Ein Drink an der Bar mit Gilbert Gress
Worte Christian Nill Bild Mischa Scherrer
Gilbert Gress ist nicht nur ein legendärer Fussballer. Er gilt auch als Kult-Kommentator bei Fussballspielen. Zum Glück kann man mit ihm auch über anderes sprechen. Zum Beispiel darüber, wieso er gerne unsterblich wäre.
Wir treffen Gilbert Gress in der Hotelbar eines gesichtslosen Businesshotels. Ganz in der Nähe liegt das Schweizer Fernsehstudio. Obwohl er einen Medien-Marathon hinter sich hat, zeigt er keine Ermüdungserscheinungen. Das Gespräch, das durch Carlsberg ermöglicht wurde, hätte auch die ganze Nacht dauern können.
Christian Nill_ Herr Gress, Fotograf Scherrer und meine Wenigkeit haben kein Interesse an Fussball. Ist das schlimm für Sie?
Gilbert Gress_Niemand ist perfekt. (lacht)
Gilt das auch für Sie?
Nein! Aber Sie spielen doch Karten? Ich spiele Tarot, ein Kartenspiel. Wenn jemand mit mir spielen will, frage ich immer zuerst: Haben Sie Geld?!
Sind Sie ein Gambler?
Eigentlich nicht. Wenn es um Geld geht, dann höchstens bis 25 Franken.
Weshalb treffen wir uns hier, im Novotel am Stadtrand von Zürich? Das ist ja nicht gerade der In-place von Zürich.
Das ist sozusagen meine Kantine. Wenn ich im Fernsehen auftrete, das hier gleich um die Ecke liegt, dann übernachte ich immer hier. Ausserdem ist der Direktor Franzose.
Was trinken Sie?
Ein Carlsberg.
Da müssen wir jetzt wohl durch.
Es ist so: Wenn ich Alkohol trinke, dann immer Qualität vor Quantität. Lieber ein Glas frisches Wasser als schlechten Champagner. Carlsberg begann ich zu trinken, bevor sie auf mich zukamen und als Botschafter anfragten.
Natürlich.
Sicher! Zuhause in Strassburg trank ich immer Kronenbourg. Eines Tages kam meine Frau mit einem Carlsberg nach Hause. Ich habe es probiert, und ich muss schon sagen, pardon Kronenbourg, aber es schmeckt mir besser.
Nette Story. Haben Sie sich die zurechtgelegt, weil Sie jetzt deren Bierbotschafter sind?
Nein, ich schwöre es Ihnen, es war so.
Wenn die Bezahlung stimmt…
Die stimmt schon, da haben Sie recht. Aber Sie können meine Frau anrufen, die wird Ihnen diese Geschichte bestätigen.
Nicht nötig. Trotzdem ist es erstaunlich: Es gibt im Elsass, wo Sie herkommen, sechs Bierbrauereien, die mehr als die Hälfte des gesamten Bierkonsums in Frankreich produzieren. Und Sie entscheiden sich für eine dänische Weltbiermarke.
Ja. Als ich bei Strassburg noch Fussballprofi war, spendete Kronenbourg nach jedem gewonnen Spiel Bier für das ganze Team. Und wir gewannen fünf Jahre lang praktisch immer. Ich bin immer treu geblieben – bis vor kurzem. Rufen Sie meine Frau an, die wird Ihnen bestätigen dass Carlsberg besser ist als Kronenbourg.
Wie lautet denn die Nummer von Ihrer Frau?
Die verrate ich Ihnen nicht. Ich bin doch nicht blöd. (lacht)
Gut, jetzt haben wir genug Werbung für diese bestimmte Biermarke gemacht.
Werbung muss sein. Aber ich mache es ja freiwillig.
Wers glaubt wird selig. Wie haben Sie es eigentlich geschafft, aus Gilbert Gress eine Kultmarke zu machen?
