Ein Drink an der Bar mit einer Tantramasseurin
Bild Mischa Scherrer Nachgefragt Christian Nill
Desirée ist von Beruf Tantramasseurin. Im Gegensatz zu klassischen «Ganzkörpermassagen» wird bei der Tantramassage tatsächlich der ganze Körper im Wortsinn massiert. Was für einige unmoralisch sein mag, ist für Desirée ein Akt der Liebe. Die Grenzen sind klar gesteckt.
In ihrer unkonventionellen Gesprächsreihe «Ein Drink an der Bar mit…» präsentieren der Journalist Christian Nill (Agentur Storyline Zürich) und der Fotograf Mischa Scherrer spannende Köpfe aus Gesellschaft, Politik und Kultur. Nachzulesen auf Bar-Storys.ch oder hier.
Christian Nill_Sie möchten nicht mit Ihrem ganzen Namen genannt werden, wieso?
Desirée_Bei dem, was ich mache, muss man vorsichtig sein. Mit den ganzen Suchmaschinen heute…
Verraten Sie uns etwas über sich privat?
Ich komme aus Deutschland, habe ein Kind und bin von Beruf Tantramasseurin.
Was haben Sie ursprünglich gearbeitet?
Ich arbeitete lange im Baugeschäft meiner Eltern. Dann machte ich mich selbständig, u.a. mit einem Geschäft für Herren-Oberbekleidung. Ich konnte mir immer aussuchen, was ich machen möchte.
Vielen Dank.
Der ist lustig… (lacht)
Wer ist lustig?
Der Fotograf.
Sie zeigt auf Fotograf Scherrer, der bereits fleissig am Knipsen ist.
Er kommt allgemein recht gut an. Was finden Sie lustig?
Desirée (lacht): Er erinnert mich an meinen Onkel.
Dann wollen wir mal loslegen, damit es nicht zu familiär wird. Weshalb treffen wir uns hier in dieser Bar?
Wir sind in der Giesserei in Zürich-Öerlikon. Und zwar deshalb, weil es in der Nähe des Instituts ist, wo ich arbeite. Der Vorschlag kam allerdings von Ihnen.
Das heisst, Sie kannten es nicht. Wie gefällt es Ihnen?
Ganz nett. Hätte ich nicht vermutet in dieser Ecke.
Spricht Sie diese Art von Industrial-Chic an?
Ja. Es ist ja auch gemütlich hier.
Die hohen Industrieräume, das viele Eisen und die leicht heruntergekommenen Wände finden Sie gemütlich?
Ja, ich mag die Einfachheit.
Welche Getränke mögen Sie an einer Bar?
Ich bin eine Biertrinkerin, mag aber auch Wein und Cocktails.
Was für Cocktails?
Long Island Iced Tea.
Das ist ja ein eher heftiger Cocktail.
Desirée (lacht): Ja, allerdings.
Diese Gesprächsanfrage kam via Ihre Chefin, Lea Söhner zu Ihnen. Was dachten Sie, worum es geht?
Ein Interview über unseren Beruf, das was wir machen.
Musste Frau Söhner Sie überreden?
Nein, gar nicht.
Geben Sie gern Interviews?
Es hält sich in Grenzen.
Haben Sie Erfahrung damit?
Nein. Das ist nicht unbedingt mein Ding, mich in die Öffentlichkeit zu stellen.
Aber das ist nicht etwa Ihr erstes, jungfräuliches Interview?
Desirée (lacht): Doch…
Na dann herzlichen Dank. Sie sind Tantramasseurin. Was bedeutet Tantra für Sie?
Ich bin zwar Tantramasseurin, aber keine Tantrikerin. Was mich an der tantrischen Philosophie anspricht, ist der ganzheitliche Einbezug von Körper, Sexualität, Sinnlichkeit und Materie.
Ein wesentliches Merkmal des Tantrismus liegt in der Verbindung verschiedener Polaritäten: aktiv – passiv, männlich – weiblich.
Die männliche und die weibliche Energie entsprechen dem Yin und Yang. Mir ist es wichtig, bei einem Gast diese beiden Energien herauszukitzeln, auszugleichen und zu schauen, was gerade gebraucht wird. Es geht aber auch darum, sich mit allen Sehnsüchten anzunehmen und sie anzuerkennen.
Im Tantrismus steht die Gottheit Shiva für das männliche Prinzip, das eher passiv konnotiert ist, im Gegensatz zur weiblichen Gottheit Shakri, die für Aktivität steht.
Shiva und Shakri sind Gottheiten, die Energien verkörpern. Wenn ich von weiblicher Energie in der Tantramassage spreche, hat das für mich nichts mit Shiva und Shakri zu tun. Bei uns steht die weibliche Energie für das Empfangende, nach innen gerichtete, wohingegen die männliche nach aussen gerichtet und aktiv ist.
Was ist denn nun der Unterschied zwischen Ihrer Tantramassage und Tantrismus?
Die tantrische Lehre ist wesentlich komplexer als eine Tantramassage. Wir gehen eher in die Wellness-Richtung. Das ist ein entscheidender Unterschied.
