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Worte Christian Nill Bild Mischa Scherrer
Seit 18 Jahren bereichert die Walliser Musikerin Sina die Schweizer Musikszene. Zwei Platin- und sieben Goldene Alben unterstreichen ihren anhaltenden Erfolg. Ein Gespräch über Vorbilder, Älter werden und glückliche Beziehungen.
In ihrer unkonventionellen Gesprächsreihe «Ein Drink an der Bar mit…» präsentieren der Journalist Christian Nill (Agentur Storyline Zürich) und der Fotograf Mischa Scherrer spannende Köpfe aus Gesellschaft, Politik und Kultur. Nachzulesen auf Bar-Storys.ch oder hier.
Der Journalist kommt zu spät (Verkehr) und Sina sitzt bereits mit Fotograf Scherrer an der Bar und trinkt einen Verveine-Tee.
Sina_Eine kleine Magenverstimmung, nichts weiter. Vielleicht nehme ich später ein Glas Wein.
Wir sind in der Turbinenhalle. Liegt nicht gerade im Zentrum von Zürich, aber für mich ist sie ein sehr zentraler Ort: Direkt nebenan ist das Studio 571 von Thomas Fessler. Er ist seit 18 Jahren mein Produzent. In seinem Studio nehme ich meine Platten auf und das hier ist dann jeweils unsere Kantine, wo wir während drei Monaten immer zu Mittag essen.
Die machen wahnsinnig gute Desserts hier. Ich bin ja der süsse Typ. Mein Tipp: Einen kleinen Salat nehmen, das Menü auslassen und ab ans Dessertbuffet. Dann bieten sie auch guten Wein an und natürlich das selbstgebraute Bier. Das mag ich allerdings weniger.
Sagen Sie es mir.
Sina: Manchmal nach einem Konzert genehmige ich mir ein Bier mit der Band. Aber das kommt eher selten vor. Ich bin grundsätzlich nicht so ein Alkohol-Fan.
Ja, ich bin es auch gewohnt, guten Wein zu trinken, immerhin komme ich von Salgesch. Mein Bruder und ich besitzen dort einen kleinen Weinberg mit Syrah-Reben.
Genau. Die Familienmitglieder mütterlicherseits waren Weinbauern mit eigenen Kellereien. Sie produzieren ausgezeichneten Wein, da bin ich sehr stolz drauf. Ich krabbelte bereits als kleines Mädchen in den Rebbergen herum.
Ja. Gerne bei den Wimden (Ernte). Aber leider nicht, wenn ich auf Tour bin, so wie gerade jetzt. Nächstes Jahr dann wieder.
Ja, das mache ich sehr gerne. Es ist aber auch das Highlight im Jahr: Am Schluss noch die feinen Triibil (Trauben) ablesen, von denen man eh die Hälfte gleich selber isst… (lacht)
Doch, doch, Sie müssen einfach «Album, Sina» eingeben, dann landen Sie bei den entsprechenden Ranglisten.
Gut möglich. Also ich meine, dass Sie vielleicht noch nicht ganz wach waren. (lacht)
Sina und Fotograf Scherrer lachen.
Entschuldigung, das ist eine ketzerische Frage. Was heisst da «noch einmal»?
(zu Fotograf Scherrer) Er versucht auszuweichen! Ich merke schon, wie der Hase läuft. (zum Journalist) Was soll ich jetzt antworten?
Hm. Ich rechne meistens damit, dass es nicht viel schlechter läuft als vorher. Das heisst, ich hoffe viel mehr darauf. Ich kann lediglich so gute Musik machen, dass sie mich berührt. Alles Andere liegt nicht in meiner Hand.
Genau. Und das Publikum ist ehrlich. Wenn etwas nicht gefällt, dann wird es nicht gekauft. Die Leute hören kurz rein und denken, vielleicht beim nächsten Mal wieder – oder gar nicht wieder. Ich bekomme immer sehr direkte Reaktionen. Natürlich ist es für mich ein Kompliment, dass das Album direkt auf Platz eins eingestiegen ist. Interessant ist die Reaktion der Presse. Meine Vorgänger landeten auf Platz zwei, darauf wurde ich nie angesprochen.
Schwierige Frage. Sie komprimieren da mehr als 18 Jahre Musik in drei Sätzen. Aber natürlich bin ich stolz. Und ich hatte wichtige Unterstützung. Ich bin einfach die Ausführende, die, die zuvorderst auf der Bühne steht. Dahinter steht ein tolles Team: Die Plattenfirma nebenan, Thomas Fessler, der nicht nur seit 18 Jahren mein Produzent ist, sondern auch eine wichtige musikalische Bezugsperson, dann meine Managerin Benita Andres, mit der ich schon zur Schule ging. Und ein paar andere.
