Kunst für die Strasse
Worte Adrian Witschi
Zu Beginn ging es bei Streetart vor allem um die Rückeroberung des öffentlichen Raums. Mit den Jahren wurde die Kunstform auch von grossen Firmen entdeckt. Ihre oft sehr lukrativen Angebote stellen die Streetart-Künstler vor eine heikle Wahl.

Am Anfang standen ein Name und drei Ziffern: TAKI 183. Und noch etwas früher, ungefähr 1968, JULIO 204. Diese beiden Kürzel zierten Ende der Sechziger- und Anfang der Siebzigerjahre zahlreiche Wände in New York. Wer hinter den Signaturkürzeln, den sogenannten Tags, steckte, wusste damals niemand. Heute ist bekannt, dass TAKI 183 mit richtigem Namen Demetrius heisst. Mittlerweile ist er 58 Jahre alt und führt in der Stadt Yonkers im US-Bundesstaat New York einen kleinen Laden, in dem er Autoersatzteile verkauft und alte amerikanische Wagen restauriert. Als er im Juli 2011 von einem Fotografen der New York Times dabei fotografiert wurde, wie er ein Buch mit dem Titel «The History of American Graffiti» signierte, lächelte er etwas ratlos und verlegen in die Kamera. Dass er am Anfang einer Kunstform stand, die heutzutage gemeinhin unter dem Begriff Streetart bekannt ist, scheint er immer noch nicht ganz zu begreifen.
Der Versuch einer Definition
Doch was ist Streetart überhaupt? Vereinfacht gesagt, ist es die Weiterentwicklung von Graffiti. Arbeitsort ist ebenfalls der öffentliche Raum – in den meisten Fällen die Stadt – und die Arbeiten werden ohne gesetzliche Erlaubnis ausgeführt. Formal unterscheiden sich Streetart-Werke von herkömmlichen Graffiti vor allem dadurch, dass sie in der Regel nicht aus kunstvoll verzierten Buchstaben, sondern aus Figuren, Zeichen und Symbolen bestehen. Ein berühmtes Beispiel hierfür sind die aufständischen, kleinen Ratten der britischen Ikone Banksy, die auf den Wänden quer durch London ihr Unwesen treiben. Das Arbeiten mit Figuren und Zeichen anstelle von Buchstaben hat zur Folge, dass Streetart-Werke einem breiteren Publikum zugänglich sind als Graffitis. Während die kryptischen Schriftzüge eines Graffito für Aussenstehende oft nur schwer zu entschlüsseln sind, sind Streetart-Werke einfacher zugänglich und lassen Interpretationsraum. Jeder versteht Banksys Ratten, weil sie nicht dekodiert werden müssen. Sie sind direkter und emotionaler.
Die Miteinbeziehung des räumlichen Kontextes spielt ebenfalls eine wichtige Rolle. «Streetart wird für mich dann besonders spannend, wenn ein Werk in einem Kontext funktioniert», meint Rémi Jaccard, Kunsthistoriker an der Universität Zürich und Verfasser einer Dissertation mit dem Titel «Urban Art Surveillance». Was Jaccard meint, kann anhand von Banksys Ratten illustriert werden. Sie sind fast nie an einer beliebigen Wand zu finden, sondern agieren meistens in einer bestimmten Umgebungssituation. Einmal klettern sie an einem Schild mit der Aufschrift «Warning. Anti-Climb Paint» hoch, ein andermal versuchen sie, einen alten Safe zu knacken, der als Sperrmüll auf einem Bordstein entsorgt wurde. Streetart-Künstler kommunizieren mit der Stadt und ihren Bewohnern und antworten in künstlerischer Weise auf Dinge, die ihnen im Alltag begegnen. Die Gestalt dieser Antworten variiert je nach Situation und Künstler. Plakate und Kleber sind ebenso beliebte Ausdrucksmittel wie Schablonen-Sprayereien, farbige Kacheln oder aufwändig produzierte Skulpturen.
Kritik an Machtverhältnissen
Streetart ist oft lustig und cool, doch dahinter steckt mehr als nur das Verlangen, zu unterhalten oder sich als Künstler auf der Strasse einen Namen zu machen. Streetart ist genuin politisch. Jedes Mal, wenn ein Künstler im öffentlichen Raum ein illegales Kunstwerk anbringt, hinterfragt er implizit die bestehenden Machtverhältnisse. Es geht immer um die Frage: Wer hat die Macht über den öffentlichen Raum? Kritisiert wird dabei der Umstand, dass eben genau diese Macht alleine bei Architekten, Städteplanern und Verwaltern liegt. Sie bestimmen, wie der Stadtraum auszusehen hat. Streetart-Künstler stehen dieser Gegebenheit kämpferisch gegenüber. Nicht selten sind ihre Werke daher geprägt von einer kriegerischen Bildrhetorik. Panzer, Kampfhubschrauber und Handgranaten sind äusserst beliebte Motive.