Ich will mal bescheiden bleiben. Ich hatte schon sehr früh Erfolg. In der Bundesliga war ich 1966 der erste Franzose. Ich kam unheimlich gut an bei den Zuschauern, Fans und den Medien. Ich wurde zum Lieblingsspieler in Stuttgart gewählt, ebenso in Marseille. Aber man muss auch Intelligenz haben. Keine studierte Intelligenz, sondern emotionale Intelligenz. Als ich vor kurzem an einer Veranstaltung war, wo auch Andy Egli und Heinz Hermann auftraten, kamen die Kids nur auf mich zu und wollten Autogramme. Niemand ging auf die andern beiden zu. Die Kinder wussten gar nicht, wer das ist… Wenn man beim Fussball fünf Jahre weg ist, dann ist man vergessen. Mich kennt man natürlich vom Fernsehen.
Zum Brand Gress gehört Brille und Frisur. Günter Netzer ist auch noch ein Mann mit 70er-Jahre-Frisur.
Der ist ja jetzt in Ruhestand getreten.
Das heisst, Sie haben nun das Frisur- und das Brillen-Monopol. Beides sind eigentlich Relikte aus einer vergangenen Epoche.
Lassen Sie mich folgendes sagen: Sie sind ein alter Mann, Herr Nill! Die 13- bis 17-jährigen Jungs sagen zu mir, ich müsse unbedingt die Brille behalten. Ich kann sie nicht wechseln!
Geht es nicht auch um Nostalgie? Um eine Referenz an Ihre jungen Jahre, den Erfolg und all die schönen Momente?
Eigentlich nicht. Ich war nie modern. Ich sage Ihnen folgendes: 1966 hätte ich mit der französischen Nationalmannschaft nach England gehen können! Einzige Bedingung des Trainers: Ich sollte mir die Haare schneiden. Nur die Beatles hatten damals lange Haare. Im französischen Team trugen sie alle kurz. Aber ich ging nicht zum Friseur und daher auch nicht nach England.
Also eigentlich gehörten Sie mit Ihren langen Haaren, die an die Beatles erinnerten, zur Mode-Avantgarde, oder?
Nein, von Mode halte ich gar nichts. Es muss mir gefallen.
Stimmt es, dass Sie diese quer über den Kopf gescheitelte Frisur haben, damit man Ihre abstehenden Ohren nicht sieht?
(lacht herzlich) Es stimmt, dass ich als junger Bursche kurze Haare hatte und man meine abstehenden Ohren sehr gut sah. Einmal sagte dann die Bäckersfrau aus unserer Strasse, ich müsse beim Schlafen auf meine Arme aufpassen, damit ich die Ohren nicht noch mehr aufstelle… Oder ich solle doch ein Klebeband darüber kleben. Damals hatte ich noch keine Komplexe deswegen. Später begann ich dann, einfach die Haare wachsen zu lassen, damit die Mädchen meine Ohren nicht sahen.
Ich möchte ich nochmals nachhaken: Denken Sie mit Melancholie an die 1960er- und 70er-Jahren zurück?
Ja, klar. Der Tag wird kommen, wo niemand mehr auf mich zukommt und nach einem Autogramm fragt. Damit werde ich vielleicht ein Problem haben. Und oft habe ich heute den Eindruck, alles, was früher war, habe keine Bedeutung mehr. Dabei ist Erfahrung so wichtig! Ich unterhielt mich immer gern mit älteren Menschen, wegen derer Erfahrung. In guter Erinnerung habe ich ein Gespräch mit Sepp Herberger (legendärer deutscher Fussballtrainer, Red.). Wir unterhielten uns 1970 darüber, warum er und sein Team 1954 beim «Wunder von Bern» Weltmeister wurden. Er sagte, sie hätten sich eingehend mit dem damaligen Gegner Ungarn auseinandergesetzt. Die Ungarn hingegen, die Topfavoriten waren, hätten nur gesagt, die Deutschen seien nichts. Man kann viel lernen von älteren Menschen. Daher rede ich gern mit ihnen. Aber es werden immer weniger. Früher war nicht alles schlechter.
Die Zeiten haben sich dennoch geändert.
Ganz klar. Früher spielten Spieler zehn, 15 Jahren für denselben Verein. Heute vielleicht noch zehn, 15 Monate. Die Fans können sich nicht mehr identifizieren mit den Spielern.
