Promis im Charity-Wahn
Worte Cyril Schicker
Charity liegt bei Promis im Trend. Zumindest scheint es so, schreien sie doch fast alle ihre Wohltätigkeiten in die Welt hinaus. Es ist jedoch schwer zu erkennen, wo Nächstenliebe aufhört und wo Imagepflege beginnt.

Es spielt keine Rolle, ob man wie Mickey Rourke, Rosario Dawson, Helena-Bonham Carter oder Daryl Hannah aus der Schauspielereiecke kommt. Es ist egal, ob man wie Greatful Dead, Pink Floyd, Pearl Jam, Foo Fighters oder Erikah Badu dem Musikindustriekokon entschlüpft ist. Unerheblich ist es, ob man wie Andre Agassi, David Beckham, Hulk Hogan, Michael Jordan oder Jenson Button mit der Sportwelt verknüpft ist. Es ist einerlei, ob man wie Damien Rice, Ai Weiwei, Gottfried Helnwein oder Damien Hirst der Kunstfamilie angehörig ist. Es ist …
… ja, was ist es? Nun, man könnte dieses Spiel ad absurdum führen, doch führt das zu nichts respektive immer in eine ähnliche Richtung: Charity. Schauspielerin Helena Bonham Carter beispielsweise unterstützt, zuweilen gemeinsam mit ihrem Ehemann, Regisseur Tim Burton, «Children of Peace» (für das Miteinander von Kindern aus Israel und Palästina), «Oxfam» (gegen Armut), «Action Duchenne» (für Betroffene des Dystrophin-Gendefekts). Die die Musikwelt erobernden Foo Fighters etwa unterstützen «Keep a Breast» (gegen Brustkrebs), «LIFEbeat» (HIV-/AIDS-Aufklärung in Afrika) und «HeadCount» (Stichwort Demokratie).
Freudigkeit kontra Geilheit
Das einstige Sport-As Michael Jordan, ein weiteres Exempel, unterstützt «CharitaBulls» (Sozialprogramm für Chicagos Jugend), «Make-A-Wish Foundation» (für Kinder mit lebensbedrohender Krankheit). Kunststar Damien Hirst wiederum unterstützt unter anderem «ARK» (Entfaltung von Kindern), «Dorset Wildlife Trust» (Wildtierhabitate), «RED» (für HIV/AIDS-Betroffene in Afrika) sowie «Lance Armstrong Foundation» (Krebs).
Jede einzelne dieser Wohltätigkeitsorganisationen, von denen es eine schier unerschöpfliche Anzahl gibt, kann auf viele weitere Celebrities zählen. Sowohl von der Menge an Berühmtheiten als auch von der Menge an Geldern ist das Ausmass an Gigantomanie nicht zu überbieten.
Fiskus und Egopolitur
Alleine schon deshalb kann und darf man nicht pauschal sagen, deren Spendenfreudigkeit führe zu nichts. Dies selbst dann nicht, wenn sich diese Art von Freudigkeit zu einer Art von Geilheit wandelt. Es soll jedoch die Frage aufgeworfen werden, weshalb sich – mitteilungsbedürftige – Prominente derart fest in Charity-Aktionen verbeissen. Ist es ein philanthropischer Hunger? Oder nur gieriges Zähnefletschen aus Imagegründen? Oder von beidem etwas?
Dr. Mark Benecke, Kriminalbiologe und weltweit bekannter Forensiker, der nebenbei als Referent, Dozent, Autor sowie Musiker auftritt, ist kritisch: «Ich bin überzeugt davon, dass in ganz vielen Fällen entweder Fiskusüberlegungen hineinspielen oder damit Egopolitur betrieben wird.»
Er weiter: «Das Streben nach Macht ist ein weiterer gewichtiger Grund.» Seine Frau Lydia Benecke, sie studierte Psychologie, Psychopathologie und Forensik, komplettiert: «Als Quasihelfer in der Not heimsen Berühmtheiten viel Lob ein, und von dem damit verbundenen Positivansehen leben sie ja. Wer keine Charity-Aktionen verfolgt oder diese unter den Teppich kehrt, wird rasch als Geizhals mit schlechten Eigenschaften abgestempelt. Menschen wollen in einer gerechten Welt leben. Fast alle haben – unterschiedlich stark ausgeprägt – die Neigung, im Prinzip zu glauben, dass ‹man im Leben bekommt, was man verdient›.»
