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Worte Jasper Plan
Lomographie ist nicht herkömmliche Fotografiekunst, sondern Synonym für Dynamik, Schwung und Risiko. Lomographen schiessen ihre Bilder aus dem Nichts heraus, schauen nicht einmal durch den Sucher. Was Lomographie mit Ästhetik und der russischen Politik zu tun hat, erklärt einer der Gründer von Lomography.
Was haben der KGB, Wladimir Putin, japanische Kompaktkameras, das Prädikat (Sub-)Kunst und eine überall auf der Welt verstreute Fangemeinde gemeinsam? Lomographie. Lomo… was? Doch alles der Reihe nach. Als die zwei Wiener Studenten Wolfgang Stranzinger und Matthias Fiegl 1991 in einem Prager Fotogeschäft auf eine Lomo Kompakt Automatik stiessen, waren sie sofort begeistert von der fremdartigen Technik und dem speziellen Charme dieser Kamera. Dass sie im Begriff waren, ein Stück analoger Fotografiegeschichte zu schreiben, hätten sie wohl nicht im Traum gedacht. Doch als sie die entwickelten Bilder ihren Freunden zeigten, waren die ebenfalls begeistert. Jeder wollte eine eigene Lomo-Kamera haben.
Da die steigende Nachfrage mit den Rucksack-Importen aus Russland bald nicht mehr befriedigt werden konnte, gründeten die beiden Freunde 1992 zusammen mit Sally Bibawy, sie zeichnet für Design- und Kameraentwicklung verantwortlich, die «Lomographic Society International». Zeitgleich wurden auch die «zehn goldenen Regeln der Lomographie» – sie haben heute noch ihre Gültigkeit – erstellt.
Die erste Lomo-Kamera überhaupt wurde 1982 vom KGB in Auftrag gegeben, wobei die japanische Cosina CX-1 als Vorbild diente. Ab 1983 ging die Kleinbildkamera LC-A in Massenproduktion mit dem Ziel, dass sich jeder Bürger der Sowjetunion eine solche leisten könne. Dies hatte durchaus einen patriotischen Hintergrund, sollte es die Kamera den Leuten doch ermöglichen, die Schönheit der russischen Heimat einzufangen.
An Schönheit nicht zu überbieten, zumindest aus Stranzinger-Fiegl-Bibawy-Sicht, ist die Tatsache, dass Lomography ständig weiter wächst. Im Vergleich zu 2006 ist der Umsatz 2010 um fast 220 Prozent gestiegen. Doch nicht nur Umsatzsteigerungen, sondern auch physische Präsenz ist den Lomographen wichtig. Zusätzlich zu den bereits bestehenden Gallery Stores (eine Mischung aus Ladenlokal und Galerie) sollen jährlich zehn weitere eröffnet werden. Und das 15 Jahre nach der grossen Krise, währen der man dachte, das Firmen-Ende sei nur eine Frage der Zeit.
Im Interview mit PUNKTmagazin erläutert einer der Lomographie-Wiederentdecker, Wolfgang Stranzinger, wie der Turnaround geschafft werden konnte und was ihn dazu bewegte, das Zeitalter analoger Kameras wieder zu beleben.
Wolfgang Stranzinger_ Als wir die Lomo LC-Automatik in einem kleinen Fotoladen in Prag fanden, hat uns die einfache Handhabung sofort gefallen. Und als wir die ersten Fotos in Händen hielten, hat uns deren ganz spezielle Optik überzeugt. Die Bilder eine besondere Qualität: Dunkle Vignettierungen am Bildrand, satte Farben, starke Kontraste.
Die Linse ist von hoher Qualität und im Vergleich zu den uns bekannten westeuropäischen Kameras ist der Preis gering. Lomo-Cams wurden für jedermann konzipiert, das hat uns sehr gefallen.
Die Kameras bieten etwas sehr Luxuriöses, den Zufall. Man weiss nie, was man auf den entwickelten Fotos wirklich sehen wird. Das birgt ein gewisses Risiko. Jeder, der analog fotografiert, kennt das Gefühl, wenn man schliesslich die Fotos in Händen hält. Man will mehr davon. Wenn man digital fotografiert, schiesst man zwar eine Menge Fotos, doch nur ein kleiner Teil davon ist gut. Die landen auf einer Festplatte, wo sie auf den nächsten Computercrash warten. Mit dem echten Leben hat das nicht viel zu tun. Analoge Fotos produzieren Negative, die länger erhalten bleiben als der Mensch. Noch heute können wir von den Negativen der ersten Fotografien Abzüge entwickeln.
Unsere Kameras sind Allround-Talente, deren Eignung eigentlich eher durch den Lomographen ergibt. Mit dem passenden Gehäuse kann man sie sogar unter Wasser verwenden. Ein echter Lomograph hat die Kamera immer in der Tasche, um im richtigen Moment abdrücken zu können.
