Ein Thema, zwei Standpunkte
Nachgefragt Cyril Schicker
PUNKTmagazin Das Thema Frauen in der Wirtschaft, auch Womenomics genannt, hat Hochkonjunktur. Immerhin kontrollieren sie inzwischen rund einen Drittel der weltweiten Vermögen. Welche Industrien oder Firmen respektive Brands profitieren vom weiblichen Megatrend?
Pascal Blanqué (PB) Im Luxusgütersegment zeigten sich auf Frauen fokussierte Marken in der Krise belastbarer als Bereiche wie die Uhren- und Autoindustrie, die eher eine maskuline Klientel ansprechen. Beim Luxusgüterkonsum sind unterschiedliche geschlechtsabhängige Verhaltenmuster und psychologische Aspekte von Bedeutung. Für Frauen besteht ein wichtiges Motiv darin, sich gut zu fühlen und sich durch den Erwerb schöner Dinge zu verwöhnen. Die Hauptmotivation von Männern ist hingegen der soziale Status. Auch der Preis spielt eine wichtige Rolle: Alles in allem sind die «männlichen» Luxusgüter wie Uhren und Autos teurer als beispielsweise Lederwaren und Mode, die auf die Frauen abzielen. Ausserdem zeigt sich, dass Frauen grundsätzlich eine höhere Markentreue aufweisen als Männer.
Michael Turner (MT) Ich denke nicht, dass bestimmte Branchen oder Unternehmen direkt von dieser Entwicklung profitieren. Allerdings neigen Frauen alles in allem weniger zu extremen Verhaltensweisen als Männer, zum Beispiel was das Eingehen von Risiken betrifft. Wenn man an die Ursachen der Weltfinanzkrise denkt, ist dies keinesfalls schlecht. Auch können Frauen eine Verbesserung der Corporate Governance und der Transparenz bewirken.
Kinder haben einen grossen Einfluss auf jedwede elterliche Kaufentscheidung. Wo orten sie hierbei Zukunftsträchtiges? Und welche Chancen ermöglicht die Einkindpolitik Chinas?
PB In vielen Sektoren, wie beispielsweise der Mode- und Nahrungsmittelindustrie, haben die Marken ausgeklügelte Strategien entwickelt, die auf die Bedürfnisse von Kindern abzielen oder diese gar erst wecken. Wohlwissend, wie gross der Einfluss der Kinder auf die wirtschaftlichen Entscheidungen der Eltern ist, konzentrieren sich jene Brands darauf, Kinder vor allem über die Medien zu «verführen». Dieser Trend betrifft vor allem Industriestaaten und wird wahrscheinlich schon bald auch China erreichen, da dort der Konsum kräftig anzieht. Überdies zeichnen sich Industrienationen durch ein hohes Bildungsniveau aus. Gerade dort sparen weitsichtige Eltern ihr Geld lieber für die Ausbildungen ihrer Kinder, anstelle es für Konsumgüter auszugeben. Die Einkindpolitik Chinas, die es den Familien verbietet, mehr als ein Kind zu haben, könnte dazu führen, dass dort etwa der Absatz von Investment-Produkten zulasten der Konsumgüter profitiert.
MT Das Wirtschaftswachstum in den Industrieländern wird künftig durch die Alterung der Bevölkerung begrenzt. Derzeit sind bereits 20 Prozent der Japaner sowie über 15 Prozent der US-Amerikaner, Briten und Bürger der Eurozone älter als 65 Jahre. Im Gegensatz dazu weisen die Schwellenländer günstigere Voraussetzungen auf, denn der Anteil der Menschen im Rentenalter ist bisher noch einstellig. Somit wird der Anteil der jungen Menschen, die in den kommenden Jahren in das Arbeitsleben eintreten, in Brasilien und Indien weit höher sein als in der Eurozone. Durch dieses Angebot können nicht nur die Unternehmen ihre Geschäftstätigkeit ausbauen, auch der Binnenkonsum und letztendlich das Wirtschaftswachstum werden angekurbelt. Dies ist ein Grund, warum wir auf lange Sicht einen Anlageschwerpunkt auf die Schwellenländer legen. Interessanterweise ist China trotz seiner zahlreichen Trümpfe in demografischer Hinsicht nicht attraktiv. Die Einkindpolitik hat dazu geführt, dass der Anteil der unter 15-Jährigen in China weitaus niedriger als in den übrigen Schwellenländern ist.
