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Worte Cyril Schicker
Ein Sprichwort unbekannter Provenienz besagt, dass die Aussenseite eines Menschen das Titelblatt des Innern sei. Bekannter dagegen ist nicht der folgende Sinnspruch, dafür aber der verantwortliche Autor – William Shakespeare: «Die Seele des Menschen sitzt in seinen Kleidern.» In eine ähnliche Kerbe haut Hermann Heiberg, deutscher Romancier des späten 19. Jahrhunderts: «Wessen Kleidung nicht in Ordnung ist, dessen Charakter ist es auch nicht.» Das Thema Kleidung scheint der Welt nicht egal zu sein, was kaum verwunderlich ist, denn Feigenblätter als Textilersatz, das war einmal.
Der – zugegeben – humoristisch untermauerte Gedanke, dass Eva das Feigenblatt nur deshalb gegessen habe, weil sie endlich richtige Kleider tragen wollte, verdeutlicht dies. Verständlich eigentlich. Der einstige Polarforscher und Friedensnobelpreisträger aus Norwegen, Fridtjof Nansen, konnte sich der Kleiderthematik ebenfalls nicht entziehen und gab einige Aphorismen zum Besten. Einer davon liest sich so: «Wir brauchen Mut, um die alten Kleider wegzuwerfen, die ihre besten Tage hinter sich haben.» Das macht durchaus Sinn, allerdings gibt es gewisse Marken, auf die solche Worte nur bedingt zutreffen. Eine davon kommt aus England, heisst John Smedley und besteht seit nunmehr 225 Jahren.
Wer einmal das zumeist klassische, aber stets exklusive und anschmiegsame Garn an seiner Haut gespürt hat, der merkt schnell einmal, dass es fürwahr Mut braucht, so etwas zu einem späteren Zeitpunkt wegzuwerfen. Allerdings wird auch rasch offensichtlich, dass John-Smedley-Kleider zeitlos sind und unter anderem deshalb nie die besten Jahre hinter sich bringen können. Jedes Jahr ist aufs Neue wieder das Beste. Doch was genau macht das Traditionshaus derart eigen – im positiven Sinne – und erlesen? Ein Grund dafür ist sicherlich der Umstand, dass das familiäre Handwerk jeweils von Generation zu Generation übertragen wird. Erfahrung, die über mehr als zwei Dezennien hinweg aufgebaut wie auch weitergegeben wird schlägt sich nun einmal in der Qualität nieder.
Selbstverständlich ist das Haus John Smedley damit nicht das Einzige, gehört mit diesem Traditionsbewusstsein aber dennoch zu einer Minderheit. Kommt hinzu, dass die Produktionsstätten allesamt noch immer in England, genauer gesagt in Derbyshire liegen. Nörgler, Neider oder Skeptiker könnten diesbezüglich anfügen, dass John Smedley der Moderne hinterherhinke, verstaubt daherkomme und all die Vorzüge der Globalisierung verpasse. Der Befürworter kann jedoch ausdrucksstark kontern und etwa die Treue zum (Industrie-)Standort und damit die Stärkung der Umgebung oder Heimat entgegenhalten. Cristine Puntigam-Illi von Amerey Fashion Company, der Schweizer Vertretung, dazu: «John Smedley ist traditionell, gewiss, doch wird das Jahr 2009 gelebt und die Kollektion auf den heutigen Markt und derzeitige Trends abgeglichen.» Auch wenn es vom monetären Gesichtspunkt aus sinnig sein kann, die Produktion ins kosteneffizientere Ausland auszulagern, so gingen doch etliche Arbeitsplätze und als Folge viel Know-how verloren.
