Gutmensch und Künstler – Ted Scapa
Worte Cyril Schicker
Von Schicksalsschlägen lässt sich Ted Scapa nicht drangsalieren. Sie spornen ihn viel mehr dazu an, sein breit abgestecktes Tätigkeitsfeld noch stärker umzupflügen. Viel Zeit für Karitatives bleibt da eigentlich kaum, doch er findet sie.

Er studierte graphische Kunst an der Königlichen Kunstakademie in Den Haag. Er ist Ehemann. Er ist (Gross-)Vater. Er ist gebürtiger Holländer. Er wohnt in einem schmucken Schloss in der Romandie, das ein irre-kirres Panoptikum an Kunstobjekten beherbergt. Er ist dieses Jahr acht Mal zehn Jahre alt geworden. Er ist weltgewandt. Er ist Philanthrop. Er leitete drei jahrzehntelang einen Verlag inklusive dazugehöriger Druckerei. Er moderierte die Kindersendung «Spielhaus». Er karikierte für das (einstige) Satirenschmankerl «Nebelspalter». Er ist mehrfach preisgekrönt. Er nennt Niki de Saint Phalle, Jean Tinguely, Marc Chagall, Alberto Giacometti und Jörg Immendorf seine Bekannten. Er ist zuweilen vom Leben gebeutelt. Er ist Ted Scapa.
Ted Scapa gebeutelt? Ja, das kunstaffine Perpetuum mobile hat es nicht immer leicht, so leichtfüssig seine biografischen Schritte auch daherkommen mögen. «Es sind vor allem der Tod meines Schwiegersohnes und meiner Tochter, die mir fest zu schaffen machen. Vom Erkranken meiner Frau ganz zu schweigen.» Ted Scapa wäre aber nicht Ted Scapa, würde er sich nun einigeln und dem Selbstmitleid hingeben. Im Gegenteil, der grossgewachsene Sympathikus mit seinem wohlklingenden, holländisch angehauchten Schweizerdeutsch leidet zwar darunter, schöpft aber aus diesen Schicksalsschlägen gleichzeitig Kraft.
Zeichnen als Universalsprache
Letztere fielen ihm schon in jungen Jahren anheim, als er – noch in Amsterdam lebend – die Nazizeit hautnah miterlebte. Vor diesem sinistren Hintergrund verwundert es nicht, dass er sich förmlich mit Arbeit eindeckt. Doch selbstverständlich zeichnen nicht nur Schicksalsschläge für seinen omnipräsenten Antrieb verantwortlich. Es ist gerade sein Talent, sein Können, sein Geschick, gepaart mit unbändiger Lust, der Welt Gutes zu tun.
Diesbezüglich seien die von ihm geleiteten Workshops zu erwähnen. «Ich zeichnete mit Kindern im Iran, in China, in Russland, in den USA, im Emmental. Es zeigt sich immer wieder, dass Zeichnen eine Universalsprache ist. Sie ist für Menschen unter zwölf Jahre gleich. Kinder haben so viel Talent, so viel Kreativität in sich, das ist unglaublich», erklärt Scapa.
Er konkreter: «Für alles gibt es einen Coach, doch in Bezug auf Kreativität respektive deren Förderung wird Coaching sträflich vernachlässigt. Mit den Workshops versuche ich, diese ‹kindliche Begabung› beim Menschen zu reaktivieren.» Ted Scapa ist sich natürlich bewusst, den Menschen nicht verändern zu können, doch das Herauskitzeln der Kreativität liege ihm am Herzen, dies kriege er denn auch hin, unabhängig davon, was für Leute es seien.
Gerade eben hielt der Schlossbesitzer einen Workshop für Neurologen. Im September reise er, eingeladen von Swatch-CEO Nick Hayek, nach Shanghai, um dort sein Wissen weiterzugeben. So sehr Ted Scapa auch in der Welt herumtingelt, die Schweiz ist ihm wohlgesinnt.
