ETF – Von Praktikern für Praktiker
Nachgefragt Rino Borini
Die Frage «Was ist eigentlich ein ETF?» können inzwischen viele Anleger beantworten. In der Umsetzung lauern jedoch viele Fallstricke. Marcel Wagner und Daniel Niedermayer leisten mit ihrem Buch – von Praktikern für Praktikern – eine Hilfestellung.

PUNKTmagazin_Herr Wagner, Herr Niedermayer, Sie haben ein umfassendes Buch über ETF geschrieben. Was war der Auslöser?
Marcel Wagner (MW)_Im Rahmen unserer Tätigkeit als Portfoliomanager haben wir festgestellt, dass es zu diesem Thema wenig Literatur gab, insbesondere auf Deutsch. Exchange Traded Funds (ETF) werden zwar oft als selbsterklärend angesehen, bei genauerer Betrachtung erfordern sie jedoch Kenntnisse in verschiedenen Themenbereichen. Wir wollten den konkreten Einsatz von ETF und das dazu notwendige Wissen über Anlageklassen, Indizes und Anlagestrategien in einem Buch erklären.
Das ETF-Wachstum hat Tücken: Immer mehr Produkte und steigende Komplexität. Wie beurteilen Sie die aktuelle Lage?
Daniel Niedermayer (DN)_Der Wettbewerb ist intensiv und die Innovationskraft hoch. Dies führt zu günstigeren Produkten, aber auch zu Strategien, die nahe beim aktiven Management liegen und weniger an langfristiges Investieren erinnern. Schliesslich wird der Markt entscheiden, wie gross das Bedürfnis nach komplexeren Instrumenten ist. Gerade bei gehebelten Produkten stellt sich die Frage, ob Endinvestoren die Mechanik wirklich verstehen.
MW_Viele Kernbausteine für die Portfoliokonstruktion sind zwar vorhanden, dennoch dürfte es einen weiteren Schub bei «einfachen» ETF geben. Einerseits bei Produkten auf Obligationen, anderseits bei solchen auf Aktien im Rahmen der Size-und Style-Kombination, beispielsweise Mid-Cap-Value-Strategien.
Die Basis ist die richtige Indexauswahl. Auf welche Faktoren sollte ein Investor achten?
MW_Zunächst muss der gewählte Index mit der verfolgten Anlagestrategie übereinstimmen. Investoren müssen verstehen, wie die Titel ausgewählt und gewichtet werden. ETF auf Indizes nach der Marktkapitalisierungsmethode werden traditionell für die Kernquoten verwendet; sie haben oft enge Handelsspannen und tiefe Gebühren. Doch auch hier ergeben sich in der Praxis Unterschiede. Verglichen werden sollten die Anzahl Titel, die Markttiefe und der Sektormix. Zudem darf ein etwaiges Fremdwährungsrisiko nicht ausser Acht gelassen werden.
Der Job eines jeden ETF ist es, möglichst präzise den Index abzubilden. Warum schaffen es die meisten ETF nicht, die perfekte Abbildung, also 100 Prozent, zu erreichen?
DN_Ein Index stellt ein theoretisches Portfolio dar. Anpassungen erfolgen seitens Index per «Knopfdruck», reale Umsetzungskosten werden selten berücksichtigt. Ein ETF hingegen muss die entsprechenden Wertschriften erwerben, was automatisch Kosten und operative Abläufe zur Folge hat. Dazu zählen Handelsspannen, aber auch Wiederanlagen bei Ausschüttungen oder ein erschwerter Zugang zu einzelnen Wertschriften. Bei swapbasierten ETF muss sich der Delta-1-Desk entsprechend absichern können, was ebenfalls Kosten verursacht.
Manche ETF schneiden hingegen besser ab als der Index. Was ist der Grund?
MW_Bei Aktien-ETF werden oft Net-Indizes nachgebildet, das heisst auf den Dividenden wird bei der Performanceberechnung die jeweilige Quellensteuer abgezogen. Eine höhere Performance kann beispielsweise erreicht werden, wenn aufgrund des ETF-Domizils gewisse Steuern zurückgefordert werden können, sich das Handelsbuch bei synthetischen ETF günstiger absichern kann, Wertschriftenleihe erfolgt oder – bei physischen ETF – ein Sampling zu einer (temporären) Outperformance führt.
Ein Qualitätsmass liefert auch der Tracking Error. Wie können Anleger diese Zahl richtig interpretieren?