Weg von Mikro, hin zu Makro. Sowohl Schwellenländer wie auch Frontier-Märkte werden stark gelobt. Welchen aufstrebenden Nationen gehört die Zukunft und welchen eher nicht?
PB Es wird erwartet, dass sowohl die Schwellenländer als auch die Frontier-Märkte in den kommenden Jahren sehr erfolgreich sein werden. Treibende Faktoren sind ihre stärkeren makroökonomischen Rahmenbedingungen, der tiefere Fremdfinanzierungsgrad und ein solides Wachstum im Vergleich zu den Industrienationen. Auch die zunehmende Binnennachfrage beziehungsweise das strukturelle Wachstum, das im Land selbst durch die Demografie, besser ausgebildete Arbeitskräfte, die Möglichkeit von Fremdfinanzierungen sowie die wachsende Kaufkraft entsteht, wird in den nächsten Jahren ein wichtiger Erfolgsmotor sein. Indien, China und Peru werden die führenden Nationen der Zukunft sein.
MT Alles in allem beurteilen wir die langfristigen Wachstumsaussichten der Schwellenländer positiv. Allerdings ist Wirtschaftswachstum nicht immer mit Kurszuwüchsen an den Börsen gleichzusetzen. Wer zum Beispiel 1992 (also bei Auflegung) 1000 Dollar in den MSCI-China-Index investiert hatte, stand im letzten Monat mit einem Wert von nur 988 Dollar da, obwohl die Wirtschaftsleistung in China real seither um über 360 Prozent gestiegen ist und asiatische Aktien 279 Prozent zugelegt haben. Daraus folgt, dass die Entwicklungsländer mit den besten wirtschaftlichen Fundamentaldaten und Aussichten nicht immer die rentabelsten Unternehmen aufweisen. Die Investoren müssen das Potenzial der einzelnen Unternehmen bewerten, ganz gleich, wo diese ihren Sitz oder Geschäftsschwerpunkt haben. Neben Aktien sollten Investoren auch Schwellenländerobligationen berücksichtigen, egal, ob sie auf harte oder lokale Währungen lauten, ob sie vom Staat oder von Unternehmen emittiert werden.
An Hartnäckigkeit kaum zu überbieten sind die zwei Schreckgespenster Inflation und Deflation. Wie kann man sich als Investor am besten vor diesem Duo infernale schützen?
PB Wir sehen aufgrund der expansiven Zentralbankpolitik kein Deflationsrisiko. Derzeitige deflationäre Einflüsse sind nach einer Krise absolut normal. Wir gehen aber davon aus, dass schon bald eine Stabilisierung einkehren wird und dass der Rückgang der Kerninflation gestoppt wird. Vielmehr glauben wir, dass es zwei Ursachen für eine anziehende Inflation gibt. Erstens sind die Industrienationen bestrebt, eine Deflation zu verhindern und den Verschuldungsgrad zu senken. Und dafür gibt es keine bessere Möglichkeit, als die Inflation in die Höhe zu treiben. Gegen dieses Risiko können sich Anleger durch Investitionen in globale -Inflation-linked-Obligationen schützen. Die zweite Ursache liegt in den Schwellenländern, bei denen das Wachstum schon wieder Niveaus wie vor der Krise erreicht hat. Diese Staaten haben einen starken Einfluss auf Nahrungsmittel- und Rohstoffpreise, was die Inflation anheizen sollte. Dagegen können sich Anleger mit inflationsgebundenen Staatsanleihen aus Schwellenländern absichern.
