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Worte Cyril Schicker
So entfernt Westafrika ist, so viel Unbekanntes geht damit einher. Wahre und tiefe Einblicke sind da herzlich willkommen. Ein Top-Model und ein Schmuckdesigner – jeweils von Weltformat – machen es möglich …
Afrika ist je länger je mehr in aller Munde und mit dieser Entwicklung schiessen (selbsternannte) Kenner, Spezialisten und Experten wie Pilze aus dem Boden. Doch wie wir alle wissen, sind gewisse Pilze ungeniessbar. An denen wollen wir uns nicht versuchen, lieber strecken wir die Fühler direkt nach Westafrika aus. Vor Ort werden wahre Gegebenheiten erfühlt. Ja, selbst «die Brücke zum Himmel» wird emporgestiegen.
Die Kardinalsfrage, was denn konkret anders sei als in der industrialisierten Welt, vorweg. Dji Dieng, internationales Top-Model mit den längsten Beinen der Welt, bringt es auf den Punkt: «Die soziale Ausprägung ist in Afrika sehr viel stärker als etwa in Europa. Hier lebt die gesamte Familie zusammen, von der Grossmutter bis zum Kleinkind.» Ergänzend meint die Senegalesin: «Das ist eine der fest verankerten Traditionen, jeder hilft jedem – und das von Herzen.» Der erfolgreiche Schmuckdesigner Mickael Kra zur selben Frage: «Zugleich mit dem ersten Schritt, den du auf afrikanischem Boden machst, spürst du die Andersartigkeit des Kontinenten.»
Mickael, in Lausanne aufgewachsen, aber längst schon zu seinem Vater an die Elfenbeinküste ausgewandert, führt in blumiger Manier weiter aus: «Man kriegt die Kraft der Natur unweigerlich zu spüren. Es ist eine völlig andere Luft, es sind andere Farben und die vielen Geräusche, die dich förmlich umarmen. Dazu kommt die Luftfeuchtigkeit und die Herzlichkeit der Leute.» Eine wahre Antwortkaskade, eine durchaus angenehme, prasselt auf einen nieder: «Abidjan, Hauptstadt der Elfenbeinküste, gilt als sehr modern. Viele kommen mit der Modernisierung aber nicht wirklich klar. Zwei unterschiedliche Kulturen krachen da zusammen, was immer wieder zu seltsamen Begegnungen führt. Es ist zum Beispiel keine Seltenheit, dass in der urbanen Hypermoderne plötzlich eine Rinderherde auftaucht.»
Beide reisen oft und haben denn auch viele schöne Erdflecken gesehen und genossen. Was genau machen und fühlen sie, wenn sie in Mama Afrikas Schoss zurückkehren? Einhellig trägt das sympathische Duo den Familiengedanken auf Händen, erwähnt dabei die Wärme der Menschen, den respektvollen Umgang miteinander, die Gelassenheit, überdies die zuweilen arge Hitze. Selbst Einheimische leiden also unter der starken Sonne. Entsprechend stünden sie relativ früh auf, denn aller Fürsprachen zum Trotz haben sie wie auch ihr Umfeld einen geordneten Tages-ablauf, den es zu bestreiten gilt. Unterteilt werde der Tag allerdings nicht. Es ist so gesehen immer Morgen respektive (Nach-)Mittag respektive Abend respektive Nacht.
Dieng dazu: «Die Zeit ist nicht wirklich essenziell, wichtig sind insbesondere die Beziehungen, das Miteinander.» Mickael komplettiert: «Die meisten Afrikaner machen und nehmen nur das Notwendige. Energieerhaltung und Genusssicherung heisst, ganz allgemein gehalten, unser Lifestyle.» Er keck: «Der Westen hat die Uhr, wir haben die Zeit!» An dieser Stelle kristallisiert sich die Frage nach der Freizeitgestaltung wie von selber heraus. Und als hätten sie das beide gespürt: «Freizeit bedeutet beieinander sitzen, sich unterhalten, an den Strand gehen, einfach zusammen sein», so Dji. Mickael weiter: «Mit dem Boot ins Meer hinausfahren, fischen, zelten, durch den Regenwald streifen oder einfach auch nur den weisssandigen Stränden entlanglaufen.»
