Lust am Lesen?
Abonnieren Sie PUNKTmagazin zu attraktiven Konditionen
Worte Bojan Peric
Der Bund hat eine Liste der lebendigen Traditionen in der Schweiz veröffentlicht. Dort findet sich eine Unmenge Bräuche, aber nur zwei Personen. Zwei, die man nicht unbedingt erwarten würde.

Er het es Zündhölzli azündt und das het e Flamme gäh. Und was für eine Flamme er da entzündet hat. Eine, die auch viele Jahre nach dem tragischen Unfalltod des Berner Chansonniers Mani Matter brennt. So stark, dass er es auf die Liste der schützenswerten Traditionen des Bundesamts für Kultur (BAK) geschafft hat, und mit ihm die Berner Mundartmusik im Allgemeinen.
Anna Göldi, die zweite auf der Liste, hat zwar kein «Zündhölzli azündt», wäre aber um ein Haar selbst eines geworden – zumindest wenn das Glarner Gericht sie nicht zum Tod durch das Schwert, sondern traditionsbewusst zum Scheiterhaufen verurteilt hätte. Die Geschichte der Dienstmagd, die vom «Tockter» Johann Jakob Tschudi der Hexerei bezichtigt wurde und – als eine der letzten Frauen auf europäischem Boden – im Jahr 1782 ihren vermeintlichen Machenschaften mit dem Teufel zum Opfer fiel, wurde nicht zuletzt von der Schriftstellerin Evelin Hasler ins gemeinschaftliche Bewusstsein und zugleich in den Schulkanon gepflanzt.
Eine Liste der Schweizer Traditionen aufzustellen, scheint auf den ersten Blick nicht mehr als eine weitere kunstvolle Art der Steuergeldvernichtung zu sein. Tatsache ist aber, dass gerade in Zeiten unsicherer Märkte, bröckelnder politischer Institutionen und einer überbordenden Anzahl von Lebens(un)sinnangeboten soziale Verankerung nicht verkehrt sein kann. Nationale Identität, die sich auch in Ritualen und Traditionen offenbart, hilft, in der globalen Kakophonie zu uns selbst zu finden. Und sogar die selbsternannten Kosmopoliten, die Nationalstolz angewidert mit Nationalsozialismus gleichsetzen, definieren sich dadurch, dass sie sich mit der Identität eben nicht identifizieren – man kommt nicht darum herum. Wie orientierungslos wir hinsichtlich unserer nationalen Werte sind, zeigt schon die eigenartige Tatsache, dass ein zerdrückter Lampion mit Schweizerkreuz es hinkriegt, uns vom Plakat herablächelnd zu suggerieren, dass wir Armeewaffen zu Hause lagern sollten. Das verstehe, wer will.
Doch warum gerade die Göldi und der Matter? Wenngleich die Magd und der Doktorjur im Grunde nicht unterschiedlicher sein könnten, verbindet sie der Spiegel, den sie uns gekonnt vors Gesicht halten. Die Hinrichtung der Göldi, die 1782 in Glarus stattfand, offenbart Rückständigkeit und Wunderglauben in einer Zeit, als die Aufklärung gerade Fuss zu fassen schien, und die Texte Matters bringen uns zum Lachen – meist über unsere eigenen Unzulänglichkeiten.
Die Schweiz, ein Land der Ambivalenzen, der Unsicherheit, der dauernden Suche nach sich selbst. Wir ziehen die Ungewissheit fixen Schemata vor, verschmähen Ideologien und erstarrte Ideale. Das macht uns zwar flexibel, aber auch ruhelos und depressiv. «Warum syt dir so truurig?», könnten sich ganze Generationen, die Psychologenkassen klingen liessen und lassen, als Leitspruch auf die Fahnen schreiben. Emotionale Verarmung in einem der reichsten Länder der Welt.
Dem aufmerksamen Leser fällt auf, dass Wilhelm Tell auf der Liste des BAK irgendwo zwischen Wildheuen, Woldmanndli und dem Auffahrtsumritt in Beromünster verloren ging. Weshalb? Ist es unser latenter Pazifismus, der uns vor dem apfelschiessenden Armbrust-Rambo zurückschrecken lässt? Oder ist es ein stiller Widerstand gegen Friedrich Schiller, der den Mythos zu Papier brachte – und bekanntermassen Deutscher war? Vielleicht steht ein in Stein gemeisselter Gründungsmythos aber auch im Widerspruch zur kontinuierlichen Neuerfindung unseres Selbst. Das könnte man bei Gelegenheit mal hinterfragen.