Vom Rettungsschirm zur Imagepflege
Ihr (wohlklingender) Wortschwall reisst nicht ab: «Der Grund dafür ist, dass wir uns alle sonst ständig den Kopf darüber zerbrächen, wie schlimm die Welt ist. Es bedeutet aber auch, dass wir uns wohlfühlen, wenn wir anderen, die aus unserer Sicht unschuldig in Not geraten sind, helfen. Wir glauben dann, dass diesen Menschen gegenüber die Gerechtigkeit wieder hergestellt würde. Das fühlt sich ungemein gut an.»
Mit Fokus auf Celebrities führt sie an: «Berühmtheiten gewinnen durch Wohltätigkeiten viel, namentlich gutes Ansehen, hohe Aufmerksamkeit, und sie können sich überdies selbst auf die Schulter klopfen, als scheinbar grosszügige Helden in einer ungerechten Welt. Ihr empfundener Verlust dabei ist gering, ihr Helfen wie angetönt selten selbstlos.»
Lydia Benecke hält wenig von Vorwürfen: «Das macht aber auch nichts, weil wir alle mehr oder minder nach diesen Regeln handeln. Es ist völlig in Ordnung, solange es den Bedürftigen hilft. Erreicht die Charity-Aktion wirklich jene, die sie erreichen soll, spielt es doch eine untergeordnete Rolle, aus welchen Motiven heraus die Aktion selber resultiert.»
Unangenehmer Nebengeschmack
Prof. Dr. Christian Fichter, Sozial- und Wirtschaftspsychologe an der Kalaidos Fachhochschule, sieht das ebenfalls gelassen: «Indem sie es in die Welt hinausschreien, hat ihre Spendenfreudigkeit einen unangenehmen Nebengeschmack. Nächstenliebe und Imagepflege lassen sich im Falle von Promis nicht immer sauber trennen. Das ist aber in Ordnung so.»
Leicht stossend wird es, wenn sich Berühmtheiten zu weit aus dem Fenster lehnen und dabei nur nicht aufs Gesicht fallen, weil sie ihre wohltätigen Aktionen als leibeigenen Rettungsschirm missbrauchen. Der Normalbürger, bei dem der betroffene Celebrity eigentlich in Missgunst geraten ist, vergisst kurzerhand seine aufgekeimte Antipathie und kriecht dabei einer halbseidenen Imagepflege auf den Leim. Klar, lieber auf den Leim kriechen als Leim schnüffeln.
Doch warum lassen wir uns immer wieder derart einfach und berechnend einlullen? «Wir alle verlangen nach Vorbildfiguren, die uns quasi den Weg weisen. Oft orientieren wir uns dabei an Berühmtheiten, denn diese wirken kompetent. Vielmals täuscht der Schein. Wir glauben, dass, wer berühmt ist, auch viel weiss und kann», erklärt Christian Fichter.
Viel und grosser Mist
«Das Hirn schaltet oft aus, sobald es sich um Hierarchien oder eben um Berühmtheiten handelt. Selbst Affen tauschen ihren geliebten Kirschsaft, die ‹Knast-Währung› der Labor-Affen, gegen Fotos von hierarchisch höher gestellten Affen. Mehr muss man dazu nicht wissen», so Tierfreund Dr. Mark Benecke, der unter anderem auch Psychologie studierte.
Seine Frau knüpft an: «Ich will ergänzen, dass Menschen ihre erstgebildete Meinung nicht mehr so schnell ablegen. Alle weiteren Informationen, auch wenn sie negativ behaftet sind, ordnet das Hirn angelehnt an die ursprüngliche Meinung ein. Weil Prominente sich sehr oft sehr nett in Szene setzen, werden sie auch sehr oft als sehr nett abgespeichert. Sie müssten denn auch viel und ganz grossen Mist bauen, um den Ruf nachhaltig zu ruinieren.»
Wenn wir schon von grossem Mist sprechen: Grossen Mist baute wohl schon (fast) jedermann, auch wenn diese(-r) lediglich mit einem Tropfen Berühmtheit durchtränkt ist. Die Familiennamenszwillinge Robbie und Robin Williams mit ihren suchtschwangeren Drogen-Eskapaden, US-Entertainer David Letterman mit ausserehelichen Sex-Eskapaden, «Onkel Charlie» Sheen mit Sucht- und Sex-Eskapaden sowie rassistischen Verbalentgleisungen sind diesbezüglich natürlich die grossen Namen.
