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Worte Christian Nill Bild Mischa Scherrer
Matthias Horx gehört zu den bekanntesten Zukunftsforschern. Er ist jedoch kein Untergangsprophet. Mit seinen Zukunftsannahmen, die er zuletzt in seinem Buch «Das Megatrend-Prinzip»* beschrieb, setzt er einen Kontrapunkt zu latent vorhandenen Zukunftsängsten. Ein Gespräch über Hysterie, Gourmet-Sex und Computer-Games.
In ihrer unkonventionellen Gesprächsreihe «Ein Drink an der Bar mit…» präsentieren der Journalist Christian Nill (Agentur Storyline Zürich) und der Fotograf Mischa Scherrer spannende Köpfe aus Gesellschaft, Politik und Kultur. Nachzulesen auf Bar-Storys.ch oder hier.
Wir treffen Matthias Horx an der Bar im Hotel Ramada Plaza am Basler Messeplatz. Er kommt eben von einem Podium zum Thema Stadtplanung der Zukunft. Es ist Mittag. Horx bestellt ein Mineralwasser und einen Teller Pasta.
Matthias Horx_Ich bin eher Weintrinker und würde jetzt wahrscheinlich einen Chardonnay oder einen Schweizer Weisswein trinken. Ich trinke aber erst ab 19 Uhr Alkohol.
Dieses Gebäude ist moderne, funktionale Architektur mit smart-schickem Design. Sehr urban und gleichzeitig schon ziemlich shabby. Dieser Hoteltyp hat sich in den letzten Jahren explosionsartig ausgebreitet. Ich habe heute hier übernachtet. Schöne Sicht über die Stadt, aber man kann die Fenster nicht öffnen. Das macht mich wahnsinnig! (lacht)
Die Schweiz trägt zur globalen Entwicklung bei – und profitiert davon auf manchmal nicht ganz gerechte Weise. Nicht alle Geldvorräte aus andern Ländern, die in der Schweiz geparkt sind, stammen von Demokraten. Da ist es richtig zu sagen, dass man in einer globalen Welt auch eine Verantwortung für das Ganze hat. Dazu gehört auch eine gewisse Offenheit nach Aussen. Zuwanderung ist normal, man muss sie moderieren. Ausserdem tut Zuwanderung einer Gemeinschaft auch gut; sie verhindert, dass nicht alles erstarrt.
Ist es wirklich so entscheidend, ob das Feuchtbiotop vor der eigenen Tür noch ganz so gross ist wie früher? Wenn man aus der Orbit-Perspektive auf die Welt schaut, verkleinern sich unsere Probleme doch etwas. Das Mittelland ist gegenüber manchen Regionen auf der Erde noch sehr grün und gemütlich. Ausserdem kann man mit cleverer Architektur durchaus auch mehr Menschen behausen, ohne Natur zu verbrauchen. Wir können «intelligent zusammenrücken».
Mir fehlt ehrlich gesagt die Kompetenz, um über das Schweizer Mittelland zu reden. Aber grundsätzlich finde ich Diskussionen problematisch, in denen gefordert wird, es soll alles so bleiben wie es ist. Oder so werden wie früher. Das klappt nie.
Die Welt wandelt sich, das ist gewissermassen die Geschäftsgrundlage unserer Existenz. Diese alarmistischen Diskussionen, dass gleich morgen die Welt untergehe, und dass jede Veränderung schlecht ist, sind manchmal schwer zu ertragen. Als Zukunfts- und Trendforscher setzte man sich ja von früh bis spät mit Trendentwicklungen auseinander. Und macht immer wieder die Erfahrung, dass diese entweder über- oder unterschätzt werden. In den Medien wird meistens haushoch übertrieben und Angst geschürt. Und Angst führt meistens in die Irre.
Die Überwindung der Angst durch Mut. Wenn sich Angst verselbstständigt, wird sie Treiber für Barbarei. Und die Verhältnisse haben sich verändert: Wir wurden vor 500’000 Jahren in der Savanne geprägt. Da war nackte Angst manchmal überlebensnotwendig, unsere Vorfahren waren in einem permanenten Zustand des Alarms, wir sind gewissermassen die Nachfahren der Nervösen. In einer modernen Gesellschaft, in der wir so sicher wie nie leben, ist die ständige Erregung jedoch eher kontraproduktiv. Hier bringen kollektive Ängste die Gefahr mit sich, epidemisch übersteigert zu werden. Wir stecken uns, über die Medien, gewissermassen mit Ängsten selbst an. Dann werden Ängste leicht zur Hysterie. Und Hysterie ist das hochgefährlich psychologische Element, das eine Gesellschaft zum Kippen bringen kann. Denken Sie nur an die Maya.