Dass Streetart aber auch ganz konkret politisch sein kann, zeigt ein Beispiel des russischen Künstlerkollektivs Voina. Im Juni 2010 malten sie in einer Blitzaktion einen 65 Meter grossen Penis auf eine Zugbrücke in St.Petersburg. Als sich etwas später ein Schiff der Brücke näherte und diese sich folglich teilte und öffnete, ragte der Penis in die Höhe. Besonders brisant an der ganzen Sache: Die Brücke befindet sich unmittelbar neben dem Hauptgebäude des russischen Geheimdienstes. Der «erigierte Penis» zeigte somit direkt auf das Gebäude. Eine weitere Praxis, die die politische Seite von Strassenkunst verdeutlicht, ist das sogenannte Visual Kidnapping. Ein Beispiel dafür lieferte der französische Künstler Zeus, als er 2002 das Model einer riesigen Lavazza-Plakatwerbung ausschnitt und über das so entstandene Loch mit roter Farbe «Visual Kidnapping – Pay Now!» sprühte. Die Plakatwerbung ist seit jeher ein traditionelles Feindbild von Streetart-Aktivisten. Sie vereinnahmt den öffentlichen Raum, ohne dass je irgendjemand gefragt wurde, ob er diese Werbung sehen möchte.
«Jede Werbung im öffentlichen Raum, die dir keine Wahl lässt, ob du sie sehen willst oder nicht, gehört dir. Fühl dich frei, sie zu nehmen, sie neu zu arrangieren, sie zu recyclen. Du kannst mit ihr machen, was du willst. Um Erlaubnis zu fragen ist etwa so, wie wenn man jemanden darum bittet, den Stein, den er einem gerade an den Kopf geworfen hat, behalten zu dürfen», fasst Banksy seine Einstellung in seinem 2004 erschienenen Buch «Cut it Out» zusammen.
Umso mehr erstaunt die Tatsache, dass mittlerweile zahlreiche Streetartisten mit grossen Firmen zusammenarbeiten und so zu deren Werbeträger werden. Der Automobilhersteller Volvo beispielsweise hat im Februar 2011 unter dem Titel «Volvo Art Sessions» renommierte Exponenten der Szene nach Zürich eingeladen und sie gebeten, das neue Modell, den S60, zu verzieren. Das ganze wurde als öffentlicher Grossanlass im Hauptbahnhof aufgezogen. Auch Nokia sponsert schon seit einer ganzen Weile Streetart-Veranstaltungen. Puma wiederum liess in London Schablonen mit seinem Firmenlogo anfertigen und verteilen. Bald darauf waren die Wände in ganz London übersät mit kleinen Pumas.
Kein Werbehandbuch
Solche Kollaborationen polarisieren die Szene. Diejenigen, die mit grossen Konzernen zusammenarbeiten, begründen dies meist mit dem Umstand, dass sie dadurch finanzielle Unabhängigkeit erreichen würden und sich so ein Leben von der Kunst ermöglichen könnten. Dennoch machen längst nicht alle mit. So habe Banksy anscheinend schon mehrere Angebote – unter anderem vom Sportartikelhersteller Nike – abgelehnt. Diese Haltung hat er auch im Umschlag seines zweiten Buches «Existencilism» deutlich gemacht. «Das ist kein Handbuch für eine verdammte Werbefirma», steht dort geschrieben.
Dafür arbeitet Banksy mit Exponenten des klassischen Kunstmarktes zusammen, der eigentlich aufgrund seiner elitären Haltung ebenfalls ein Feinbild der Szene ist. Sotheby’s hat schon mehrere «Banksys» versteigert, einer davon für 100 000 Pfund. Auch Angelina Jolie und Brad Pitt kauften sich 2006 drei Werke des geheimnisvollen Briten – für 400 000 Dollar. Aber Banksy malt immer noch in den Strassen und macht seine Kunst weiterhin jedem zugänglich. Auf den Bildern für die Galerien sind meist Motive, die er vorher bereits im öffentlichen Raum platziert hatte.














