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Worte Dirk Boll
Die internationalen Kunstmärkte beispielsweise verwöhnen zurzeit viele Verkäufer von Kunstwerken mit historischen Rekordpreisen. Dies freut auch Galerien und Auktionshäuser und nicht zuletzt die Medien, zuweilen sogar die Künstler.
Trotzdem ist auch dieser Bereich nicht frei von Retrospektiven. Zunächst im direkten Sinne des Wortes: Die Retrospektive des Schaffens eines Künstlers kann das Interesse an seinem Oeuvre und damit die Nachfrage nach seinen Werken ganz erheblich steigern. Regelmässig ist der Tod des Künstlers Anlass für eine solche Retrospektive. Durch die Berichterstattung steht der Künstler erneut im Mittelpunkt des Interesses, vielleicht erfolgt sogar eine Neubewertung des Oeuvres. In der Folge wird oft der Nachlass aufgearbeitet und ein Werkverzeichnis erstellt.
Allerdings stimmt die These, wonach erst nach dem Tod des Künstlers Höchstpreise zu erzielen sind, nicht unbedingt. Zuweilen kann man feststellen, dass Preise von Werken jener Künstler, die zu Lebzeiten hoch gelobt und entsprechend hoch bewertet wurden, nach dem Tod eher statisch verharren.
Aber auch im weiteren Sinne können Retro-Phasen im künstlerischen Schaffen interessant sein. Hier denkt man zunächst und ganz direkt an die «Appropriation Art», eine künstlerische Strategie der 70-er bis 90-er Jahre des 20. Jahrhunderts. Vertreter dieses postmodernen Ansatzes wie Sherrie Levine, Louise Lawler, Elaine Sturtevant oder Richard Prince stellten mit Plagiaten den bis dato sakrosankten Begriff des Originals in Frage. Im Bereich der künstlerischen Mittel und Techniken kann man natürlich auch die weitreichende Begeisterung für klassische Malerei der 1990er Jahre, also die Verwendung von Ölfarbe und Leinwand, als Rückbesinnung auf ältere Epochen der Kunstgeschichte und auf das Gemälde als Archetypus der Kunstgeschichte ansehen.
Zu den Märkten zurückkommend muss man zwar feststellen, dass die klassische Malerei der Leipziger Schule heute vielleicht etwas weniger gefragt ist als noch vor einer Dekade. Das mag aber auch mit einem weiteren Aspekt zu tun haben, den man als Teil einer retrospektiven Sicht auf die Welt ansehen könnte. Seit der Krise der Finanzmärkte 2007/08 ist das Kaufverhalten deutlich konservativer geworden. Der Sammler des 21. Jahrhunderts legt wieder verstärkt Wert auf kunsthistorische Bedeutung, auf die Kanonisierung des Oeuvres, aus dem er ein Werk zu kaufen beabsichtigt. Dieser Aspekt hat möglicherweise mit dem gestiegenen Bedürfnis nach Sicherheit zu tun, vielleicht aber auch mit dem Wunsch nach Kunst, die einfach nicht nach Boom aussieht, sondern nach Besinnung, Inhalt und Kontext. Dies freut auch Galerien und Auktionshäuser und nicht zuletzt die Medien. Zuweilen sogar die Künstler.