MT Gold! Auch wenn manche behaupten, dass Gold bei einem Unzenpreis von rund 1300 Dollar teuer ist, so handelt es real dennoch auf dem Niveau von 1979/80. Ich denke, der Unzenpreis könnte in den kommenden fünf Jahren auf 2000 Dollar steigen. Die langfristigen Folgen der gigantischen geldpolitischen und Konjunkturstützungsprogramme sind noch nicht wirklich bekannt. Ein echtes Risiko ist die Inflation, wobei Gold nach wie vor den besten Schutz gegen diese Bedrohung darstellt. Auch bei einer Deflation stellt sich die Frage nach der Stabilität des Geldes (Scheine und Münzen), insbesondere von Währungen wie dem Euro, der derzeit viel weniger stabil wirkt. Die Zentralbanken, insbesondere die der Schwellenländer, fangen gerade erst an, ihr Goldexposure zu erhöhen, da sie ihre Devisenreserven nicht mehr nur auf US-Treasuries und den Dollar konzentrieren wollen. Last but not least denke ich, dass die aufstrebende wohlhabende Mittelschicht in den Schwellenländern die Nachfrage der Schmuckbranche nach Gold anheizen wird.
Nicht nur Privatliegenschaften sind mit Emotionen verbunden, auch anderweitige Immobilienengagements. Wie sieht die Situation auf der Globalbühne aus, wo schlummern Risiken, wo Opportunitäten?
PB Wir konzentrieren uns auf an Börsen gelistete Immobilienaktien, die ein indirektes Engagement im Immobiliensektor mit höherer Liquidität, guter Diversifikation und einem breiten Angebot hinsichtlich Anlageklassen und Ländern ermöglichen. Sowohl Bewertung als auch Mieten kommerzieller Immobilien waren seit ihrem Höchststand 2007 und 2008 aufgrund der Finanz- und Wirtschaftskrise rückläufig. Seit 2009 hat sich die Situation an den Kreditmärkten und bei Direktinvestitionen allmählich verbessert. Die Folge war ein Aufschwung der Eigentumspreise und des Transaktionsvolumens. Unternehmen haben ihre Fremdkapitalbelastungen gesenkt und Aktien haben dieses Jahr und 2009 eine gute Performance gezeigt. Investoren sehen wesentliche Risiken in einem makroökonomischen «Double Dip», einem starken Anstieg der langfristigen Zinssätze und der Refinanzierung der in den nächsten fünf Jahren fällig werdenden Schulden. Auch wenn beispielsweise in Hongkong, Singapur und London Mieten einen Aufschwung erleben, stabilisiert sich der Zyklus in den USA und Europa lediglich. Dies gibt Unternehmen, die ihre Neuinvestitionen während der Krise reduziert haben, die Möglichkeit, sich für Übernahmen und Entwicklungen zu positionieren.
MT Die Fundamentaldaten des Immobilienmarkts verzeichnen im Asien-Pazifik-Raum eine kontinuierliche Verbesserung, da die Nachfrage nach Mietobjekten von der Konjunkturerholung angetrieben wird. Die Märkte haben sich zuletzt etwas besser entwickelt als erwartet und dürften – sofern dieser Trend anhält – in den kommenden drei Jahren grösstenteils eine Steigerung des Miet- und Kapitalwertes von 4,4 beziehungsweise 5,5 Prozent jährlich erzielen. Die Hauptthemen an den regionalen Märkten sind der Zugang zu inzwischen wieder attraktiv bewerteten reifen Märkten sowie die Sicherung von Core- oder Mehrwert-Anlagen zu attraktiven Einstiegspreisen. Asien bietet zwar faszinierende Chancen, doch sollten Investoren die näherliegenden Märkte keinesfalls ausser Acht lassen. Für die kommenden fünf Jahre rechnen wir mit einer Überperformance Grossbritanniens sowie der skandinavischen und der westeuropäischen Kernländer. Südeuropa dürfte unterdurchschnittlich abschneiden, denn das Wirtschaftswachstum ist schwach, die staatliche Schuldenlast erdrückend, und die Wettbewerbsfähigkeit hinkt auf europäischer und internationaler Ebene hinterher.
Addendum:
Pascal Blanqué, CIO Amundi Gruppe und Leiter des Geschäfts mit institutionellen Kunden, wurde 2005 zum Global CIO der Crédit Agricole AM Group ernannt und als dortiges Executive-Committee-Mitglied aufgenommen.
Michael Turner, Aberdeen AM, ist Head of Global Strategy & Asset Allocation – auf Gruppenebene. In dieser Funktion arbeitet Turner eng mit dem CIO zusammen.


















