Der Schweizer Film – ein Schattengewächs
Worte Valerio Bonadei
Schweizer Filme können im Heimmarkt nur selten überzeugen. Wie in vielen europäischen Ländern ist das Filmschaffen in der Schweiz auf staatliche Unterstützung angewiesen. Eine Filmindustrie im Stil von Hollywood gibt es nicht. Wo liegt der Teufel begraben?
Kurz vor meiner Abreise aus Cannes traf ich mich mit dem etablierten deutschen Produzenten Christoph Hahnheiser, dessen kleiner aber feiner Feelgood-Movie «Russendisko» in Deutschland respektable 650 000 Eintritte verzeichnen konnte. Von deutschen Filmverleihern erfuhr ich am Abend zuvor aber, der Streifen sei trotz allem ein finanzieller Flop: Mit dem grossen Marketing-Budget sei bei dieser Bestsellerverfilmung – über zwei Millionen verkaufte Romanexemplare – mehr zu erwarten gewesen. Ich war mir nicht sicher, ob hier Branchendünkel oder professionelles Wissen sprach.
Dass sowohl Branchenleute wie auch das Heimpublikum den eigenen «Heimatfilm» – zu Recht oder Unrecht – belächeln, ist sowohl in Deutschland wie auch in der Schweiz der Fall. Gar Missmut wurde im kürzlich erschienenen Beitrag «Ein Land von Schissfilmern» im «Magazin» des Tages-Anzeigers laut. Das Fazit: Der Schweizer Film biedere sich vor lauter Angst, das Publikum zu überfordern, viel zu sehr an und scheitere gerade deswegen.
Bedeutender Heimmarkt
Ein derartiges Lamentieren wäre in Frankreich kaum denkbar. Französische Filme weisen im Kino hohe Marktanteile auf und die Filmemacher werden auf ein Podest gestellt. In der Branche herrscht Wohlwollen, Neid ist kaum spürbar. Die Medien der Grande Nation lassen sich nicht über angebliche Fehltritte von Subventionsempfängern aus. Und das Wichtigste: Französische Filme sind auch im Ausland erfolgreich und angesehen. Fairerweise muss man anmerken, dass der Vergleich mit Frankreich etwas hinkt, schliesslich ist die Schweizer Filmszene einiges unbedeutender. Doch es gibt auch kleinere Länder mit grossen internationalen und nationalen Erfolgen: Dänemark beispielsweise mit den Dogma-Streifen und seinem Superstar Mads Mikkelsen, der unter anderem grössere Auftritte in internationalen Filmen aufweisen kann. Hier fühlt sich die misstrauische Schweizer Kaufmannsseele bestätigt. Doch gerade für den weltweiten Erfolg wäre ein guter Heimmarkt so wichtig.
1998 wurde erstmals eine Untersuchung zur volkswirtschaftlichen Bedeutung der Schweizer Filmbranche durchgeführt. Sie kam zum Schluss, dass die 1300 Unternehmen und 4700 Vollzeit-Beschäftigten einen Umsatz von 1,3 Milliarden Franken und eine Bruttowertschöpfung von 530 Millionen Franken erwirtschafteten. Die Studie brachte ausserdem zutage, dass die öffentliche Hand (Bund, Kantone und Gemeinden) in diesen Bereich 30 Millionen Franken Fördergelder investierte. Gleichzeitig flossen 75 Millionen Franken als Mehrwert-, Billett-, Unternehmens- und Einkommenssteuern an den Staat zurück – das Zweieinhalbfache also.
Förderung prägt Branchenstruktur
Woran liegt es aber, dass helvetische Filme an der Kinokasse trotz Kulturförderung kaum funktionieren und obendrein als bieder wahrgenommen werden? Die Branche ist sich unisono einig: In der Schweiz fehlt es an guten Konzepten respektive an der Entwicklung von umsetzbaren Geschichten. Einerseits liegt dies am Mangel an guten Autoren, anderseits am nicht vorhandenen finanziellen Schnauf für den Entwicklungsprozess. Denn die Entstehung eines Films ist oft mühsam, nervenaufreibend, riskant und teuer. Nicht alle Filmemacher können in sechs Wochen ein Drehbuch schreiben, so wie es Til Schweiger «Keinohrhasen» angeblich gelungen sein soll. Und selbst wenn für die Drehbuchentwicklung genügend Kapital zur Verfügung stünde, Geld alleine garantiert keine grosse Filmkunst.
Fünf Millionen Franken kostet ein grösseres Filmprojekt in der Schweiz. Zum Vergleich: In den USA verfügt selbst ein Low-Budget-Movie über mehr Mittel. Darüber hinaus wird in den Vereinigten Staaten lediglich eines von tausend eingereichten Drehbüchern realisiert. Nur jedes zehnte angerissene Projekt erreicht die Entwicklungsphase. In Europa ist es jedes vierte. Auch im Marketing sind die Amerikaner um Meilen voraus: Sie geben die Hälfte der Gesamtkosten für die Bewerbung des Films aus. In Europa sind es magere drei bis sechs Prozent des Budgets. Für dieses Geld lassen sich nur wenige Inserate und Plakate schalten. Kinosäle füllt man mit einem solchen Vorgehen nicht. In den USA hingegen verdient die Filmbranche selbst dann Geld, wenn unter dem Strich nur jeder zehnte Streifen Gewinn abwirft.