Da sich das alles schon fast märchenhaft anhört, ist die Zeit wohl reif für das Thema Klischee. Sind die Tage in Afrika nicht eher darauf ausgerichtet, das eigene Überleben zu sichern? Wie fühlt man sich denn, dauernd gefangen zu sein unter einer «Glocke des Sinistren»? Mickael erwidert: «Afrika muss oft herhalten als Kontinent der Kriege, Korruption, Gewalt und Krankheiten. Klar, das gibt es, Gier und das Streben nach Macht ebenfalls, doch Afrika ist vielmehr Sinnbild für Rhythmus, Freude, Lachen und Magie. Selbst die ärmeren Leute sind stolz, Afrikaner zu sein und teilen gerne.»
Ein anderer Stereotyp fördert sich mit der Frage nach speziellen Vorlieben oder Riten in Bezug auf Ess- und Trinkgewohnheiten geradezu selber ans Tageslicht. Des Top-Models Antwort ist der Grund: «Ich koche sehr gerne und auch sehr gut.» Hm, eine der extravagantesten Laufstegkostbarkeiten schwingt gut und gerne die Kochkelle? Da will man mehr wissen, was kitzelt den afrikanischen Gaumen? Sie dazu: «Riz au poisson, so heisst das auf Französisch, meiner Muttersprache. Ebenso lecker ist Yassa d’Agneau.» Den Hungrigen, Wissensdurstigen und Hobbyköchen sei hier ein grosser Teil der Zutaten- und Beilagenschwemme verraten: Kohl, Reis, Tomaten, Karotten, Zwiebeln, Lorbeeren, Pfeffer, Nussöl – und Fisch sowie Lamm versteht sich wohl von selbst.
Doch nicht nur Dji kocht gerne, auch Mickael: «Westafrikanisches Essen ist sehr nahrhaft und geschmacksintensiv. Die damit verbundene Vielfalt liebe ich, das Kochen sowieso. Ingwer-Bier schmeckt eigentlich zu jedem Gericht köstlich.» So weit so gut. Was ist in (West-)Afrika sonst noch populär ausser Essen, Kochen, Strandgenüsse und Diskussionsrunden? Der Schmuck-Virtuose dazu: «Fussball, Fussball, Fussball. Daneben sind Theater und Tanz beliebt, aber eigentlich Kunst generell. Kunst ist fester Bestandteil der afrikanischen Gesellschaft.» Als die naivste aller Fragen präsentiert sich diejenige nach Feierlichkeiten, Ferien und Freitagen. Dji übernimmt das Wort: «Gearbeitet wird, wenn man es sich nicht anders leisten kann, von Montag bis Samstag. Und ja, selbstverständlich gibt es bei uns auch Ferien, am wichtigsten sind die freien Tage im Dezember. Die Kinder haben am meisten Ferien in der Hitzezeit zwischen Juli und September.»
Was meint Mickael dazu? «Weihnachten, Ostern und muslimische Feierlichkeiten gibt es bei uns wie bei euch. Dabei stürzen wir uns förmlich in Schale und geben uns auch Stammesritualen hin.» Apropos, wie steht es um Voodoo oder besser gesagt (schwarze) Magie? Er erwidert: «Afrika ist ein Kontinent des Zaubers. Die Magie schwebt in der Luft, das Mystische begleitet uns alle. Das liebe ich und lasse es oft in meine Kollektionen einfliessen.» Die zwar sehr grosse, aber doch auch sehr zierliche Dji ist weniger Feuer und Flamme: «Magie spielt sicher eine gewisse Rolle in Afrika, manchmal ist die Rolle sogar äusserst zentral. Es gibt ‹wichtige› Marabous, einige unter ihnen gelten als heilig. Ich für meinen Teil glaube weder daran noch praktiziere ich sie.» Sie zudem: «Die eigentliche Magie ist für mich in der Natur selber, in den Pflanzen, Kräutern, im Menschen.»