Lassen Sie uns etwas allgemeiner werden. Eine der wichtigsten Aufgaben eines Trainers ist es, aus einem Haufen Individuen ein Team zu bilden. Wie bildet man ein Team?
Es beginnt schon vorher. Man muss zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Man muss die richtigen Spieler holen. Ausserdem kommt es gar nicht auf die Qualität eines Spielers an, sondern auf sein Köpfchen. Ich habe immer Intelligenz von meinen Spielern verlangt, was mir oft vorgeworfen wurde. Ich spreche von «Lebens-Intelligenz».
Was meinen Sie damit?
Wenn man einen Spieler hat, der Mist baut, dann ist das schwierig, ihn zu integrieren. Wenn man aber zwei Spieler hat, die Mist bauen, dann wird es zum Problem. Natürlich: Man braucht Persönlichkeiten. Ein Spieler muss für die Mannschaft da sein. Aber in Frankreich meint man oft, ein Spieler habe Persönlichkeit oder Charakter, bloss weil er Mist baut. Das stimmt natürlich nicht. Deshalb: Ein Spieler muss intelligent sein.
Ich hatte gehofft, Sie könnten uns einen allgemeinen Tipp geben, wie man aus widerborstigen Charakteren ein Team zusammenschweisst.
Ich muss Sie enttäuschen, das ist nicht einfach. Da steckt viel Arbeit dahinter. Manchmal auch Glück. Wichtig ist, dass man alles gut vorbereitet und die richtige Taktik wählt.
Taktik brauchts nicht nur im Fussball, sondern auch in der Politik. Die Schweiz steht zurzeit unter starkem Pressing aus dem Ausland. Wie würden Sie die Schweiz taktisch aufstellen, damit sie standhält gegen Gegner wie Deutschland, Italien oder die USA?
Vielleicht genügt es Ihnen nicht, was ich jetzt sage, aber ich sage Ihnen folgendes: Wenn ich wieder nach Hause ins Elsass komme, dann sagen die Leute zu mir, was für ein Glück ich doch habe, einen Schweizer Pass zu besitzen – und auch noch in der Schweiz zu wohnen. Die beneiden mich. Alle. Meine Freunde, und darunter hats Menschen vom Arbeiter bis zum Direktor, würden sofort in die Schweiz ziehen. Verstehen Sie, was ich sagen will?
Nein.
Sie sind doch ein intelligenter Mann! Die beneiden uns alle.
Die beneiden vielleicht das Erfolgsmodell Schweiz. Das muss man auch verteidigen, damit es nicht untergeht.
Bis das untergeht sind wir alle längst tot. Ich habe vor kurzem anlässlich des französischen Wahlkampfs diesem Mélenchon zugehört (Linksaussen-Politiker Jean-Luc Mélenchon, Red.). Das war so doof, was er über die Schweiz von sich gab! Alles nur negativ. Aber er vergass zu erwähnen, dass die Schweizer regelmässig gegen weniger Arbeitszeit oder mehr Ferien abstimmen. Sie wollen nicht weniger arbeiten. Fragen Sie mal das französische Volk, ob es lieber noch fünf Stunden weniger arbeiten möchte, also nur noch 32 Stunden pro Woche, oder ob es lieber acht Wochen Ferien hätte. Und dann wundert man sich, wenn der Staat in Schieflage gerät!
Weg vom Staat, werden wir privat. Sie haben Glück, dass Sie eine Frau haben, die Ihnen jederzeit den Rücken frei gehalten hatte und dank der Sie ungehindert Karriere machen konnten.
Ja, das stimmt.
Um Ihre Karriere nicht zu gefährden, liessen Sie sogar Ihre Kinder von deren Grosseltern aufziehen.
Stimmt.
Ist das etwas, was Sie heute bereuen?
