Die Ich-Moderne
Worte Cyril Schicker
Währenddem das Füllfeder-Ich gemächlich herumliegt und zart berührt wird, muss die Ich-Moderne omnipräsent sein. Unabhängig von Kulturdifferenzen und Klimakapriolen muss sie jedwedes Bedürfnis befriedigen. Eine Antwort auf den offenen Füllfeder-Brief.
Hy Tintenherberge!
Vorab möchte ich mich für deine Offenheit bedanken. Dein Brief hat mich aber nicht wirklich gerührt, habe ich doch sowieso nie Zeit – und vor allem auch nicht die Fähigkeit, mich jedwedem Seelenzustand hinzugeben. Das ist allerdings auch ok. Denn seit meiner Geburt ist es nämlich so, dass jeder irgendwo auf der Welt irgendetwas von mir will. Stelle dir mal vor, wie das wäre, wenn mein Seelenhaussegen bei jedem Wimpernschlag schief wäre …
Dass ich diese Weltbürde überhaupt schultern und überall zu jedem Zeitpunkt sein kann, dafür sorgen meine virtuellen Siebenmeilenstiefel, ausserdem vermag ich es, im Stil eines Inspector Gadget, Arme und Beine teleskopgleich auszufahren. Ihm gleich kann ich ausserdem meine virtuellen Finger als Werkzeuge gebrauchen, ähnliches kriege ich mit Beinen, Ohren, Handgelenken und Schuhsolen hin. Anders wäre mein Herkules-Dasein gar nicht möglich.
Aber was erzähle ich dir da überhaupt. Ich kann mir doch gar nicht vorstellen, dass du dich nur schon im Entferntesten damit auskennst. Was ich wohl damit ausdrücken will, ist der Fakt, dass ich überall auf der Welt, und das ununterbrochen, gebraucht werde. Verschiedene Zeitzonen und Klimaverhältnisse interessieren niemanden, nicht mal einen Deut. Es kommt erschwerend dazu, dass Menschen jeden Alters Anspruch auf mich haben. Ich muss dauernd irgendwelche Brücken schlagen, sowohl auf Makro- wie auch auf Mikroebene. Apropos Mikro, zwischendurch wünsche ich mir ein genüssliches Dasein, wie du es pflegst.
Ich meine, was gibt es schöneres, als ein bisschen herumzuflegeln, nur um dann zwischendurch ach wie sanft berührt zu werden? Oft wirst du zudem mit Samt ausgestattet und schlummerst in einem Edelholzumfeld vor dich hin. Hättest du einen Mund, würden dir sicherlich Weintrauben zu Munde geführt. Sei also froh, wird von dir nicht verlangt, zum Welteroberungsfeldzug beitragen zu müssen. Ein Graus das mitunter sein kann, aber schliesslich bekommt doch jeder, was er verdient. Dein Formenreichtum ist, ganz nebenbei bemerkt, rührend, mir aber gleichzeitig total egal. Und die von dir ins Feld geführten Stakeholder sind bei mir so unterschiedlich wie zahlreich. Bei dieser Anzahl kann einem schnell schwindelig werden. Na, dir nicht, du lungerst ja eh den ganzen Tag herum.
Kennst du den – leicht abgewandelten – Spruch «So wie man sich bettet, so liegt man»? Führ dir diesen doch vor deine nicht vorhandenen Augen und schreibe dir hinter die nicht vorhandenen Ohren: Ich habe keine Lust, mich nur ansatzweise rechtfertigen zu müssen. Immerhin bin ich für alle da, also auch für dich, immerhin bin ich wohl das Wichtigste überhaupt. Übrigens, du redest davon, dass wir doch gemeinsam über Papier tänzeln und zusammensitzen könnten. Das ist ja romantisch und nett, aber denkst du wirklich, dass, wenn ich schon Welt(-all) umarmend unterwegs bin, ich dann Energie oder Lust dazu finde, mit dir zu tänzeln. Ne! Such dir da jemanden anderen. Ein «Pelikan» läuft dir sicher dann und wann einmal über den Weg.
Und jetzt muss ich Schluss machen, habe nämlich keine Tinte mehr. HA, du merkst, ich bin endlos, währenddem du …


