Ist das dann kein Etikettenschwindel?
Nein gar nicht. Es ist einfach die Bezeichnung für das was wir tun. Der Begriff Tantra ist heute natürlich zwiespältig, es gibt viele Angebote auf dem Markt.
Was finden Sie zwiespältig?
Den Begriff Tantra. Es ist ein Überwort fürt eine Lehre, die nur noch wenige beherrschen und weitergeben können – im ursprünglichen Sinn.
Sie arbeiten im Dakini-Institut, das Ableger in Zürich und in Stuttgart hat. Wie läuft das ab, wenn man bei Ihnen eine Tantramassage bucht?
Man ruft an. (lacht)
Also Mann mit zwei N?
Und Frauen natürlich! Jemand ruft an und bucht eine Massage. Diese sind sehr unterschiedlich. Es gibt Tantra-, Tao- oder Hawaii-Massage. Man kann selber wählen, ob man lieber was Ruhiges oder was Energetischeres haben möchte.
Dann kommt man zu Ihnen ins Institut und wird zum Beispiel von Ihnen empfangen. Was dann?
Dann folgt das Vorgespräch. Wir möchten wissen, aus welchem Bedürfnis jemand zu uns in die Massage kommt. Die Menschen kommen aus unterschiedlichen Gründen zu uns.
Zum Beispiel?
Menschen mit Sehnsucht nach Berührung, Menschen, die vielleicht mit Ihrem Partner gerade nicht zusammenfinden in ihren Bedürfnissen oder einen Partner verloren haben – es sind ganz persönliche Themen. Ausserdem ist es für uns wichtig, die Erwartungen an eine Tantramassage zu kennen.
Bevor man massiert wird, muss man erst einmal sein Herz ausschütten?
Nein, natürlich nicht. Es liegt am Gast, zu erzählen, was er erzählen möchte. Dort holen wir ihn ab. Es kann auch einfach ein schlichtes «Hallo, wie gehts?» sein.
Und dann?
Dann gehts ab unter die Dusche.
Zusammen?
Natürlich nicht! (lacht) Auf keinen Fall. Nein: Der Gast geht alleine duschen. Da besteht die Möglichkeit, den Alltagsstress hinter sich zu lassen und anzukommen. Dann holen wir ihn ab und führen ihn in einen warmen Raum mit Musik und Kerzenlicht. Dort legt sich die Frau oder der Mann hin.
Es folgt das Ritual der Körperverehrung. Was hat es damit auf sich?
Das ist das Tantrische, in das wir uns hineinbegeben. Das heisst, wir betreten den «dienenden Raum», in dem Moment, wo wir einen Menschen berühren und seinen Körper be-ehren.
Was hat es mit dem «dienenden Raum» auf sich?
Wir be-dienen nicht, wir dienen. Und zwar bewusst für die Dauer des Momentes. Das Ritual markiert den Beginn.
Ist das ein schwieriger Prozess für Sie?
Nein, gar nicht.
Egal wer da liegt? Egal wie hübsch oder hässlich jemand ist?
Natürlich. Um auch vom spirituellen Aspekt zu sprechen: Wir nehmen jeden Menschen so an, wie er ist. Das Schöne bei uns ist ja, dass der Mensch bei uns sein darf und nichts erfüllen muss. Das kann sehr heilsam sein. Das ist unsere Professionalität.
Was Sie noch nicht erzählt haben, ist, wie Sie sich dem Gast präsentieren.
Zu Beginn tragen wir Tantramasseurinnen ein Tuch oder einen Kimono. Zum Ankommen in den Raum der gemeinsamen Zeit gibt es eine Hand- und Fussmassage. Nach ca. 30 Minuten beginnt die eigentliche Körpermassage, bei sowohl der Gast wie auch die Masseurin nackt ist.
Warum sind Sie nackt?
Es wäre doch komisch, wenn nur der eine nackt ist. Es geht um Sexualität und Sinnlichkeit. Wir geben die Erlaubnis, uns ganz wahrzunehmen und zu spüren – innerhalb der definierten Grenzen.
Wo liegen diese Grenzen?
Das kommt auf den Menschen drauf an. Hat jemand Projektionen von uns und überschreitet die Grenzen, weil es ihm nur um Äusserlichkeiten geht? Oder fast dich jemand halt einfach mal aus Lust am Bein an?
Letzteres wäre ja eher harmlos.
Ja. Das ist auch eine normale Reaktion, auch wenn ein Mann oder eine Frau ganz bei sich ist. Das kann passieren. Das kennen wir alle aus unserer Sexualität. Aber sobald wir zur Projektionsfläche werden und jemand bewusst immer wieder unsere körperliche Grenze überschreitet, uns nur als Lustobjekt behandelt, da müssen wir einschreiten und unsere «Frau» stehen. Ich kann grundsätzlich sehr viel geben, auch sehr viel körperliche Nähe. Aber es hat seine Grenzen.
Auf der Homepage des Dakini-Instituts steht: «Die schönste Form der menschlichen Kommunikation ist die Berührung.» Stimmt das so auch für Sie?
