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Worte David Fehr
Diese Fussballer nehmen nicht teil am Schweizer Meisterschaftsbetrieb. Müssen sie auch nicht, denn als Auswahl des früheren Alt Fry Rätiens verfolgen sie ein höheres Ziel: Die Teilnahme am Viva World Cup 2012, der in der autonomen Region Kurdistan im Nordirak ausgetragen wird.
Yacine, willst du in den Nordirak und uns an der Sitzung des NFB vertreten?» Yacine Azzouz, Vizepräsident der FA Raetia,- war von der Frage zwar etwas überrascht, liess sich aber nicht zweimal bitten. Keine zwei Wochen nach dem Anruf sass er im Flugzeug Richtung Istanbul, von wo die Reise weiter führte nach Erbil, Hauptstadt der autonomen Region Kurdistan. Als Gesandter sollte Azzouz während fünf Tagen vor Ort die Bedingungen für eine mögliche Teilnahme am Viva World Cup 2012 abklären.
Das Turnier um den Nelson-Mandela-Pokal gilt als inoffizielle Fussballweltmeisterschaft und wird seit 2006 alle zwei Jahre durchgeführt. Veranstalter ist das Nouvelle Fédération Board (NFB), der Fussballverband für Regional- und Volksauswahlen sowie Nationen mit oder ohne eigenen Territorialstaat. Der Viva World Cup will keine Plattform für politische oder religiöse Motive bieten und explizit keine Konkurrenz zum Weltfussballverband Fifa sein. Viel eher sieht sich das NFB als unterstützende Partnerorganisation. Staaten, die zu einem späteren Zeitpunkt Fifa-Mitglied werden könnten, soll der Einstieg erleichtert werden, indem sie beim Aufbau der nötigen Verbandsstrukturen unterstützt werden.
Wer nächsten Sommer am Turnier in Kurdistan teilnehmen wird, steht noch nicht definitiv fest, sicher dabei sind Titelverteidiger Padanien und der Gastgeber. Weitere Mitglieder des NFB und somit mögliche Teilnehmer sind unter anderem Gibraltar, Sansibar, Tibet, Grönland, Lappland, West-Neuguinea oder Okzitanien.
Die Idee, mit der aus dem FC Haldenstein entstandenen FA Raetia die Teilnahme an einem internationalen Turnier anzustreben, hatte- Clubpräsident Gian-Marco Schmid Anfangs 2011. «Der FC Haldenstein wurde damals vor allem zu Trainingszwecken gegründet, eine Teilnahme am Schweizer Meisterschaftsbetrieb haben wir mangels Anreizen früh verworfen.» Der Traumgegner von Schmid, der als Rapper unter dem Namen Gimma bekannt ist und selber in Haldenstein wohnt, war der Vatikan. «Als ich im Zuge der Vereinsgründung von der Existenz des NFB erfahren habe, meldete ich mich bei ihnen. In einer Telefonkonferenz haben sie uns schliesslich an die Versammlung in Erbil eingeladen», erklärt er den Lauf der Dinge.
An dieser erfuhr Azzouz, dass man sich zuerst einen Eindruck vom Team verschaffen wolle, bevor man über eine Aufnahme sprechen könne. Zu diesem Zweck erstellten die Bündner ein Dossier mit den historischen Hintergründen und fädelten für für den 4. Dezember in London ein Testspiel ein. Gegner war die Auswahl von Chagos, einem Archipel im Indischen Ozean, dessen Bewohner in den 70-er Jahren von den Briten nach Mauritius deportiert wurden. Dies, weil Bündnispartner Amerika im Indischen Ozean eine Basis benötigte, um für den aufkeimenden Kalten Krieg gewappnet zu sein – die Chagos-Inseln waren perfekt dafür. Heute leben die meisten Chagossianer in London, da sie sich 2002 vor Gericht wenigstens das Recht auf einen britischen Pass erklagten. «An der Delegiertenversammlung in Erbil war Herold Mandarin, der Vertreter von Chagos, mein Zimmerpartner. Durch ihn habe ich von ihrem Schicksal erfahren. Da sie ebenfalls eine Teilnahme am Turnier ins Auge fassen und sich, genau wie wir, dem NFB präsentieren wollten, haben wir das Testspiel in London organisiert und sie auch sonst etwas unterstützt», erklärt Azzouz- Gegner und Ort.