Und dass eine Marke stark vom Umfeld geprägt wird, lässt sich nicht von der Hand weisen. Der sogenannte «community spirit» kommt jedem Kleidungsstück aus der John-Smedley- Kollektion auf verschiedene Art und Weise zugute. Aber auch die Vertreter aus allen Herren Länder fühlen sich eng mit dem Traditionsunternehmen verbunden: «Die Zusammenarbeit ist nur positiv. Die Energie an den jeweiligen Sales-Meetings kann ich nur als bereichernd bezeichnen – es herrscht so etwas wie ein familiäres Gefühl. Es treffen sich jeweils alle Agenten, egal woher sie gerade kommen. Sie alle nehmen die Reise nach Derbyshire in Kauf und dies ist nicht bei jedem Label eine Selbstverständlichkeit», so Puntigam-Illi. Andersartig ist ausserdem die Feinheit des Baumwollgarns respektive der Merino-Wolle. Hierbei kommt der seltene 30-Gauge-Feinstrick ins Spiel.
Mit 30 Nadeln pro Inch ist dies das feinste Strickverfahren überhaupt. Es wird durch stete Kontrolle abgerundet. Nur ganz wenige beherrschen es oder anders ausgedrückt: Dank John Smedley besteht das «feinstrickliche» Können auch heute noch. Die Baumwoll-Textilfasern spezieller Herkunft, grösstenteils aus Sea Island (die Merino-Wolle stammt aus Neuseeland), sind mit einer Stapellänge von bis zu 50 Millimetern überdurchschnittlich lang und werden in originärer Kunstfertigkeit weiterverarbeitet. Der Anteil dieser preisintensiven «Baumwoll-Sträucher» an der gesamtglobalen Produktionsmenge liegt gerade mal bei 0,0004 Prozent. Begründet ist die Knappheit hauptsächlich mit den Klimabedingungen. Denn damit die Sträucher besonders lange Samenhaare bilden können, brauchen sie ein bestimmtes Klima. Der hohe Preis lohnt sich alleweil, erinnert diese Baumwolle durch ihren weichen und seidigen Griff doch stark an Kaschmir.
John-Smedley-Produkte von früher unterscheiden sich von der Beschaffenheit und von der Exklusivität her nicht merklich von den heutigen. Das spricht für sich, das ist ein Qualitätsmerkmal. Es passt ganz gut ins Bild, dass «der Brite» keinerlei öffentliche Werbung macht. Die Produkte selber beziehungsweise die Mund-zu-Mund-Propaganda seien Marketinginstrument genug. Doch welcher Typ Mensch, es gibt eine Männer-, Frauen- und Kinderkollektion sowie diverse Accessoires, verwöhnt sich und seinen Körper – weniger das Portemonnaie – mit John-Smedley-Kleidern? Puntigam-Illi, deren Elternhaus seit jeher mit John Smedley geschäftlich verbunden ist, über den John- Smedley-Typus: «Jede Person eignet sich, die es sich zur Voraussetzung gemacht hat, ein qualitatives Top-Produkt zu kaufen und klassisch- modisch zu sein.
Puntigam-Illi weiter: «Qualität hat ihren Preis, das trifft speziell auch auf Smedley zu. Ein Durchschnittsartikel kostet zwischen 198 und 298 Franken. Es bestehen zudem Cashmere-Produkte, diese sind im Preis höher. Einmal getragen möchte man diesen Komfort nicht mehr missen.» Wer mit John Smedley liebäugelt, dem sei VMC (Jeans & Sportswear), ein wahres Bijou in der Zürcher Altstadt, wärmstens empfohlen. Warum aber hat VMC denn gerade Smedley im Sortiment – und das seit Jahrzehnten? «Jedes Stück ist einfach ein Klassiker, äusserst strapazierfähig, qualitativ überzeugend, und selbst die Wollprodukte lassen sich in der Waschmaschine waschen», fürspricht Simona Bruni, die schon lange bei VMC an vorderster Kundenfront wirkt. Inhaber und Geschäftsführer Roger Hatt nickt strahlend und fügt an: «Smedley zieht eine wunderbare Zuverlässigkeit nach sich. Diese kleidertechnischen Kostbarkeiten bestechen wirklich in jeder Hinsicht.» Hätte das Eva nur gewusst …