Statistiken sind tückisch
Gastworte Ali Masarwah
Anleger sollten eine gesunde Portion Misstrauen gegenüber Zahlen mitbringen. Journalisten und Analysten wiederum sind bei der Interpretation von scheinbar eindeutigen Fakten gefordert.

«Traue keiner Statistik, die du nicht selber gefälscht hast.» Der berühmte Satz, der dem britischen Politiker Winston Churchill zugeschrieben wird (und den er wahrscheinlich nie geäussert hat), dürfte eines der gängigsten Bonmots dieser Zeit sein. Er bringt das Unbehagen vieler Menschen gegenüber Zahlen und Rechenwerken zum Ausdruck. Zu Recht, denn Zahlen sind etwas Absolutes – und gerade deshalb manipulierbar. Wer Zahlen veröffentlicht, kann dabei so selektiv vorgehen, dass er Tatsachen verzerrt, ohne dass die Daten als solche gefälscht sein müssen. Nicht zuletzt die Finanzkrise hat gezeigt, dass Zahlengläubigkeit – Stichwort Value at Risk – Anleger in die Irre führen kann.
Heute sind Daten heiss begehrt, die das Verhalten der Anleger durchleuchten. Denn in unsicheren Zeiten, in denen angesichts der schlechten Konjunkturdaten kaum jemand den fundamental gerechtfertigten Wert von Aktien und Märkten taxieren kann, gewinnt das Anlegersentiment als richtungsweisender Faktor für die Märkte an Bedeutung. Die Geldflüsse in ETF sind hierbei ein wichtiger Indikator für die Anlegerstimmung, denn sie sind zeitnah erhältlich und signalisieren kurzfristige Trends. Doch diese Daten können tückisch sein, wenn sie nicht differenziert betrachtet werden.
Ein schlagendes Beispiel liefern die ETF-Handelsstatistiken für die Monate April und Mai. Als die Zahlen zum ETF-Absatz die Runde machten, war die Aufregung gross. Der Absatz von europäischen Aktien-ETF brach im April ein: 5 Milliarden Dollar flossen einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters zufolge aus europäischen Aktien-ETF ab. «Die wiederaufflammenden Sorgen um die Euro-Schuldenkrise haben im April Spuren am Markt für börsennotierte Indexfonds (ETF) hinterlassen», lautete das Fazit. Die hohen Abflüsse gingen im Wesentlichen auf einen Fonds zurück: den iShares Dax. Laut Morningstar-Daten flossen rund 3,5 Milliarden Euro zwischen dem 24. und 27. April aus dem grössten Aktien-ETF Europas ab. Das Vermögen des iShares Dax brach von 12,27 Milliarden auf 8,73 Milliarden Euro ein.
Zu-/Abflüsse Aktien-ETF in Europa (April-Mai 2012)
| Apr 12 | Mai 12 | |||
| Markt | Assets (US$) | NNA (US$) | Assets (US$) | NNA (US$) |
| Europa | 104’677 | -5128 | 94’492 | 3409 |
| Broad | 37’946 | -747 | 32’985 | -184 |
| Deutschland | 26’852 | -4277 | 26’983 | 4235 |
| England | 11’775 | 14 | 10’238 | -61 |
| Italien | 1’176 | -37 | 1’020 | 37 |
| Schweiz | 7’329 | 40 | 6’339 | -201 |
| Frankreich | 5’352 | 154 | 4’608 | -190 |
| Schweden | 2’193 | 21 | 1’889 | -40 |
| Andere | 1’917 | -64 | 1’633 | -36 |
| Nordamerika | 29’793 | -95 | 27’888 | 149 |
| Asien Pazifik | 12’189 | 97 | 10’777 | -218 |
| Global | 14’613 | -38 | 13’374 | 47 |
| Schwellenländer | 33’932 | -225 | 28’870 | -816 |
| Total | 195’204 | -5389 | 175’401 | 2571 |
Quelle: Blackrock
Wie sind diese Zahlen zu deuten? Haben Anleger Gewinne mitgenommen? Drohte die Eurokrise den deutschen Aktienmarkt besonders hart zu treffen? Weit gefehlt, die Gründe für die Geldflüsse sind viel banaler. Ein Blick auf den Ausschüttungstermin des iShares Dax ETF offenbart, dass allem Anschein nach steuerliche Arbitrageure am Werk waren. Der iShares-ETF hatte am 2. Mai seinen regulären jährlichen Ausschüttungstermin, an dem er die aufgelaufenen Dividenden auskehrte. Etliche grosse institutionelle Investoren haben im Vorfeld dieser Ausschüttung – offenbar aus steuerlichen Gründen – in den letzten Apriltagen «rechtzeitig» ihre Anteile im grossen Stil zurückgegeben. Am Tag nach der Ausschüttung begann das zuvor abgezogene Geld wieder in ähnlich grossem Stil zurückzufliessen: Am 3. Mai verbuchte der iShares-ETF rund 2,5 Milliarden Euro an Zuflüssen.
In diesem Zusammenhang ist der Blick auf die anderen ETF, die den Dax 30 abbilden, interessant. Diese verzeichneten Ende April keine auffälligen Mittelbewegungen. Mit zwei Ausnahmen: Die beiden voll replizierenden ETF der Sparkassentochter ETFlab konnten zeitgleich mit den sehr hohen Abflüssen aus dem iShares Dax ungewöhnlich hohe Zuflüsse verbuchen. In einer ansonsten unspektakulären Handelswoche sprang der Absatz der beiden ETFlab Dax-ETF Ende April an: knapp 500 Millionen Euro flossen den Fonds am 27. April zu. Am 3. Mai sank das Volumen des thesaurierenden ETFlab Dax-ETF wieder um rund 200 Millionen Euro, also an dem Tag, an dem sich der iShares Dax von seiner abrupten Schrumpfkur teilweise erholte. Ein Schelm, wer dabei Böses denkt.
Ali Masarwah, Chefredakteur, Morningstar Schweiz
