Welche Filme letztlich produziert werden, wird in der Schweiz wie auch im EU-Raum bürokratisch entschieden. Beim Bundesamt für Kultur (BAK) – dem gewichtigsten Filmförderer –, bei der Zürcher Filmstiftung und dem Schweizer Fernsehen reichen Produzenten ihre Stoffe ein und warten gebannt auf den Mehrheits-Kommissionsentscheid. Dieser quartalsweise gefällte Entschluss bedeutet für Produzenten oftmals Leben oder Tod.
In diesen Gremien sitzen Branchenvertreter aller Vertriebsstufen: Autoren, Produzenten, Regisseure, Verleiher, Marketing- und Kommunikationsspezialisten. Das Ziel besteht darin, das Kapital innerhalb der Branche möglichst gerecht zu verteilen.
Filmförderung als Verteilungskampf
Zirka sechzig Prozent des Gesamtbudgets sämtlicher Schweizer Filme stammen aus der öffentlichen Hand. Ohne Förderung gäbe es den Schweizer Film nicht. Genau diesen Umstand sehen viele Branchenvertreter als Problem. Produzenten erhalten vorab eine von der Profitabilität unabhängige Gebühr. Sie verdienen also auch dann, wenn der Film floppt. An den zumeist sehr hohen Vor- und Veröffentlichungskosten (Kopien, Promotion) beteiligt sich der Staat mit rund fünfzig Prozent. Ohne diese Zuschüsse wären eidgenössische Produktionen gegenüber den grossen Kassenschlagern komplett chancenlos. Zusätzlich sind die Filmemacher auch am Erfolg an der Kinokasse beteiligt. Abhängig von den Kinobesuchern erhalten sie Geld für ihr nächstes Projekt. Von den Eintritten profitieren insbesondere Autoren, Verleiher und Kinobetreiber, die pro Besucher ein bis zwei Franken erhalten.
Günstlingswirtschaft ausgemerzt
Neuerdings besteht die Fachkommission des Bundesamtes für Kultur aus 44 ständig wechselnden Experten, die vom Bundesrat ernannt werden. Damit dürfte auch der oft gehörte Vorwurf der Günstlingswirtschaft entkräftet werden. Dieser war aufgekommen, nachdem bisher ein kleineres Gremium von ständigen Mitgliedern über die Fördermittel entschieden hatte. Ebenso umstritten waren die Prinzipien der Fördergeldverteilung: Sollen wenige Filme mit etwas grösserem Finanzierungsbedarf gefördert werden oder mehrere Filme mit tiefem Kapitalbedarf? Der frühere Chef des BAK, Nicolas Bideau, dachte gross – und fiel tief. Er verfolgte das «Lokomotivenkonzept». Dabei sollten zwei bis drei grosse Kassenschlager den Anteil der Schweizer Produktionen im Heimmarkt heben, ohne das Vielfaltsparadigma zu verletzen. Das bislang herrschende Giesskannenprinzip war damit gestorben. Doch die weitblickende Mission des umstrittenen Chefs der Sektion Film schlug fehl. Nicolas Bideau wurde im Jahre 2010 wegbefördert.
Promotion statt Hard Selling
Auch Bideaus Pläne zur Förderung der Exportfähigkeit des heimischen Films schlugen fehl. Eidgenössische Produktionen werden im Ausland äusserst selten gezeigt – wenn überhaupt, dann an Festivals. Dies ist der starken Förderung seitens der staatlich finanzierten Promotionsagentur Swiss Films zu verdanken. Ihr Ziel ist es, Schweizer Filme in ausländischen Kinos und an internationalen Festivals präsenter zu machen.
Findet ein Schweizer Film beispielsweise einen Kinoverleiher, beteiligt sich Swiss Films mit etwa dreissig bis fünfzig Prozent respektive mit maximal 25 000 Euro an den Vorkosten. Festivals haben einen wichtigen Prestigeeffekt und sorgen dafür, dass die Filme im internationalen Markt beachtet werden. Doch inwieweit sich dieser Promotionseffekt monetarisieren lässt, ist ungewiss. Sicher ist, dass Filmemacher an Festivals oft die Anerkennung finden, welche ihnen in der Heimat nicht vergönnt ist.
Eine direkte Verkaufsunterstützung als Exporthilfe gibt es hierzulande nicht. Eine Vorbildfunktion nimmt Neuseeland ein. Die New Zealand Films tritt aktiv im Markt auf, verfügt über ein Verkaufsmandat der Produktionen und fördert somit den neuseeländischen Film im Ausland. Swiss Films hingegen ist – etwas böse formuliert – rund um Festivals nur mit Broschüren vertreten.