Selbstredend sind das nur wenige von unendlich vielen Taktlosigkeiten, wobei einige schlimmer, andere wiederum belangloser daherkommen. Dessen ungeachtet wäre es interessant zu wissen, weshalb der Normalbürger dazu neigt, den verehrten Prominenten Fehltritte, die man bei Freunden nicht akzeptieren würde, mir nichts, dir nichts zu vergeben.
Nichts weniger als den Weltfrieden
Und selbst wenn die Vergebung jeweils noch ein bisschen auf sich warten lässt, so neigen wir oder besser gesagt sie zu andersartigen Paradoxien: Sänger Robbie Williams etwa ist trotz seinen ach, wie sinistren Ausschweifungen mit scheinbarer Todesnähe UNICEF-Botschafter. Oder die an der Grenze zum Wahn seiltanzende Filmgrösse Charlie Sheen (Platoon, Wall Street), die nicht nur ein Herz für Kinder hat (Lili Claire Foundation), sondern auch dabei ist etwas Eigenes zum Wohle der Bedürftigen aufzuziehen.
Nicht minder bizarr mutet das spirituelle Abheben des Kultregisseurs David Lynch an, dessen Liebkind nun die Transzendentale Meditation (TM) ist. Mithilfe dieser sektiererischen Religionsgemeinschaft, einige unter ihnen können scheinbar fliegen, sucht er inneren Einklang und, jawohl, Weltfrieden.
Support, etwa um TM als offizielles Schulfach einzuführen oder um auf dem Berliner Teufelsberg die «Universität der Unbesiegbarkeit» zu errichten, kriegt er dabei von «Grössen» wie Mia Farrow, Clint Eastwood, Paul McCartney und Russel Simmons. «Viele denken, dass der Erfolgreiche, der Berühmte auch in anderen Belangen gut Bescheid weiss. Dies führt zum Irrglauben, dass einer, der etwas gut kann, gleich alles andere ebenfalls gut beherrscht», so die männliche Benecke-Hälfte.
Die weibliche Benecke-Hälfte: «Menschen, denen viele gute Eigenschaften zugeschrieben werden und die sich auch so darstellen, werden oft als Vorbilder herangezogen. Ein Vorbild, das angeblich eine einfache Lösung hat, damit alles gut wird, ist wesentlich kuscheliger, als wenn ihnen einer erklärt, dass die Welt komplex sei und man nicht einfach alles in ‹gut und böse› aufteilen könne.»
Reziproker Altruismus
Gutartigkeit hin, Boshaftigkeit her, was macht Philanthropie derart anfällig für Missbrauch? Mark Beneckes Erklärung: «Dass sie so hoch angesehen ist. Selbst jemand, der Blut gegen Geld spendet, wird die Tendenz haben, seine gute Tat hervorzuheben und nicht den Fakt, dass er dafür bezahlt worden ist. Man holt sich das Beste aus zwei Welten, Anerkennung von anderen sowie die Überzeugung, tatsächlich Gutes getan zu haben.»
Lydia Beneckes Antwort: «Speziell zur Glitzerwelt, wo Schönes auf Reiches und Reiches auf Berühmtes sowie Erfolgreiches trifft, möchte auch der Normalbürger einen Zutritt haben. Wenn ich derselben Organisation spende wie Star X, dann sind wir quasi in einem Club, Star X und mich verbindet etwas.»
Weniger Pflicht, mehr Selbstentfaltung
Der philanthropisch angehauchte Mensch, ob berühmt oder nicht, handelt also oft aus Eigeninteressen. Damit pulverisiert er die Voraussetzung oder, besser gesagt, die Definition des «reziproken Altruismus’». Im eigentlichen Sinne redet man von reziprokem Altruismus, wenn sich einer für den anderen einsetzt, der Supporter dabei aber unmittelbar nach der Aktion mehr Nutzen als Kosten hat.
Zukunftsforscher Georges T. Roos hat schon 2004 davon gesprochen, dass Altruismus dabei sei, auszusterben. Je länger je mehr würden Pflicht- und Akzeptanzwerte zugunsten von Selbstentfaltungswerten an Boden verlieren.
Doch auch wenn sich, wie es Zukunftsforscher Roos bezeichnet, die selbstlose Opferbereitschaft zu einer exotischen Rarität mausert, stehe die (westliche) Welt, zumindest aus dieser Warte heraus, nicht in Flammen. Konträr zueinander stehende Werte wie Altruismus und Eigennutz könnten sich problemlos gegenseitig die Klinke in die Hand drücken, seien doch selbstbezogene Motive oft sehr viel wirkungsvoller als selbstlose.

