Die Entscheidung, die Produktion einzustellen, wurde in den Lomo-Werken selbst getroffen, da man sich auf militärische sowie wissenschaftliche Produkte konzentrieren wollte, die Lomo LC-A war nur ein Randprodukt. Putin war damals Stellvertreter des Bürgermeisters Sobjak und eine Art Aussenminister von Sankt Petersburg. Er hörte sich unser Konzept und unsere Pläne konzentriert an, ohne einen Kommentar abzugeben. Aber offensichtlich fand er Gefallen am kulturellen Aspekt der -Lomographie, weshalb er dem Werk für die Weiterführung der Produktion eine Steuervergünstigung gewährte. Bei seinem letzten Besuch in Österreich hat er vom amtierenden Präsidenten Heinz Fischer sogar eine goldene Lomo LC-A geschenkt bekommen.
Die Menschen in Russland lomographieren genau so gerne wie Menschen in New York, Rio de Janeiro, Tokio oder Berlin. Erwähnenswert ist, dass Frauen den Grossteil unserer Kundschaft darstellen.
In Wien befindet sich bis heute unser Hauptquartier, da hier auch unser Lebensmittelpunkt liegt. Durch unsere internationale Community und unsere weltweit verstreuten Lomography Gallery Stores gibt es auch kein wirkliches Zentrum mehr. Lomographie ist heute ein weltweites Phänomen.
Unsere stärksten Märkte sind zurzeit die USA, Europa und China.
Analoge und digitale Fotografie sind zwei total verschiedene Welten und stehen nicht in Konkurrenz zueinander. Der Markt für digitale Kameras bereinigt sich durch die Popularität der Handy-Kameras gerade selbst – die digitale Kompaktkamera liegt im Sterben. Wir wollen den digitalen Markt nicht überwältigen, sondern eine Alternative schaffen, was uns bereits gelungen ist. Die Leute haben die Wahl zwischen digital und analog. Das eine schliesst das andere ja nicht aus.
Für in den späten 80-er Jahren Geborene bedeutet analog, im Gegensatz zur Generation, die den Schritt ins digitale Zeitalter mitgemacht hat, keinen Rückschritt mehr. Die neue Generation hat noch nie eine Videokassette oder einen Film eingelegt und empfindet diese Nachvollziehbarkeit als sehr angenehm und kreativ. Das Experimentieren mit unterschiedlichen Filmformaten und Kameras ist etwas komplett Neues für sie.
Einerseits liegt es an der hochwertigen Technik der Kameras, anderseits daran, dass unsere Kameras für viele Lomographen zu Begleitern des täglichen Lebens werden. Wir ermutigen sie dazu, ihr Leben ständig mit ihrer Kamera aus den verdrehtesten Blickwinkeln zu dokumentieren und dabei nicht durch den Sucher zu blicken. Die Kamera wird dadurch zur Verlängerung des Körpers und des Lebens, bindet sich komplett in den Alltag ein. Und das Beste daran ist, dass man dazu nicht einmal viel Geschick braucht. Mut, sich auf den Zufall einzulassen, reicht.
Das Gefühl sowie die Art des Fotografierens sind auf allen Ebenen anders. Mit einer Lomo lernt man zwangsläufig mit Licht, Entfernung und Zeit umzugehen. Somit wird auch das Resultat hoch emotional. Man produziert keine «Zombiefotos», auf denen alle gleich aussehen, sondern bekommt etwas real existierendes, nämlich das Negativ. Für den Extra-Kick sorgt das Element Zufall. In der analogen Fotografie finden Menschen reale Erlebnisse, nach denen sie sich sehnen. Es fühlt sich an wie ein fast vergessenes Handwerk, das jeder für sich neu entdeckt.
Wir arbeiten gerade an grossen Ausstellungen in Seoul, Amsterdam und England. Zudem werden wir anlässlich der Photokina 2011, der weltweit grössten Fotografiemesse auf der Domplatte in Köln, eine riesige Ausstellung zeigen.
Jedes Kameramodell hat eine ganz spezielle Optik. Wir haben Fisheye-, Panorama-, Weitwinkel-, Multi-Linsen-, Mittelformat- oder auch 360-Grad-Kameras, wie den Spinner. Es gibt aber auch Kameras, mit denen man in mehreren Formaten fotografieren kann, wie zum Beispiel die Lomo LC-Wide oder die Diana- Mini.
Unser Credo «The Future Is Analogue!» hat sich bis heute bewahrheitet. Wir sind mit Tochterfirmen bereits in den USA, Kanada, Brasilien, UK, Italien, Frankreich, Niederlande, Deutschland, Hongkong, Taiwan, Japan, Süd-Korea und China präsent. Weitere Niederlassungen in Indien, der Türkei und Mexiko sind in Planung. Unser Ziel ist es, pro Jahr mindestens zehn neue Lomography Gallery Stores zu eröffnen.
Der ist bereits in Planung und sollte spätestens 2012 realisiert sein.