Ich finde auch die verbale Kommunikation – wenn sie funktioniert – sehr schön. (lacht) Berührungen sind aber auf jeden Fall eine wunderbare und sehr ehrliche Kommunikation.
Weshalb ehrlich?
Wenn jemand sein Herz dir gegenüber öffnet und du dich wirklich berühren lässt, kann man nichts verfälschen. Man kann jemandem alles mögliche erzählen, Worte verfälschen viel. Berührungen nicht, denn man merkt sofort, wenn jemand nicht bei der Sache ist. Es ist eine ehrliche Sprache.
Für mich gibt es einen Widerspruch bei dem, was Sie machen. Einerseits spricht man beim Dakini «vom ganzen Menschen» und von seinem Bedürfnis, berührt zu werden und zu sein. Das Bedürfnis, ebenfalls zu berühren, wird ausgeklammert. Damit ist dann doch nicht der «ganze Mensch» angesprochen.
Das sind die tantrischen Massagen. Es geht darum, zu sein und sich selber zu spüren. Das ist etwas ganz Wunderbares. Alles andere ginge in eine andere Richtung. Wir ermöglichen Männern oder Frauen einen Raum, in dem sie sich selber fühlen können. Das ist eine völlig neue Qualität für manche Menschen: Sich selber die Erlaubnis geben, sich Zeit zu nehmen und sich zu spüren. Sich hingegeben. Das können viele Menschen nicht.
Warum nicht?
Das hängt mit der zu Beginn erwähnten «männlichen Energie» zusammen, die darauf ausgerichtet ist, etwas tun zu wollen. Bei uns gehts ums Gegenteil: Nichts tun zu wollen, einfach zu sein und zu spüren. Das ist unsere Arbeit. Alles andere könnte ich ehrlich gesagt nicht.
Was wäre alles andere?
Wenn ich mich ebenfalls berühren lassen würde von einem Gast. Das wäre für mich nicht mehr ehrlich. Ich kann zwar jeden Menschen berühren, aber ich kann nicht mit jedem Menschen sexuell zusammenkommen. Da gehört viel mehr dazu.
Haben Männer mehr Mühe mit dieser Art der passiven Hingabe?
Desirée (lacht): Erstaunlicherweise wollen auch sehr viele Frauen einen anfassen während der Massage. Das ist eine Information, die wir uns angeeignet haben. Irgendwie verrückt. Es gibt wirklich wenig Menschen, die sich komplett hingeben können.
Können Sie es?
Ja. Konnte ich schon immer, weil ich sehr körperbeton bin. Das Glück habe ich. (lacht)
Was nehmen die Menschen, die bei Ihnen zu Besuch waren, mit nach Hause?
Ich glaube, sie kommen in dem Moment ein Stück weit bei sich an, in ihrem Innersten. So weit es halt in diesem Moment geht.
Gibt es viele Männer, die Ihr Angebot falsch verstehen, und mehr wollen?
Ganz selten. Aber es ist ja etwas ganz natürliches, dafür verurteile ich niemanden. Man begibt sich in eine mehrstündige Massage, wo man sich zu erkennen gibt. Und wo man Sinnlichkeit und sexuelle Energie erlebt. Eine wunderschöne Erfahrung.
Aber Geschlechtsverkehr findet nicht statt?
Nein, um Gottes Willen!
Von aussen gesehen besteht bei einem Institut wie dem Dakini die Gefahr, als Bordell wahrgenommen zu werden. Kennen Sie dieses Problem?
Ja natürlich, klar.
Wie gehen Sie damit um?
Wenn wir Frauen vom Institut gemeinsam unsere Themen besprechen, ist es einfach. Aber wenn sich jede Frau für sich in ihrem Alltag bewegt, kann es schwierig sein.
Wenn einen die Familienangehörigen mit heiklen Fragen löchern?
Auch die Familienangehörigen, ja. Das ist bei mir glücklicherweise nicht der Fall, da ich aus einem sehr offenen Elternhaus stamme. Aber ich kenne das Problem von meiner Tochter her. Als ich anderen Eltern einmal erzählt habe, dass ich Tantramassagen gebe, durfte sie kurz darauf nicht mehr mit den anderen Kindern spielen. Es ist auch nicht einfach, einen Mann kennenzulernen, der diese Offenheit hat und akzeptiert, was ich mache. Und dass ich es mit Liebe mache.
Bei Ihnen können auch Paare gemeinsam eine Tantramassage buchen. Wie präsent ist da das Thema Eifersucht?
Schwierig für uns wird es, wenn beispielsweise der Mann davon gehört hat und sich davon etwas Bestimmtes erträumt. Oder wenn die Frau eine Massage bucht und der Partner nichts davon weiss und damit überrascht werden soll.
Kommt es da auch zu Krisen?
Was dazu Desirée antwort und der weitere Gesprächsverlauf mit zusätzlichen Bildern – jetzt auf Bar-Storys.ch.![]()
