DN_Der Tracking Error (TE) wird in der Regel als die Standardabweichung der Renditedifferenz zwischen dem Kursverlauf eines ETF und des zugrundeliegenden Index definiert. Bei dieser Definition gilt, dass die Renditedifferenz des ETF zum Index in etwa einem von drei Jahren über oder unter dem Wert des Tracking Errors liegt. Diese Interpretation kann aber problematisch sein, denn in gewissen Fällen sind die statistischen Annahmen, die diese Interpretation rechtfertigen, verletzt. Tritt beispielsweise eine tägliche Out- oder Underperformance auf, kann trotz einer deutlichen Renditeabweichung zum Index ein tiefer Tracking Error resultieren.
Können Sie dazu Beispiele aus der Praxis nennen?
MW_Ein gutes Beispiel sind ETF auf den MSCI Emerging Markets. Swap-basierte ETF weisen hier oft einen deutlich tieferen TE auf als physische ETF. Der MSCI EM NR Index hatte vom 30.12.2009 bis 30.09.2011 in Dollar gemessen eine Performance von minus 6,29 Prozent. Vergleicht man die synthetischen ETF von Lyxor und Deutsche Bank (DB) mit dem Index, resultiert ein TE von 0.01 respektive 0,03 Prozent. Dies steht im Gegensatz zu physischen ETF wie beispielsweise dem CS-ETF. Hier resultierte ein TE von 0,08 Prozent. Die absolute Performance war: DB minus 7,6, CS minus 7,98 und Lyxor minus 8,78 Prozent.
Ist die Grösse eines ETF ein geeignetes Selektionskriterium?
MW_Teilweise. Wird beispielsweise ein neuer ETF auf einen liquiden Standardindex wie den SMI aufgelegt, ist die Grösse des ETF eher nebensächlich. Der Index kann auch bei kleinen Volumen günstig nachgebildet werden. Zudem können sich die Market Maker einfach absichern und somit enge Spreads stellen. Damit dies auch erfolgt, sollte der Anbieter den Fokus auf seinen Market Maker legen. In der Praxis kann jedoch beobachtet werden, dass viele Anleger ein gewisses Fondsvolumen bevorzugen. In Europa ziehen ETF oft zusätzliche Gelder an, wenn sie die Grenze von 50 Millionen Franken überschritten haben.
Sie schreiben, dass die Handelsspanne bis zu zwei Drittel der Gesamtkosten ausmacht. Wie das?
DN_Dies ist natürlich nur eine grobe Faustregel. In der Tat kann aber beobachtet werden, dass die Handelsspanne oft bis zu doppelt so hoch ist wie die Total-Expense-Ratio (TER). Nur bei sehr wenigen ETF ist die Handelsspanne verschwindend klein im Vergleich zur TER. Es gibt hingegen auch ETF, wo die Handelsspanne deutlich mehr als zwei Drittel der Gesamtkosten ausmacht.
MW_Vor dem Kauf sollte der aktuelle Spread mit ähnlichen ETF und mit historischen Werten verglichen werden. Dies ist möglich auf der Internetseite der Schweizer Börse. Zudem sollte nur dann über die Börse gehandelt werden, wenn der zugrundliegende Markt offen ist oder sich die Market Maker gut absichern können.
Was sind die grössten Anlegerfehler mit ETF?
DN_Falsche Erwartungen und das Fehlen einer Anlagestrategie. Anleger meinen oft, dass ETF den Index 1:1 nachbilden und übersehen dabei, dass bei ETF auch Kosten anfallen. Im Gegensatz zu aktiven Fonds kann der Anleger nicht hoffen, dass der Fondsmanager auf den Markt reagiert. ETF bleiben ihrer Strategie treu und es ist die Aufgabe des Anlegers, diese richtig zu kombinieren und zu überwachen.
MW_ETF können zwar schnell über die Börse gehandelt werden, erfordern aber wie jedes Investment die notwendige Vorabklärung und Geduld. Das geht gerne vergessen.
Dr. Daniel Niedermayer promovierte in Finanz-marktökonomie und ist als Portfolio-Manager bei einer Schweizer Grossbank tätig. Marcel Wagner studierte Wirtschaftswissenschaften (HSG) und ist als Portfolio-Manager im Bereich ETF-Lösungen bei einer Schweizer Grossbank tätig.
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Herausgeber des ETF Praxisbuch «Exchange Traded Funds und Anlagestrategien» ist financialmedia AG, die ebenso das Wirtschafsmagazin PUNKT und den ETF Newsletter 10×10 herausgibt. Das Buch kann hier direkt online bestellt werden.

















