umzusetzen, denn Sicherheit kostet. Die Zinsen, die mit risikoarmen Anlagen zu erzielen sind, sind sehr niedrig. Zum Schluss sorgt die Inflation dafür, dass das Endresultat sogar oft negativ ist.
Aktiv Chancen suchen
Dennoch gibt es einige Grundsätze, mit denen sich Anleger für das schwierige Umfeld wappnen können. In erster Linie sollten sie eine aktive Strategie wählen. In der Vergangenheit waren die meisten Portfolios sehr statisch. Auf Veränderungen an den Märkten konnte nur schwer – und oftmals zu spät – reagiert werden. Mit Hilfe der strategischen Asset Allocation werden die zu erreichenden Ziele definiert. Beachtung findet dabei nicht nur der Ertrag, sondern auch die eigene Risikofähigkeit sowie der Anlagehorizont. Ergänzt wird die Strategie durch die taktische Asset Allocation. Damit wird versucht, kurzfristige Möglichkeiten auszunutzen.
Lutz Johanning, Leiter des Lehrstuhls für Empirische Kapitalmarktforschung an der WHU Otto Beisheim School of Management, empfiehlt, über aktive Strategien gezielt Chancen zu nutzen. Zwar seien Risiko- und Verunsicherung an den Märkten derzeit hoch, aber häufig würden sich gerade in diesen Zeiten attraktive Möglichkeiten ergeben. Die definierte Strategie sollte aber regelmässig überprüft werden, da sich durch Auf- und Abwärtsbewegungen an den Märkten das Ursprungsprofil des Portfolios verändert. Die Folge ist oftmals mehr Risiko. Märkte, die zuvor stark gewonnen haben, verlieren in einer Baisse überdurchschnittlich viel. Um ein Ungleichgewicht zu vermeiden, ist eine regelmässige Wiederangleichung des Portfolios an die ursprüngliche Asset Allocation notwendig. Investments mit zuvor guter Performance werden abgestossen, andere Anlageklassen werden zugekauft. Das Rebalancing ist eine Form von antizyklischem Verhalten. Bänziger empfiehlt, die Bandbreiten nicht zu eng zu setzen.
Die Vermögen sollten auf verschiedene Anlageklassen, also Aktien, Anleihen, Rohstoffe und Immobilien, aufgeteilt werden. Um Klumpenrisiken im Depot zu vermeiden, sollte also breit diversifiziert werden. Dazu zählt auch die Streuung über verschiedene Sektoren und Regionen. Bei der Auswahl am Aktienmarkt rät Johanning zu kurzfristigen Anlagen mit geringem Risiko, die auch in Krisenzeiten einen stabilen Kursverlauf aufweisen. Mit einer Anlage in Beteiligungspapiere guter Unternehmen könnten angemessene Renditen als Entschädigung für die übernommenen Risiken erzielt werden. Zudem sind Aktien grosser Unternehmen sehr liquide.
Eine hohe Liquidität hat sich bereits in der Vergangenheit bezahlt gemacht. So konnte beispielsweise die Nestlé-Aktie in den vergangenen zehn Jahren mehr als 48 Prozent an Wert zulegen. Das Unternehmen besticht zudem mit hohen Dividendenzahlungen. Seit 1959 wurde keine einzige Dividendenkürzung durchgeführt. Auch in Krisenzeiten sind gut geführte Unternehmen im Vorteil, da sie über einen hohen Cashflow verfügen. Weil die Renditen an den Aktien- und Obligationenmärkten tief sind, rücken Dividendenwerte wieder in den Fokus der Anleger. «Blue Chips mit tiefer Bewertung und hohen Dividenden sind einen Blick wert», meint auch Bänziger.
Langfristige Trends nutzen
Auf der Suche nach neuen Gewinnmöglichkeiten springen viele Anleger auf Trends auf, die sich schnell als Hypes herausstellen könnten. Bei Trends und Modeerscheinungen ist Vorsicht geboten, denn sie haben meist eine kurze Halbwertszeit. Johanning stuft sie als riskant ein, vor allem wenn der Grund für den Trend nicht bekannt ist. Sinnvoller seien ökonomische Analysen der fundamentalen Unternehmenswerte und Chancen. Einen Blick wert seien langfristige Trends wie Umwelt oder Demographie.
Anleger müssen sich heute intensiv mit ihrem Portfolio auseinandersetzen. Aktive Strategien sind vorzuziehen. Starre Muster und alte Börsenweisheiten haben ausgedient, Flexibilität ist gefragt. Damit sollte auch taktischen Engagements Raum geboten werden. Die eigene Risikofähigkeit darf dabei nicht ausser Acht gelassen werden, ebenso wenig wie die Gefahr der Selbstüberschätzung. Letztlich kann die gewählte Strategie mit den passenden Produkten umgesetzt werden. Voraussetzung dafür sind jedoch genaue Produktkenntnisse. So müssen sich Fondskäufer beispielsweise fortlaufend über die Qualität der aktiven Manager informieren. Denn am Schluss zählt einzig die Rendite – und zwar nach Steuern und Inflation.