Ich bin froh, dass ich ab 1993 wusste, was ich nicht wollte. Ich hatte wirklich noch zehn Jahre Zeit, auszuprobieren. Das ist heute nicht mehr möglich. Bei der Schlagerproduktion habe ich bald realisiert, dass das nicht meins ist. Früher hatte man noch länger Zeit, sich auszuprobieren. Heute werden viele junge Künstler verheizt, man steckt sie in ein bestimmtes Gewand und dann müssen sie bestehen.
Ich arbeitete damals noch bei der UBS. Als ich mein Pensum reduzieren wollte, verlor ich meinen Job, denn es gab nur die Möglichkeit, 100 Prozent zu arbeiten. Also machte ich während drei, vier Jahren irgendwelche Jobs an den unmöglichsten Orten. Die Liebe zur Musik war offenbar stärker.
Das ist auch das Schöne, dass man in diesem Moment nicht so schnell aufgibt. Es gab einige Momente, wo ich mich schon hinterfragte. Aber ich war hartnäckig und der Glaube an mich selbst dann doch stärker. Und manchmal war da auch die richtige Person, die mir wieder weitergeholfen hat.
Das Wort gefällt mir nicht. Ich denke, dass man relativ viel in der Hand hat. Es ist einfach, einer höheren Macht, seien das nun Gott oder Tarotkarten, die Verantwortung zu geben. Glück gefällt mir besser in diesem Zusammenhang.
Eine glückliche Fügung. Zufall?
Nein. Ich denke, es war glückliche Fügung. Können wir uns darauf einigen? (lacht
Es gab auch zu meiner Zeit Nachwuchswettbewerbe. Ich gewann ja mit 17 so ein Nachwuchsfestival. So kam ich zu meinem damaligen Management. Mein Vater musste für mich unterschreiben, weil ich noch nicht 18 war. Aber der Druck, der heute auf den jungen Leuten lastet, ist schon sehr gross. Die bekommen eine neue Identität übergestülpt und wenns dann nicht erfolgreich ist, landen sie wieder auf der Strasse. Inzwischen gibt es sogar eigens psychologische Betreuung für Castingshow-Absolventen. Weil man weiss, dass die nach den Shows oft zwischen Stuhl und Bank landen.
Zu früh und viel Öffentlichkeit schadet der Psyche. Entweder man wird schizophren oder entwickelt eine Borderline-Persönlichkeit.
Es gibt ein paar. Zum Beispiel Bastian Baker. Ein Riesentalent aus Lausanne. Hat in Eigenregie seine erste CD produziert. Sein Song heisst Lucky und wird von oben nach unten gespielt.
Ich bin zurückhaltend mit wetten. Es liegt oft auch am Glück und daran, ob jemand überhaupt längerfristig weitermachen will. Vielleicht will er ja plötzlich Architekt werden oder so.
Lina Button, sehr talentiert. Sie ist etwa 26 Jahre alt. Oder Heidi Happy, auch ein Riesentalent. Und Grafikerin. Die macht tolle Sachen, komponiert zum Beispiel für ein Symphonieorchester. Ich mag dieses Selbstbewusstsein dieser jungen Frauen.
Das will ich dann lesen: Ich habe mich versprochen. (lacht)
Ich habe ein paar schöne Vorbilder. Bonnie Raitt, die rothaarige Countrysängerin. Sheryl Crow, auch in meinem Alter. Peaches, macht zwar ganz andere Musik, ist aber auch gut gealtert. Marianne Faithfull, auch eine meiner favorite-Sängerinnen. Und natürlich Ricky Lee Jones. Wenn du die jetzt fragen würdest, ob sie mit 45 daran dachten, auch noch in 20 Jahren Musik zu machen, würden sie antworten: that’s my job. So gehts mir auch. An den guten Tagen…
Da denke ich dann, ok, was machst du nächstes Jahr? Meistens gibt es dann Zwischenprojekte.
Zum Beispiel mein Auftritt in der Dreigroschenoper am Zürcher Schauspielhaus. Oder mit Erika Stucky Wir drehen eigene kurze Super-8-Filme, und touren damit mit unserem Tubisten durch die Länder.
Es ist ein schräges Projekt. Wir vertonen unsere eigenen kurze Filmchen, bei denen es auch um Walliser Sagen und Katholizismus geht. In Rom verliessen auch schon gläubige Italienerinnen Türen knallend das Publikum, weil in unserer Vorführung eine Bäuerin ein Poulet anstelle eines Kindes gebar. Dieses Projekt läuft ab Januar 2012 wieder. Ich habe also genug zu tun und sehe meine Zukunft normalerweise recht locker.
Nicht wahnsinnig. Ich verdiene in etwa so gut wie eine Sekretärin. Aber nicht eine, die seit 25 Jahren bei derselben Firma arbeitet… (lacht)
Doch, um meine Pensionskasse mache ich mir schon Sorgen, weil sie gerade wieder eine Unterdeckung hat. Wie viel dann zum Schluss bleibt, von dem, was ich jetzt anhamstere, weiss ich nicht.
Was dazu Sina antwort und der weitere Gesprächsverlauf mit zusätzlichen Bildern – jetzt auf Bar-Storys.ch.![]()