Meine Frau bereut es. Das war nicht einfach. Ich war immer treu – zu Strassburg, zu Xamax, wo ich je 15 Jahre arbeitete. Dazwischen war ich immer viel unterwegs. Einmal in drei Ländern in sieben Monaten. Meine Kinder blieben bei meinen Schwiegereltern und waren dort glücklich. Was ist ideal für eine Familie? Ein schwedischer Fussball-Vollprofi kam mit mir nach Stuttgart. In Schweden war er Plattenleger gewesen. Nach drei Jahren wollte Stuttgart mit ihm verlängern. Aber seine Frau sprach kein Wort Deutsch, seine Tochter jedoch nur Deutsch. Die Mutter wollte mit der Tochter zurück nach Schweden, damit sie Schwedisch lerne. Mein Fussball-Kollege brach seine Karriere in Deutschland ab und ging mit seiner Familie zurück. Morgens arbeitete er als Plattenleger, nachmittags als Halbprofi bei Malmö. War er glücklich? Nein. War es seine Familie? Unsere Kinder waren glücklich bei ihren Grosseltern.
Und Ihre Frau?
Die ist immer hin und her, war oft allein zuhause, ohne Kinder. Das war schwierig für sie. Aber sie sagte immer, dass sie es bevorzugt habe, beim Mann zu sein. Wenn wir dann unsere Kinder in Strassburg besuchten, waren sie froh, uns zu sehen. Aber, das sagte meine Tochter später, sie waren auch froh, als wir jeweils wieder gingen…
Gab es nie ein böses Wort, als die Kinder erwachsen waren?
Nein. Unsere Kinder haben es akzeptiert. Aber Sie haben schon recht. Meine Frau würde es heute nicht noch einmal so machen. Sie würde die Kinder mitnehmen.
Ein grosser Preis, den Ihre Frau für Ihre Karriere bezahlt hat.
Ja, aber die Idealsituation gibt es in diesem Beruf nicht. Für meine Kinder wars ok, für meine Frau nicht. Sie mag das Familienleben. Sie sagt heute noch, vielleicht habe sie nicht alles richtig gemacht mit den Kindern. Das beschäftigt sie.
Aber Ihnen waren die schreienden Kinder eher lästig?
Ich war in meinem Beruf drin. Ich musste Erfolg haben. 23 Stunden pro Tag beschäftigte ich mich mit Fussball. Und meine Frau war alleine zuhause. Das ist so.
Macht es Sie traurig, dass das Leben endlich ist?
Ja, ich möchte gerne unsterblich sein. Ich sage Ihnen etwas: Mit 16 Jahren habe ich eine Geschichte über Unsterblichkeit im Kino gesehen. Ich dachte damals, dass in 50 oder 60 Jahren eine Spritze erfunden sein würde, die unsterblich macht. Gedanken über den Tod machte ich mir nicht. Heute bin ich 71. Und die Spritze gibt es immer noch nicht.
Darf ich Ihnen eine persönliche Frage stellen? Sind Sie religiös?
Ja.
Woran glauben Sie?
An Gott. Meine Eltern haben mich so erzogen. Als ich 14 war, spielten wir immer sonntags Fussball, nie am Samstag. Also ging ich am Sonntag von 8 Uhr bis 9 Uhr in die Kirche, danach nach Hause zum Frühstücken, danach spielten wir Fussball und nachmittags ging ich nach Strassburg, um die Profimannschaft zu sehen. Ich habe alle Spiele gesehen. Das war meine Jugend. Ich bin meinen Eltern dankbar, dass sie mich so aufgezogen haben.
Als gläubiger Christ bräuchten Sie ja eigentlich keine Pille, die unsterblich macht, oder?
(lacht) Doch! Jesus ist ja mit 33 gestorben.
Nur kurzfristig.
Dennoch bin ich schon mehr als doppelt so alt wie Jesus.
Sie vergleichen sich mit Jesus?
Meine Tochter ruft mich immer am Saint-Gilbert-Tag an. Irgendwann begann sie damit, mich auch am Saint Modest und am Saint Parfait anzurufen. Weil modest bedeutet bescheiden und parfait bedeutet perfekt. Ich habs natürlich lieber, wenn sie am Saint Parfait anruft. Aber es stimmt schon, ich bin perfekt. Und bescheiden. (lacht)
Was Gilbert Gress’ Lieblingsdinge sind (von Politik bis Frauen) sowie weiteres Wissenswertes über Gress finden Sie auf Bar-Storys.ch.

