Diese Hochkultur und ihr Niedergang ist ein Paradebeispiel dafür, wie sich eine Gesellschaft durch Hysterie selbst zerstören kann. Die Maya-Kultur kannte noch nicht einmal das Rad und lebte in einem von Naturkatastrophen geprägten Gebiet mit Erdbeben, Trockenheit und Hurrikanen. Statt Innovationen anzustreben, verrannte man sich in immer bizarrere symbolische Übersteigerungen, entwickelte Rituale, bei denen die Priester den Leuten das Herz herausrissen – um die Naturkräfte zu beschwören. Eine typische Angstkultur entstand, die sich quasi von innen heraus selbst zerlegte.
Das Beispiel zeigt, wie empfindlich Hochkulturen für Wahnideen sein können. Hitlerdeutschland ist ein weiteres Beispiel. Aber auch Nordkorea. Gesellschaften gehen nicht an ihren Problemen oder Krisen unter, sondern an den falschen «Mind Sets», mit diesen Problemen umzugehen.
Ja, klar. Viele davon sind intim, die werde ich nicht erzählen. Aber ich glaube, es gibt auch konstante menschliche Ängste wie Verlustangst, Versagensangst, all die sozialen Ängste, die wahrscheinlich unvermeidlich sind. Wir alle haben Angst vor dem Sterben. Zivilisation und Kultur sind jedoch Versuche, die Ängste zu zähmen und zu kompensieren. Kirchen, Kathedralen oder Paläste, Kunst, Theater und Moral sind nichts anderes, als die Kompensationen von Todes- und Hilflosigkeitsängsten. Durch die Angst entsteht eben immer auch Grosses – wenn wir uns von ihr nicht kleinkriegen lassen und sie stattdessen kreativ und innovativ kompensieren.
Ja, das ist wahr. Zukunft ist ein mentales, gesellschaftliches Konstrukt. Sie ist eine Projektion, die zuallererst in unserem Kopf stattfindet, nicht in der Wirklichkeit.
Um echte «Voraussagen» geht es nur in den seltensten Fällen. Zunächst einmal machen Menschen ja dauernd Zukunftsanalysen, ob sie es wissen oder nicht. Wenn wir uns in jemand verlieben, eine Firma gründen, ein Haus kaufen oder einfach nur über die Strasse gehen – immer handeln wir aufgrund von bestimmten Zukunftsannahmen. Echte Zukunftsforscher professionalisieren diese Prozesse mit systemischen Methoden, mit Mathematik, aufwendigen Datensystemen, Systemtheorie und vielen anderen Tricks.
Im wesentlichen geht es um das Verständnis von Systemen – in Gesellschaft, Politik, Wirtschaft, Psychologie. Man muss verstehen, was Komplexität ausmacht, wie ein System «gebaut» ist, wie komplex, chaotisch, berechenbar und robust es ist. Dann kann man über die wahrscheinlichen Verläufe von Prozessen eine Menge Aussagen machen. Nicht zu verwechseln mit der Vorhersage von Events.
Ein Event ist z.B. ein Herzinfarkt, oder eine Naturkatastrophe, oder ein Unfall. Ich kann die Wahrscheinlichkeit berechnen, dass Sie in einer bestimmten Zeitspanne einen Herzinfarkt bekommen und zwar mittels systemischer Medizin. Aber ich kann nicht voraussagen, wann er genau eintreten wird. Ich kann die Wahrscheinlichkeit eines Erdbebens in einem bestimmten Gebiet berechnen, aber nicht, wann es wo genau stattfinden wird. Man muss zwischen Prognosen, Vorhersagen, Voraussagen, Utopien, Visionen oder Prophezeiungen unterscheiden. Das sind allesamt kommunikative Systeme, und man muss genau wissen, worüber man spricht. Es gibt konditionale und absolute Voraussagen, und es gibt systemische und adaptive Prognosen. Klingt alles etwas verwirrend, lässt sich aber leider nicht ändern. Wissenschaftliche Zukunftsforschung ist ziemlich komplex.
