Inflation und Konsorten
Worte Cyril Schicker
Es scheint, als würden Marktteilnehmer immerzu geknechtet. Verantwortlich dafür zeichnen Schreckensgespenster namens Inflation, Stagflation, Depression, Deflation oder Stagnation. Zu Recht?
Mal ist von Inflation die Rede, mal von Deflation, mal von … Diesem angsteinflössenden Wildwuchs gebieten wir nun Einhalt, strecken die Fühler aus und fühlen der Faktenlage den Puls. Welche Ländereien sind wovon betroffen, wo ist was genau zu beobachten?
Inflation entsteht, wenn …
«Normalerweise entsteht Inflation dann, wenn eine Wirtschaft boomt, die Arbeitslosigkeit tief ist und die Unternehmen Preise erhöhen, weil deren Produktionsanlagen voll ausgelastet sind – und kaum noch neue Aufträge verarbeitet werden können. Am Anfang einer solchen Phase befinden sich die aufstrebenden Länder Asiens und Lateinamerikas, wobei die Zinsen bereits erhöht und die Möglichkeiten der Kreditvergabe eingeschränkt wurden, um Inflation gar nicht erst entstehen zu lassen. Indien hatte diesbezüglich am meisten Probleme, doch die Infla-tion ist unlängst zumindest wieder auf unter zehn Prozent gefallen. Inflation kann ausserdem entstehen, wenn bei laufend steigender Geldmenge das Vertrauen in die Notenbanken derart sinkt, dass Private wie auch Gesellschaften ihr Geld nicht mehr auf Bankkonti liegen lassen, sondern in Realwerte tauschen. Denn dadurch steigt die Umlaufsgeschwindigkeit, und das Geld wertet sich gegenüber realen Gütern ab. Ein solcher, zurzeit allerdings höchst unwahrscheinlicher, Prozess kann sogar zu einer Hyperinflation führen. In einem solchen Fall wird auch die Realwirtschaft nicht vom Fleck kommen und Stagflation – wirtschaftliche Stagnation gekoppelt mit Inflation – eintreten», erklärt Otto Waser, Partner und CIO der R&A Group.
Westlicher Unterdurchschnitt
Er weiter: «In den USA und in westeuropäischen Gefilden ist dagegen ein ‹disinflationärer Prozess› in Gang. Hohe Arbeitslosigkeit und immer noch hohe freie Produktionskapazitäten bedeuten, dass Inflationsraten weiter sinken und Richtung Null tendieren. Das ist in der Schweiz bei der Kerninflation bereits geschehen. Dies dürfte, wenn sich das Wirtschaftswachstum nicht auf mindestens zwei bis drei Prozent beschleunigt, in den kommenden Jahren sogar eine leicht deflationäre Entwicklung mit sich bringen. Das heisst, wir werden, sollte es so kommen, eine Phase leicht sinkender Preise erleben. Als Vergleich: Das japanische Preisniveau ist in den ersten zehn Jahren nach der Finanzkrise 1992 pro Jahr um durchschnittlich 0,7 Prozent gesunken. Zu einer Depression, also einem mehrjährigen massiven Einbruch der Wirtschaft und einem Hochschnellen der Arbeitslosigkeit wie nach dem Börsencrash von 1929, wird es hingegen nicht kommen. Unter einem realistischen Szenario kann im Gegenteil von einem soliden Wachstum in aufstrebenden Ländern, die mittlerweile fast zwei Drittel des Weltwachstums bestreiten, ausgegangen werden. Dies wiederum stützt westliche Industrieländer. Jene werden zwar unterdurchschnittlich wachsen, womit sich leicht deflationäre Preisentwicklungen kaum vermeiden lassen, aber dennoch nicht in Lethargie versinken.» So, das Schreckensgespenst wäre erlegt (oder zumindest etwas sichtbarer gemacht).