Nun gut, der magische Moment soll genutzt sein respektive soll voller Elan die «Brücke zum Himmel» (damit sind übrigens Kinder gemeint) emporgestiegen werden. Was erwarten Erwachsene von ihren Sprösslingen, was ist des Kindes Aufgabe nebst Erwachsenwerden? «Ich hätte es nicht besser ausdrücken können, Kinder sind fürwahr die Zukunft unseres Planeten. Doch so sehr sie auch unsere Zukunft sind, so schwierig ist das Thema.» Djis Ausführung steigert die Wissbegier: «Wir wissen alle, dass Armut in Afrika stark präsent ist. Auch wenn hier nur die wenigsten wirklich offen darüber reden. Die Kinder tragen immer dazu bei, das Überleben einer ganzen Familie zu sichern. Wie gesagt, es ist hier wunderschön, aber die Kleinsten müssen schon ganz früh in eine Rolle schlüpfen, die Geld einbringt und die nicht wirklich gesund ist für die persönliche Entwicklung.»
Konkret meint Dji Arbeiten wie das Sammeln von zuweilen giftigem Abfall, PET- und Plastikflaschen sowie den Verkauf von Nüssen, Früchten et cetera. Mickaels Antwort kommt gemischt-positiv(-er) daher: «Bei uns gehen heutzutage fast alle Mädchen und Jungen zur Schule. Schwieriger wird es mit den jungen Erwachsenen, ihnen bleibt eine höhere Ausbildung meist vermehrt, denn es gibt nur wenige Universitäten.» Der Bildungsmangel ist über den Kontinent hinweg betrachtet erschreckend. Er ist wie ein Zahnrad, das in ein weiteres Zahnrad – die vielmals maroden Regierungsapparate – greift. Und so läuft die Maschine in Form der sonst schon grassierenden Armut einfach weiter und weiter und weiter. Soziale Unruhen sind vorprogrammiert, sie gehören ohnehin schon zu den heisseren Gefahrenherden, sieht doch auch ein Afrikaner seine Erwartungen gerne erfüllt. Korruptionen, Seilschaften und Konsorten helfen da kaum.
Dji nimmt die Regierungen in den Schutz: «Ja, die Situation ist nicht selten unerträglich. Doch so einfach haben sie es nicht. Afrikaner wollen laufend mehr Geld, bessere Schulen, bessere Berufe, mehr Ferientage – und das innert Kürze. Sie orientieren sich diesbezüglich gerne an Europa, vergessen aber dabei, dass alles seine Zeit braucht. Der europäische Wohlstand, nun gut, einige Staaten stehen heute arg in der Bredouille, ist auch nicht über Nacht gekommen.» In Senegal sei die politische Situation ohnehin weniger dramatisch und seit mehreren Jahren stabil. Davon und generell von einem weniger einschnürenden Restriktionskorsett profitieren auch ausländische (Direkt-)Investoren.
Dji will niemandem Sand in die Augen streuen, sieht denn auch in der Moderne noch viel Nachholbedarf: «Da müssen enorme Aufgaben angegangen und bewältigt werden. Dies in Kooperation, nicht in ausbeutender Art und Weise, mit erfahrenen Globalunternehmen aus aller Herren Länder. Ich bin überzeugt, Afrika kann ganz weit oben ausschwingen, doch wir brauchen Zeit.» Mickaels Worte für die derzeitige Situation in seiner Heimat sind wenig frohlockend: «Die Elfenbeinküste galt lange Zeit als westafrikanisches Wunder. Als unser ‹Vater der Nation›, der erste Präsident Félix Houphouët-Boigny, starb, brach ein schlimmer Bürgerkrieg vom Zaun, der das Land jahrelang ausser Gefecht setzte. Und so versuche ich – wenn auch in ganz kleinem Stil – der Elfenbeinküste etwas Gutes zu tun, indem ich Traditionelles in meine Schmuckstücke einfliessen lasse und es dadurch quasi positiv in die Welt hinaustrage.»
Aufbauendes hat nicht nur die Côte d’Ivoire nötig. Der Kontinent, über einen Kamm geschert, benötigt weiterhin Kreatives, Fruchtbares, Kontinuierliches, Bejahendes, Fortschrittliches. Dji und Mickael gehen mit gutem Beispiel voran, sie präsentieren der Welt das schöne Gesicht Afrikas, nicht aber ohne auf einzelne Missstände hinzuweisen. Und schliesslich, so Dji und Mickael gleichgesinnt, sei Afrika die Geburtstätte der Menschheit, Kultur, Mode und Musik. Auch wir müssen ihr Sorge tragen …