Letztendlich geht es um einen Spiegelungsakt auf der Basis von höherem Systemwissen: Unsere Kunden stellen uns Fragen, und unsere Aufgabe ist es, mittels Spiegelung das Bewusstsein der Fragenden zu erhöhen und sie dadurch zu besseren Entscheidungen und Innovationen zu bringen. So hat es im Grunde auch schon das Orakel von Delphi gemacht. Oft treten Firmen allerdings gar nicht mit Zukunftsfragen, sondern mit Marketingfragen an uns heran, und das müssen wir dann korrigieren.
Dann heisst es: Herr Horx, Sie sind doch Trendforscher, sagen Sie uns mal einen Trend, mit dem wir unser Produkt, das sich so schlecht verkauft, besser verkaufen können! In diesem Falle verweise ich jeweils an die nächste Werbeagentur. (lacht) Das ist weder unser Job noch hat es mit Zukunftsforschung etwas zu tun. Wir würden immer fragen: Was lässt sich über die Bedürfnisse von Menschen sagen? Wie verändert sich das? Wir könnte eine Firma bessere Produkte und Dienstleistungen entwickeln, die dann keinen «Trend» brauchen, sondern selber ein Trend sind.
Wahrscheinlichkeiten berechnen, Bewusstsein schaffen und Denkräume in die Zukunft eröffnen. Festgefahrene Vorstellungen irritieren. Im Grunde betreiben wir eine Art «Störungskunst». Wir versuchen, die Klischees über die Zukunft, die jede Organisation und jedes Individuum im Kopf hat, zu irritieren. Auf diese Weise entsteht «Zukunfts-Fitness» in einer Welt, die zwar nicht bis ins Kleinste voraussagbar, aber doch in manchen grossen Entwicklungen vorhersehbar ist.
Man muss beides antizipieren, den Bruch und die Kontinuität. Dazu brauchen wir ein Weltbild, das die Geschichte nicht linear interpretiert, sondern dynamisch. Es gibt gewisse «tipping points» in der Geschichte, die man aber vorausahnen kann. Wir müssen uns auch von der Idee der technischen Transzendenz verabschieden, die oft mit dem Bild der Zukunft verbunden ist.
Die Annahme, dass Technik jedes gesellschaftliche Problem lösen wird und wir irgendwann als unsterbliche Wesen in virtuellen Tanks herumschwimmen werden. Für mich als Systemforscher ist es schwierig, den Leuten klarzumachen, dass beispielsweise in 50 Jahren 80 Prozent der Dinge, mit denen wir uns heute beschäftigen, noch die gleichen sein werden wie jetzt. Wir werden noch immer Beziehungsprobleme haben, Kinder in die Welt setzen, Bauchweh und manchmal Krebs haben, uns über mangelnde Werte und mangelnde Bildung aufregen. Auch die Technik wird nicht so utopisch sein, wie man es auf den Bildern sieht. Es werden immer noch Strassenbahnen fahren. Vielleicht vollautomatisch, aber das ist nur eine Gradualität. Die Idee, dass Zukunft radikal anders ist als die Gegenwart, ist eine liebgewordene Vorstellung, die aber wenig mit den wirklichen Entwicklungen zu tun hat.
Zukunft verläuft asynchron. Es gibt Regionen auf diesem Planeten, wo Veränderungen manchmal schneller stattfinden als anderswo – momentan ist das Asien. Und es gibt Beharrungskräfte, die besonders die «alten Zivilisationen» prägen. Und es gibt Megatrends- die beide Zeit-Achsen verbinden.
Wenn man diese «grossen Wandlungskräfte», die wir Megatrends nennen, kennt, hat man eine ganz gute Landkarte für die Zukunft. Um nur drei zu nennen: Individualisierung, Feminisierung und Alterung. Das sind die Achsensysteme, an denen sich gesellschaftliche Spielregeln und Verhältnisse verändern. Wir werden immer älter – und gleichzeitig jünger, weil sich die Lebensphasen verschieben; Frauen spielen heute eine ganz andere Rolle in der Gesellschaft und verändern auch das Wertesystem. Und den enormen Zuwachs an Individualisierung erkennt man schon an der Zunahme von Toleranz. Als Schwuler kann man heute heiraten und sich als Paar auch auf offiziellen Anlässen zeigen. Das ist ein Wertewandel, dessen Bedeutung man gar nicht hoch genug einschätzen kann.
Was Matthias Horx zum Rentensystem der Schweiz und über Gourmet-Sex erzählt sowie weitere wissenswerte Dinge und Links finden Sie auf Bar-Storys.ch.