Karikatives und Sportliches
Sommers stellt er beispielsweise im Suvretta Haus in St. Moritz aus und führt zu Berg gleich noch Workshops durch. «Im Berner Westside leitest du bald einen weiteren Workshop», wirft Tessa Scapa, seine kurz anwesende, ebenfalls herzliche Tochter ein. Ihr Vater ergänzt: «Weiters ist mit Sprüngli etwas geplant. Dann einiges mit älteren Leuten, mit jüngeren überdies zum Thema Recycling.» Mit Jungspunden arbeitet der Junggebliebene seit rund zwölf Jahren – und ja, jedes einzelne Wort, das über seine Lippen kommt, sprüht förmlich vor Enthusiasmus. Seine Begeisterung treibt ihn oft weg von Workshops hin zu andersartigen, mitunter karikativen Tätigkeiten.
So etwa designt der einst an Krebs erkrankte (und schliesslich als Sieger hervorgehende) für die Schweizer Krebsliga Stofftiere. Zeitlebens setzt er sich ausserdem für diverse Kinderhilfsorganisationen ein, für Pro Juventute entwarf er einst gar Postmarkensujets. Und selbst mit Unicef kollaboriert Scapa.
Mit Swatch arbeitet der Altruist ebenfalls schon lange zusammen. Lange hält auch seine Liebe Büchern gegenüber an. «Elefantasie» und «me sött» heissen zwei letzten von ihm verfassten Werke. Eines, das sein spannungsgeladenes Leben bis 2000 spiegelt, hat bereits den Markt beglückt, die Fortsetzung (2000 bis 2011) werde geformt, 2012 wohl finalisiert. Lesenswert wird es sicher sein und jedweder Typus kann davon lernen. Der freischaffende Künstler führt hierbei Sportler, namentlich die dahinsiechende Schweizer Fussballnationalmannschaft, ins Feld. «An allen Fronten fehlen dort Innovationen. Weshalb scheitert unsere Nationalelf immer wieder?»
Habgier und Machtdrang
Ja, weshalb? Scapas Erklärung: «Die Sturheit, in Trainings herumzuspringen, ist schon prima, doch ich habe noch nie gehört, dass man mit künstlerischen Mitteln versucht, schöpferisches Können herauszukristallisieren.» Fussballverbandspräsident Peter Gilliéron täte gut daran, Scapas Hinweise ernst zu nehmen. Das doppelbürgerische Unikum ist eigentlich keine Sportlernatur, dafür aber naturverbunden – und schockiert unter anderem darüber, dass immer mehr Landschaften lieblos verbaut werden. Unweit seines idyllischen Refugiums weist er auf Lieblosigkeiten hin, und zu einer im Entstehen begriffenen Alterssiedlung meint der «Morgenmensch», solche Bauten seien allesamt unheilvolle Tristessen.
Seine Augen beginnen aber wieder zu leuchten bei der (Kardinals-)Frage, was Unternehmer von Künstlern, et vice versa, lernen können. «Ersterer vom Zweiten sicher das Einbringen von Kreativität, sowie den Fakt, dass man über Innovationen und ursprüngliche Begabungen Aufmerksamkeiten fördert. Firmen tut es überdies gut, Künstler in die eigenen Reihen aufzunehmen. Letztere könnten etwa Betriebsphilosophien oder -missionen, visualisieren. Das hilft schon enorm, vermitteln doch Bilder oft viel besser als Worte», so Scapa fast schon ob dem letzten Satz sich entschuldigend.
«Evident ist auch eine Feedbackkultur, Lob beispielsweise wird selten ausgesprochen. Künstler können handumkehrt von Entrepreneuren lernen, mehr geerdet zu sein, positive Kontrollmechanismen einzuführen und dass Erfolg nicht garantiert ist.» Gewisse Parallelen sieht er bei Habgier und Machtgefühl, ebenso sieht er Parallelen, übrigens, seines Interviewers zu Vincent van Gogh.
Ob der Interviewer ihm bei der nächsten Gelegenheit wieder ein offenes Ohr leiht, will angesichts dessen gut überlegt sein.
