Nebst einem ordentlichen Spielniveau ist dem NFB vor allem ein fairer und respektvoller Auftritt wichtig. Dass die meisten Teams nicht über internationale Klasse verfügen, versteht sich von selbst. «Die Zuschauer haben während 90 Minuten getanzt und geklatscht. Nach dem Spiel luden die Chagossianer uns und die Repräsentanten des NFB zum Empfang. Es war grossartig – und das nicht nur wegen des tollen kreolischen Essens, das serviert wurde», schwärmt Azzouz von der Londonreise. Obwohl das Resultat zweitrangig war, wurmt er sich über den Ausgang: «Zu Beginn hielten wir gut mit, nach dem 1:1 sah es für eine Weile sogar danach aus, als ob wir das Spiel drehen könnten. Zur Halbzeit lagen wir 2:1 zurück, doch ab der 60. Minute sind wir aufgrund konditioneller Mängel eingebrochen. Abgesehen von der 6:1-Niederlage reisten wir aber mit einem guten Gefühl zurück.»
Das gute Gefühl behalten sie auch, wenn man sie auf den Austragungsort anspricht, schliesslich liegt sich Erbil keine 400 Kilometer nördlich von Bagdad. Eine Region, von der das EDA abrät. Die Lage sei unübersichtlich und die Sicherheit nicht gewährleistet. Zudem bestehe das Risiko von Entführungen- und Terroranschlägen. Die teilautonome Region Kurdistan gilt zwar als sicherer als die übrigen Landesteile, aber auch hier könne sich die Situation jederzeit ändern. Kommt da kein mulmiges Gefühl auf? «Ich war im Kosovo, in Algerien, im Libanon und wo man sonst noch Bomben oder Gewehrsalven erwarten könnte. Und immer kamen Leute, die meinten, dass es da gefährlich sei. Am Schluss hatte ich an diesen Orten jeweils den meisten Spass – vielleicht gerade weil die Leute, die das sagen, in diesen Ecken der Welt nicht anzutreffen sind», meint Azzouz dazu.
Die Entscheidung, ob die FA Raetia aufgenommen wird und am Viva- World Cup teilnehmen kann, wird demnächst getroffen. Gewappnet, um ihre Region zu vertreten, sind sie bereits. «Wir haben die Rätische Flagge gemäss den Vorgaben des Rätischen Museums in Chur originalgetreu erstellen lassen. Die aktuelle Kurzhymne ist jedoch nur eine Übergangslösung, da die einzig historisch überlieferten Lieder aus dieser Zeit entweder zu lang oder völlig unpassend sind», unterstreicht Schmid die historischen Ambitionen.
Und wenn sie bei einer allfälligen Teilnahme ohne Punkte nach Hause zurückkehren sollten? Azzouz dazu: «Falls es klappt, werden wir im Nordirak Alt Fry Rätien fussballerisch vertreten und dabei gegen Mannschaften aus aller Welt antreten. Das wäre an sich schon mal phantastisch. Unser sportliches Ziel wäre das Überstehen der Vorrunde. Danach ist alles möglich, sagen die doch immer.» Widersprechen kann man dem nicht.
Das Einzugsgebiet der FA Raetia richtet sich nach den historischen Grenzen Alt Fry Rätiens, das im 15. Jahrhundert aus den drei Rätischen Bünden Gotteshausbund, Grauer Bund und Zehngerichtebund entstanden ist. Als Geburtsstunde Raetiens als eigenständiges und unabhängiges Gebiet wird meist die Schlacht an der Calven genannt. Es war am 14. Mai 1499, als die tapferen Mannen um Benedikt Fontana sich einem zahlenmässig doppelt so starken habsburgischen Heer entgegenstellten und durch die Zerschlagung der fremden Streitmacht ihre Freiheit verteidigten. In den Mailänderkriegen gelang dem Freistaat Raetien 1512 gar die Eroberung von Bormio, dem Veltlin und der Grafschaft Cleven (Chiavenna). Diese Untertanengebiete gingen 1797 nach dem Einfall Napoleons in Raetien verloren und wurden den Cisalpinischen Republiken zugeschlagen. Das verbliebene Kerngebiet wurde 1799 als Kanton Raetien in die Helvetische Republik eingegliedert. Ab 1803 hiess der Kanton offiziell Graubünden. Was den Bündnern aus der Geschichte geblieben ist, ist die Liebe zur Freiheit und Unabhängigkeit.